laut.de-Kritik

Wie ein Sonnenstrahl in der Düsternis.

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Während der Montez-Review, irgendwo am Höhepunkt der Qual eines wirklich schlechten Albums, verirrte sich ein anderer deutscher Song in die Spotify-Playlist: "Wenn du tanzen willst" von Lotte. Wie ein Sonnenstrahl in der Düsternis erleuchtete er den dank 08/15-Texten leer gespielten Raum zwischen meinen Ohren. Adjektive wie frisch, sympathisch und einzigartig tauchten ungewollt auf.

Da wird der erfahrene Musikjournalist natürlich sofort misstrauisch, gehören "frisch", "sympathisch" und "einzigartig" doch zu den unangenehmsten und gleichzeitig am häufigsten gebrauchten Begriffen, wenn man hilflos und limitiert seinem Handwerk frönt. Doch auch nach wiederholtem Durchlauf hüpft dieses fröhliche Chanson zwischen dem KI-generierten Montez-Quatsch quietschfidel hin und her. Dankbar wird zu Lottes Album gewechselt – und ihr viertes enttäuscht nicht.

Irgendwo zwischen Lana-Del-Rey-Träumereien, Chanson à la Alexandra und modernem Deutschpop findet Lotte ihre Lücke. Sofort geht die Sängerin auf Tuchfühlung, lädt den Hörer ein, eine gute Zeit zu haben. Keinen Augenblick fühlt man sich, als hätte man Zeit vergeudet.

Nach "Wenn du tanzen willst" fegt auch "Teil von mir" mit Schneebesen-Snare und treibendem Bass geschwind durch die Bar. "Du musst frei sein, ich würde nur gerne dabei sein." Auf dem gesamten Album verarbeitet Lotte eine gescheiterte Beziehung, an der sie spürbar noch hängt. Ihre gehauchte Tonlage steht dabei im Kontrast zu den durchaus fordernden Texten. Sie leidet nicht groß, sie klagt nicht an, aber sie fragt und fordert.

Musikalisch funktioniert das überraschend gut. Früher konnte man ihrer ansonsten harten, sehr präsenten Stimme schnell überdrüssig werden. Mit dem neuen Style trifft sie genau den richtigen Nerv, ohne zu wolkig und beliebig zu klingen. Lotte bewegt sich nun innerhalb des Sounds. Ihre Stimme wird Teil des Ganzen – und so wirkt das gesamte Gebilde wesentlich nachvollziehbarer und stimmiger.

Sie braucht nicht viel, einen langsamen Walzerrhythmus und sehnsüchtige Harmonien in "Oh mein Herz", aber den einen bekommt sie nicht zurück. "Ich will nicht neu anfangen, ich will keinen anderen." Der Neuanfang als Künstlerin ist jedoch omnipräsent. Auf "Heute hier und morgen weiter" dämmt Jules Apollinaire, der unter anderem mit Suki Waterhouse und Blossoms gearbeitet hat, das Licht im Londoner Studio noch stärker. Fast nimmt man Lotte nicht mehr wahr, bis der Refrain mit einem Ausflug in den deutschen Chanson den Raum wieder erhellt.

So geht es dahin. Sie träumt als "Wildes Kind" und gibt zu: "Ich weiß doch auch noch nicht, wer ich bin." Diese sich wiederholende Diskrepanz zwischen den Geschichten und ihrem persönlichen Weg sorgt für Spannung. Wie oben erwähnt, hat sich Lotte als Künstlerin gefunden. In der Beziehung bleibt sie aber eine Suchende, die das Alte nicht aufgeben will ("du kannst mich lieben und trotzdem frei bleiben").

Zwei größere Kritikpunkte halten "Lotte" jedoch von einer Spitzenbewertung fern: die Lyrics und der letzte Mut im Songwriting. Subtile Bilder oder intensives Storytelling sucht man vergeblich. Versuche, Kraft aus Bildern des Alltags zu schöpfen, wie in "Double cheesy nachos", versanden. Der Rest ist um Längen besser als die Montez-Ergüsse, doch das Level eines Yassins oder Dirk von Lowtzow erreicht sie nicht. Noch nicht.

Den fehlenden Mut bemerkt man dagegen erst nach einiger Zeit, denn zu viele Songs wie "Groupie und Superstar", "Traumpolizei" oder "Leila" folgen zu stumpf der bekannten Formel. Dass sie mutig sein kann, beweist sie mit "Mein Baby" kurz vor Schluss. Die Snare wird härter, der Sound breiter und Lottes Stimme traut sich höhere Oktaven zu. Sogar ein Gitarrensolo taucht auf – und auch die Lyrics deuten das poetische Potenzial zumindest an:

"Mädchen sind pretty in Gotham City, doch es gibt kein'n, der uns vermisst / Tanzen uns dreckig, bis alle weg sind, sogar der Schmerz uns hier vergisst / Bauschilder leuchten, Club der Enttäuschten, hier ist nur Hoffnung gefährlich."

Auch wenn das Baby weg ist, der Neuanfang ist da.

Trackliste

  1. 1. Wenn du tanzen willst
  2. 2. Teil von mir
  3. 3. Heute hier und morgen weiter
  4. 4. Oh mein Herz
  5. 5. Groupie und Superstar
  6. 6. Wildes Kind
  7. 7. Traumpolizei
  8. 8. Leila
  9. 9. Double cheesy nachos
  10. 10. Mein Baby
  11. 11. Jenny
  12. 12. Dei dei dei

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