laut.de-Kritik

Der Isländer auf der Suche nach dem Glück.

Review von

Nervenzusammenbruch, aus dem tiefen Tal wieder rauskämpfen und am Schluss wieder etwas Hoffnung schöpfen, so ungefähr lassen sich die letzten Jahre des isländischen Musikers Kaktus Einarsson zusammenfassen. Wer schon einmal eine Lebenskrise durchleben musste, weiß um den merkwürdigen Zustand zwischen Reboot und der bangen Frage, wer man nun eigentlich genau ist und überhaupt sein möchte, ebenso verschiebt sich auch die Definition von Glück auf eine neue Art und Weise.

Nach seinem persönlichen Trauma und dem introspektiven "Lobster Coda"-Album beschäftigt den nachdenklichen Isländer nun wieder die Weltlage im Allgemeinen. Was bringt es auch, wenn man für sich das Glück findet, aber der Planet um einen herum komplett wie eine Vorahnung der Apokalypse zwischen düsteren Tech-Machenschaften und immer weiterer Spaltung der Gesellschaft wirkt. Dazwischen plärren mit weit aufgerissenen Augen und vollkommen von der Wirklichkeit längst entkoppelt, Influencer ihr Produkt-Marketing in einem Luxus-Resort. Keine Ahnung, wie man später diese Timeline betrachtet, aber selbst überdrehte Blockbuster-Games wie GTA 6 und sämtliche Satire-Formate kommen bei diesem täglichen Wahnsinn nicht mehr hinterher. Es scheint aber so, dass die Jahre der andauernden Schockstarre immer mehr einem großen "Und jetzt?" weichen. Ein Glück, denn der nihilistische Untergangston-Blues fängt auch an, etwas ranzig zu werden.

So startet das dritte Album durchaus beschwingt mit "Borrowed Dreams", einer im lyrischen Kern verächtlichen, aber musikalisch luftigen Indie-Pop-Nummer, die wieder mehr an seine Post-Punk-Band Fufanu erinnert und diesen typisch isländischen, etwas mythischen Ambient-Vibe besitzt. Hilfe gibt es dabei von Thibault Gomez, der etwas wie Damon Albarn auf dem letzten Album wieder etwas Schwere bringt. Doch diesmal siegt die Dunkelheit nicht, nahezu kämpferisch singt Einarsson darüber, wie man sich nicht in traurigen Fatalismus ergeben muss und zusammen wieder eine neue Utopie erschaffen kann. Das erinnert an The Notwist, und so komplett liegen keine Welten zwischen Reykjavík und Weilheim. Überhaupt sollte man an dieser Stelle darüber sprechen, dass Indie Pop mal durchaus was Wahrhaftiges und Schönes hatte und leider seit den Zehnerjahren nur noch als etwas cooleres Etikett für gefällige Pop-Musik gilt.

"Glycerine" erinnert daran, wie sehr man noch vor Jahrzehnten durchaus schönen Melodien lauschen konnte, die zwischen Experiment und Pop changierten. Die Melange aus Funk und elektronischen Beats verfügt auch tatsächlich über keinerlei lyrische Melancholie, die das tanzbare Stück gravitätisch nach unten reißt. Es geht vollkommen unkitschig um Liebe, zu Menschen und darum, das Leben an sich nicht als immerwährende Prüfung anzusehen. Ein tatsächlich vollkommen optimistischer Song zwischen Sommerurlaub in Portugal und dem 24-h-Licht in Island, das wiederum die Monate der fortwährenden Dunkelheit ablöst.

Weiß man um die existenzielle Traurigkeit von "Lobster Coda", darf man sich einfach für einen Menschen freuen, der sich aus dem absoluten Tiefpunkt heraus kämpfte und nun wieder Glück empfindet. Die Gefahr, dass nun eine Überkompensation mit Sunshine Reggae und gute Laune-Musik stattfindet, könnte man vielleicht vermuten, doch "Glycerine" ist in erster Linie einfach gut gemachter Electro-Pop, auch wenn der überraschende Rap-Part im Mittelteil etwas random wirkt. Der war nicht zwingend notwendig, fügt sich letztendlich aber unspektakulär ein. Reggae, oder eher Dub-Musik, gibt es dann wirklich, aber nur als Teil des flirrenden Indie-Folktronic "The Decipherer", ein Duett mit der isländischen Singer-Songwriterin Rakel.

Gegen wieder aufkommende Queer-Feindlichkeit singt er mit John Grant in "Follow", eine Mischung aus dem brummigen Soul-Gesang des amerikanischen Indie-Musikers John Grant und oldschooligem
Vintage-Synthie-Sound. Der Anlass für den Song war eine US-Touristin, die sich in einem Livestream homophob über die Pride-Beschmückung in Reykjavík äußerte und sogar in vollkommener Umnachtung die damaligen vulkanischen Eruption als Zeichen einer göttlichen Bestrafung sah. Wäre es mittlerweile nicht so bedrohlich für sämtliche Minderheiten auf dem Planeten, dieser Moment wäre einfach purer Slapstick. John Grant, der Schwulenfeindlichkeit und Selbsthass auf Alben wie "Boy from Michigan" bereits verarbeitete, und Kaktus greifen allerdings nicht zur Option, auf diesen Blödsinn mit Hass zu antworten, sondern fühlen einfach nur Mitleid mit dieser anscheinend sehr verbitterten Frau, die bei ein paar Regenbogenflaggen schon den Weltuntergang beschwört.

Seinen absoluten Höhepunkt hat "Factoid Happiness" dabei gar nicht so sehr in den funky Uptempo-Nummern. Richtig toll wird es in "Lemon Taste" in seiner majestätischen Folk-Schönheit, irgendwo zwischen Kings Of Convenience, Simon & Garfunkel und dem Harfenspiel einer Joanna Newsom. Ja, irgendwie ist diese kühle und mystische Atmosphäre des Songs schon etwas nordisches Björk- oder Sigur-Rós-Klischee, aber eben auch ein sehr schönes. Keine Verbitterung trägt dieses Lied über einen Moment der Epiphanie, in dem Kaktus am Ende des Albums weiß, worum es wirklich geht, und der alle Verbitterung über dieses furchtbar laute Zeitalter hinwegfegt: Es braucht nur einen ruhigen Tag, die klare Luft und seine Familie, um ihn wieder aus der Grübel-Abwärtsspirale heraus zu holen.

Der Song wäre eigentlich der perfekte Abschluss, doch es folgt nochmal zum Ende ein etwas asymmetrischer, leicht experimenteller Song. "3rd Time" klingt wie Thom Yorke auf Antidepressiva, der nach dem "Pyramid Song" eine hoffnungsvolle Variante wagt. Ein gleichermaßen vertrackter, aber trotzdem angenehmer Song, in dem die britische Musikerin Jessica Winter über die Entwertung, Illusion und die Bedeutung von Glück spricht. Ein reines Good-Feeling-Album für Yoga-Retreats muss man nicht befürchten, der Zweifler und Grübler schimmert immer wieder durch, aber Kaktus Einarsson ist hörbar wieder voller Elan zurück im Leben, und versucht mit "Factoid Happiness" etwas reparieren, was hoffentlich noch nicht ganz kaputt ist.

Trackliste

  1. 1. Borrowed Dreams
  2. 2. Glycerine
  3. 3. The Decipherer
  4. 4. Burning Snow
  5. 5. New Perfume
  6. 6. Situated Lovers
  7. 7. Follow
  8. 8. Another Feel
  9. 9. Lemon Taste
  10. 10. 3rd Time

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