laut.de-Kritik
Zum Abschied von Hannes Braun knallt es noch mal so richtig.
Review von Kai ButterweckNach einem knappen Vierteljahrhundert, in dem sich Kissin' Dynamite von der Schulband zu einer festen Größe im deutschen Rockzirkus entwickelt haben, steht die Band nun vor einem wegweisenden Umbruch. Mit der Nachricht, dass sich Sänger Hannes Braun aus gesundheitlichen Gründen aus dem Rampenlicht verabschieden wird, sorgten Kissin' Dynamite im vergangenen Herbst für entsetzte Gesichter im Fanlager. Wer nach den drei Abschiedskonzerten Im kommenden September die Nachfolge des scheidenden Frontmannes übernimmt, steht aktuell noch in den Sternen. Was aber jetzt schon feststeht: Die Band beendet die prägende Ära Braun mit einem satten Studio-Knall.
"Das letzte Album mit mir am Mikrofon hätte es ohne den Zuspruch und der Energie unserer Fans wahrscheinlich nicht gegeben", betont Hannes Braun im Vorfeld der Veröffentlichung des selbstbetitelten Final-Longplayers der Band. Und die Fans haben nun gleich doppelten Grund zur Freude. So präsentieren die Schwaben nicht nur sechs brandneue Songs, sondern auch sieben Tracks von den ersten beiden Alben, die noch einmal neu eingespielt wurden. Der Hintergrund: Die alten Songs wurden einst vor dem Stimmbruch des Sängers aufgenommen.
Das Album startet mit der ersten Single "Glory Days", ein Song, der die Basis und das Fundament der vergangenen zwei Jahrzehnte der Band wunderbar auf den Punkt bringt. Das ist breitbeiniger Radiorock mit einem Schuss Metal und einer Stimme an vorderster Front, die sich vor den Großen des Genres nicht zu verstecken braucht. Hinzukommt, dass die Band über die Jahre auch ein feines Gespür für arenataugliche Refrains entwickelt hat. "Glory Days" markiert ein erstes dickes Ausrufezeichen.
Mit dem Dudelsack und der Unterstützung von Saltatio Mortis schicken die Schwaben einen stampfenden Rocker hinterher, der mit dem fulminanten Opener nicht ganz mithalten kann ("I Salute You"). "Heartattack" ist dann der erste bereits bekannte Song, der sich im neuen Klanggewand präsentiert. Mit einem wesentlich wärmeren Gesamtsound fügt sich der Track nahtlos ein. Den außergewöhnlichen Chorus bekommt Hannes auch knapp zwanzig Jahre später noch problemlos hin.
Die Palette der Band ist vielfältig. Zwischen Helloween, Pretty Maids und Bon Jovi ist alles möglich und umsetzbar. Die klassische Power-Ballade ("Out In Ther Rain") zündet genauso wie nach vorne preschender Wacken-Metal ("Steel Of Swabia"). Gemeinsam mit League Of Distortion-Frontfrau Anna Brunner erinnert Hannes Braun an die großen Lagerfeuer-Momente der Hair-Metal-Ära ("Lie For Me") – auch das funktioniert.
Nach acht Studioalben und etlichen Touren weiß die Band ganz genau, welche Strippen sie ziehen muss, um möglichst viele Hardrock- und Metal-Fans aus den verschiedensten Lagern an einen Tisch zu bekommen. Vielleicht landen Kissin' Dynamite nicht mit jedem Song einen Volltreffer ("Night Is Calling", "Against The World", "Nothing Breaks Like A Heart"). Aber im Großen und Ganzen überzeugt der Fünfer auch auf dem neunten Studiowerk.
Was der Band besonders hoch anzurechnen ist: Sie lässt sich nicht verbiegen. Kissin' Dynamite bleiben sich auch im Abschiedsjahr von Mastermind Hannes Braun treu. Wer auf melodischen, satt produzierten und selbstbewusst inszenierten Metal steht, der gerne auch mal in Richtung Hardrock abbiegen darf, der bekommt hier das komplette Paket.


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