laut.de-Kritik

Wie passen Nihilismus und Liebe zusammen?

Review von

Es gibt Albumtitel, die man einfach zweimal benutzt, weil sie beim ersten Mal offenbar noch nicht alles gesagt hatten. Shane Lavers und seine beiden Mitstreiter:innen Maya McGrory und Violinist Zachary Paul machen genau das: Ihr neues Album heißt wieder "Your Day Will Come", genau wie ihr Debüt aus dem Jahr 2024. Wer jetzt Teil zwei, Fortsetzung oder einfache Zweitverwertung erwartet, liegt aber falsch. Der Tag ist immer noch nicht gekommen, aber die Geschichte ist bei weitem noch nicht auserzählt.

Denn Lavers beschäftigt sich erneut mit den großen Fragen, die man sich gerne vom Hals hält: Was bedeutet es, weiterzumachen, wenn man an der Zukunft zweifelt? Wie passen Nihilismus und Liebe zusammen? Und was bleibt übrig, wenn man sich selbst, seine Kunst und die Welt um einen herum nicht mehr so recht ernst nehmen kann? Die Figuren auf "Your Day Will Come" stecken genau in diesen Widersprüchen fest. Sie denken über Tod, Trauer und Sinnlosigkeit nach, verlieben sich trotzdem, wollen sich verlieren und gleichzeitig gerettet werden.

Musikalisch klingen Chanel Beads dabei weiterhin so, als würden sie ihre Songs erst einmal in ihre Einzelteile auseinandernehmen und anschließend schauen wie man es wieder zusammen puzzeln kann. Lavers' Stimme ist oft verzerrt, gepitcht oder mehrfach übereinandergelegt, während Maya McGrory mit deutlich klarerer, verträumter Stimme einen Gegenpol bildet. Dazu kommen Gitarren, Streicher, Synthesizer und elektronische Drums, die mal beinahe wie ein klassischer Indie-Song funktionieren und sich im nächsten Moment wieder krächzend entladen. So entsteht eine eigensinnige Mischung aus Ambient-Pop, Folk, Indie und dem, was inzwischen gerne als Cloud-Rock bezeichnet wird.

"Silver Cup" lässt beispielsweise die Stimmen und Instrumente kurz aufleuchten, bevor der Song wieder in seine eigene Unschärfe zurückfällt. "Tyler Richard" geht noch weiter und kippt zeitweise in beinahe albtraumhafte Schreie. An anderer Stelle, etwa in "Song For The Messenger", wird Lavers' Stimme so stark bearbeitet, dass sie gleichzeitig verletzlich und seltsam weit weg klingt. Das alles wirkt nicht wie ein Selbstzweck: Die Musik passt ziemlich gut zu den Figuren, die in diesen Songs selbst nicht genau wissen, wo sie eigentlich stehen.

Maya McGrorys Stimme sorgt immer wieder dafür, dass die Songs nicht komplett in Lavers' Kopf gefangen bleiben. Auch Zachary Pauls Violine gibt den Songs etwas Organisches und Warmes, das gut zu den digitalen und teilweise ziemlich kaputten Sounds passt.

"Your Day Will Come" ist deshalb kein Nachschlag zum Debüt, sondern tatsächlich eine zweite Version derselben Idee. Der Satz klingt zunächst wie ein Versprechen: Dein Tag wird kommen. Nach diesen 14 Songs klingt er eher wie eine Frage. Vielleicht kommt dieser Tag irgendwann. Vielleicht auch nicht. Chanel Beads liefern darauf keine Antwort. Aber vielleicht muss Musik das auch gar nicht können, um einen zumindest ein Stück weit durch die eigene Ratlosigkeit zu begleiten.

Trackliste

  1. 1. Drums Only
  2. 2. Song For The Messenger
  3. 3. The Coward Forgets His Nightmare
  4. 4. Profane Break
  5. 5. JBL In The Fireplace
  6. 6. Tyler Richard
  7. 7. Outside Your Life
  8. 8. Dust In The Wind
  9. 9. Silver Cup
  10. 10. Opening In The Gate
  11. 11. Spirit Showing
  12. 12. Drunk Stupid In The Structure
  13. 13. Boss
  14. 14. Beaten With Sticks

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