laut.de-Kritik
Nur drei Tracks stechen aus dem Einheitsbrei hervor.
Review von Stefan Johannesberg"Laut wurde schon gehatet von Fler, Sentino, Wonderwall / doch scheiß' auf all die Rapper, Mann, auf Letztere sind wir besonders stolz". Ja, ein Rap-Poet ist nicht an mir verloren gegangen, aber gegen 2005 musste ich meine Erfahrungen im digitalen Musikgeschäft mal in Reime packen. Damals, im forengetriebenen Prä-Social-Media-Zeitalter, zählten die Punkte bei laut.de noch für Ehre und Erfolg und sorgten für Zornesröte in Berlin und Umgebung. Selbst eine etwas kritische Einordnung von 2Pac goutierten laut-User mit Morddrohungen, Spax ärgerte sich per Mail über "flowt arrogant" und Ercandize war mit einem Bushido-Vergleich nicht einverstanden.
Luca Manuel Montesinos Gargallo aka Montez schob sich in den letzten Jahren mit dem 1-Punkte-Hattrick in die vorderste Hate-Front. Yannik hatte den Berliner in drei Reviews komplett durchgespielt und in Grund und Boden verrissen. Früher hätten die Telefonleitungen Richtung Konstanz geglüht. Heuer tangiert das die Künstler:innen kaum noch peripher. Im Falle Montez muss man überhaupt fragen: Was tangiert einen Künstler mit Lyrics und Melodien, die jeder Grundschüler mit einem Prompt besser hinbekommen hätte, überhaupt? Nichts. Wie kann ein so talentierter Emcee zum Schundroman-Schreiber der modernen Schlagerszene werden? Oder sind wir hier, die Wächter:innen des guten Geschmacks, auf dem Holzweg wie Segler?
Im Gegensatz zu Yannik habe ich ja ein Herz für deutschen Schlager-Pop, der bis weit in den Ballermann reicht. Immerhin versuche ich bereits seit zehn Jahren, Matthias Reims Debüt "Reim" bei Dani als Meilenstein zu platzieren. Zudem habe ich keine Beziehung zu Montez' Phase als hoffnungsvoller Emcee. Das Schlimmste sind eben nicht schlechte Leistungen, sondern enttäuschte Erwartungen. Und ich habe keine – doch selbst die unterbot Montez mit seinem siebten Album "So ist das mit dem Glück" größtenteils.
Der Opener "Niemand ist wie du" beginnt zurückgenommen, sehnsüchtige Synthies und vorsichtige Gitarrenlicks unterfüttern die vorgeschobene Empathie in den Lyrics. Obwohl, Lyrics sind das eigentlich nicht, da fehlt es an Charisma und Poesie, es sind Texte. "Meine Freunde haben so viel Tipps, doch die checken's nicht". Am Ende steht ein belangloser Radio-Tune, der niemandem wehtut. Tausendmal gehört, tausendmal ist nichts passiert. "Wie es ist" leiht sich einen kleinen Latin-Rhythmus aus und erstaunt mit Erkenntnissen wie "Liebesbriefe muss man schreibenDie Welt, sie dreht sich". Bei "Wasserfall" zitiert Montez über einen handclappenden 2000er-Beat sanft die Münchener Freiheit ("alles, was ich fühl' bist du") und stellt mit der Zeile "Deine Küsse sind wie Schüsse, bitte triff mich" selbst die Flippers in den Schatten.
Das Drama ist ja, dass Montez eigentlich alles singen kann. Er flowt wie damals als Emcee, bindet Autotune geschickt ein und liefert auch handwerklich gute Pop-Hooks mit genug Ecken ohne Kanten ab. Im Zusammenspiel mit seinem Songwriting wirkt das Produkt aber wie eine KI, die man mit Revolverheld, Wincent Weiss und einer Schmalspurversion von Post Malone gefüttert und für die man dann das kostenlose Modell genommen hat. Selbst dort, wo Montez Persönliches verhandelt (“Panzer”), klingt kaum eine Zeile, kaum ein Moment wirklich einzigartig oder originell.
Nur drei Tracks stechen aus diesem Einheitsbrei hervor. Auf "Die Falschen geküsst" kommt mit Chapo102 endlich ein bisschen Schwung in die Bude. Chapos Part ist natürlich keine Offenbarung – "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber nicht das, was ich verspreche" –, aber er fügt dem melancholischen Schlager-Pop genau jene Eckkneipen-Erdigkeit und Bodenständigkeit hinzu, die einen austauschbaren Song vom Einheitsbrei abhebt. "Glück" funktioniert dank Sido ebenfalls, auch wenn Zeilen wie "Blätter fallen im Herbst und kommen zurück. Sie (Mama) sagt, so ist das mit Glück" schon schwer verdaulich im Magen liegen.
Als Letztes steht noch die von Yannik ja bereits "gewürdigte" Single "Wenn du mich fragst" auf der Habenseite. So muss deutscher Pop-Rock für das UKW-Radio klingen, und zum wirklich ersten und einzigen Mal auf dem Album verdienen sich Montez' Ergüsse den Begriff "Lyrics". Es geht doch!
"Ich lauf' von der Schule heim und auf dem Walkman Teenage Dirtbag
Hab' es so laut aufgedreht, dass meine Mama sagt: 'Ich hör' schlecht'
Schmeiß' den Rucksack in die Ecke und renn' direkt wieder raus
Sie ruft mir noch hinterher: 'Du bist um sieben Uhr zuhaus'"
Wenn du mich fragst, wie es war, als wir regierten, sage ich: laut.de entschied, ob ein Song nervte oder nicht.


1 Kommentar
Vor vielen vieln Jahren ist Montez mal zwei Jahre hintereinander in einem Jugendzentrum in meiner Nähe aufgetreten. Die Musik schien schon ganz cool zu sein. Er ist wohl auch ein entspannter Typ.
Verloren hat er mich dann viele Jahre später als er in einem Track "Deine Küsse haben nach Engel geschmeckt" rappte. Da wurden wieder die schlimmsten Erinnerungen an frühere Bushido-Liebestracks wach, also die von 2006-2010.