laut.de-Kritik

Als Ziggy Stardust noch Davy Jones war.

Review von

Das Jahr 1965: Die Beatles veröffentlichen "Help!", Björk kommt auf die Welt. Gewissermaßen wird auch David Bowie geboren, denn im September legt er seinen bürgerlichen Namen David Jones ab und nennt sich so wie er als Musiker unsterblich werden sollte.

1965 machte er viele Aufnahmen zusammen mit einem damals erfolgreichen Produzenten, diese sind nun auf "The Shel Talmy Recordings" versammelt. Noch vor seinem Durchbruch, vor seinem selbstbetitelten Debütalbum von 1967 und noch als Davy Jones, zusammen mit seiner Band The Lower Third oder auch The Mannish Boys genannt, spielte er unterschiedlichste Songs und Sessions.

Bei manchen ist sogar Jimmy Page – noch vor seiner Led-Zeppelin-Zeit – an der Gitarre zu hören und Nicky Hopkins am Klavier – der später mit den Rolling Stones oder den Beatles auftrat. Manche davon sind unveröffentlicht und nun erstmals auf dieser Compilation zu hören. Shel Talmy selbst wurde berühmt für seine Zusammenarbeit mit einigen Bands, deren Hits er produzierte, wie zum Beispiel für die Kinks ("You Really Got Me", "Tired of Waiting For You"), The Who ("I Can't Explain") oder zahlreiche Songs für Manfred Mann.

Songs wie "I Want Your Love" zu lauschen, ist wie das Blättern in alten Fotobänden. Man hört einen Bowie, der quasi wie in einer Schulband ausprobiert sowie ausspäht, was ein Hit werden könnte. Das beschwingte R'n'B-Stück ist jedoch definitiv ein Kind seiner Zeit, kein Kind des späteren Bowie. Hier sucht er noch nach seiner Stimme, nach seinem eigenen Look, den er circa zwei Jahre später formen sollte, als sein nächstes selbstbetiteltes Album erscheint – besser bekannt unter dem nachträglichen Titel "Space Oddity".

Auf "The Shel Talmy Recordings" erleben wir jedoch einen ganz anderen Künstler, adrett gekleidet und brav frisiert, die Musik spielend, die die damalige hippe Londoner Szene hörte: direkter wie bluesiger, leicht psychedelischer Pop-Rock zum Tanzen. "Die Aufnahmen hier sollten nicht an den Maßstäben seiner späteren Karriere gemessen werden, sondern daran, was zu diesem genauen Zeitpunkt in Großbritannien passierte", erläutert Musikhistoriker Alec Palao in den Liner Notes der Compilation.

Für David-Bowie-Fans ist dieses Album eine Zeitreise in die Swinging Sixties, bei der sie diese spezielle Stimmung quasi durch Davy Jones' Probieren und Proben im Musikstudio miterleben können. Talmy sagte in einem Interview von 2017, dass er damals sicher war, Bowie würde ein großer Star: "Das Einzige, was schade war: Er und ich waren dem Markt ungefähr sechs Jahre voraus." Zu diesem Satz passt wunderbar die Tatsache, dass die Compilation mit "You've Got A Habit Of Leaving" und "Baby Loves That Way" zwei Songs enthält, die sich Bowie im Jahr 2000 noch einmal vorknöpfte. Das dazugehörige Album "Toy" sollte jedoch zu Lebzeiten nie erscheinen und erblickte erst 2022 das Licht der Welt.

Trackliste

  1. 1. You've Got A Habit Of Leaving
  2. 2. I Want Your Love
  3. 3. Cupid
  4. 4. I Pity The Fool
  5. 5. Baby Loves That Way
  6. 6. Keep Up With The Jones (Instrumental)
  7. 7. Leave Her To Me
  8. 8. I'll Follow You
  9. 9. You Gotta Tell Her
  10. 10. Take My Tip
  11. 11. Certain Woman
  12. 12. Glad I've Got Nobody
  13. 13. Today
  14. 14. I Want My Baby Back
  15. 15. I Live In Dreams
  16. 16. Bars Of The County Jail
  17. 17. That’s Where My Heart Is
  18. 18. I Do Believe I Love You
  19. 19. You've Got A Habit Of Leaving (Alternative Overdub/vocal)
  20. 20. I Pity The Fool (Alternative Vocal)
  21. 21. Baby Loves That Way (Alternative Vocal)
  22. 22. Take My Tip (Alternative Vocal)

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