28. April 2026
"Musik kann dein ganzes Leben verändern"
Interview geführt von Kai ButterweckDrei Jahre nach der Veröffentlichung ihres Konzept-Longplayers "Formentera II" melden sich Metric mit dem neuen Album "Romanticize The Dive" zurück. Die Zeit der Experimente ist vorbei. Auf dem neuen Studiowerk gehen die Kanadier musikalisch wieder zwei Schritte zurück - sehr zur Freude aller Fans der ersten Stunde.
Seit beinahe drei Jahrzehnten touren Emily Haines, Jimmy Shaw, Joshua Winstead und Joules Scott Key nun schon unter dem Metric-Banner um die Welt. 1998 kam der kanadische Vierer in New York zum ersten Mal zusammen. Es folgten die wilden und inspirierenden Indierock-Nullerjahre. Mit ihrem neuen, mittlerweile zehnten Studioalbum "Romanticize The Dive" blickt die Band nun zurück und orientiert sich soundtechnisch an den Anfangstagen. Kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Longplayers trafen wir uns mit Frontfrau Emily Haines und Sound-Mastermind Jimmy Shaw zum Interview und sprachen über veränderte Gefühlslagen, das Feuer der Vergangenheit und magische Orte.
Emily und Jimmy, ihr seid jetzt seit über zwanzig Jahren gemeinsam unterwegs, habt gerade euer zehntes Studioalbum fertiggestellt und kennt das ganze Prozedere rund um die Veröffentlichung eines neuen Werks in und auswendig. Seid ihr trotzdem noch nervös oder angespannt, wenn die Tage vor dem nächsten Release immer weniger werden?
Jimmy Shaw: Es ist schon ein bisschen anders als früher, keine Frage. Als wir unsere ersten Sachen veröffentlichten waren wir jung und unerfahren. Wir wussten, dass uns jede schlechte Rezension killen könnte. Wir waren super angespannt und hatten keine Ahnung, in welche Richtung das Ganze gehen wird. Niemand konnte uns garantieren, dass wir eines Tages von der Musik leben werden. Das war noch eine große Blase, die jederzeit zerplatzen konnte. Dementsprechend nervös und angespannt waren wir. Heute ist es anders. Heute sind wir nur noch aufgeregt. Wir veröffentlichen Musik, die uns nach wie vor etwas bedeutet. Das kribbelt schon. Aber wir sind nicht mehr nervös oder angespannt. Die Zeiten sind vorbei.
Euer letztes Album "Formentera II" erschien vor drei Jahren. Wann war die Zeit reif für "Romanticize The Dive"?
Jimmy Shaw: Als wir die "Formentera"-Session starteten war noch nicht abzusehen, dass es am Ende zwei Alben werden. Der Prozess war aber unheimlich produktiv und wir hatten selten so eine kreative Phase. Selbst als "Formentera II" fertig war hatten wir noch Songs in der Pipeline. Wir mussten den Prozess dann irgendwann stoppen. Wir haben dann alle Songs, die wir noch hatten, zur Seite gelegt. Im Laufe der Zeit haben wir die Ideen dann wieder ans Licht gebracht und uns weiter damit beschäftigt. So wurde der Produktionsprozess von "Romanticize The Dive" quasi ganz natürlich angeschoben.
Jimmy, du hast letztens in einem Interview gesagt, dass euch diesmal die "Essenz" der Anfangstage wieder wichtig war. Habt ihr das Gefühl, dass euch diesbezüglich zu viel verloren ging?
Emily Haines: Wir hatten nicht das Gefühl, dass uns etwas verloren ging. Es ist eher so, dass wir in der Vergangenheit viel experimentiert haben. Die beiden "Formentera"-Alben sind Konzeptwerke, die musikalisch und auch thematisch einen ganz eigenen Platz in unserer Biografie einnehmen. Wir haben damals viel ausprobiert. Wir haben viele orchestrale Momente und auch viele elektronische Parts auf dem Alben. Diesmal haben wir uns gesagt: Lass uns ein paar Schritte zurück gehen und all die Leute wieder zusammenbringen, die während der Alben "Fantasies" und "Synthetica" mit dabei waren.
"Wir brannten für unsere Ideen"
Gab es diesmal ganz besondere Inspirationsquellen?
Emily Haines: Ja, absolut. Normalerweise hören wir gerne Musik von anderen Künstlern – auch wenn es darum geht, sich inspirieren zu lassen. Diesmal aber haben wir nur uns und unsere Vergangenheit mit ins Boot geholt. Wir haben jeden Song, den wir geschrieben haben, mit unserem jüngeren Ich konfrontiert und uns dabei die Frage gestellt: Wie hätte dieser oder jener Song in der Zeit von "Live It Out" oder "Fantatsies" geklungen? Das war ein unheimlich spannender Prozess.
Ihr habt wieder in New York aufgenommen, der Ort, wo Ende der Neunziger alles anfing. Wie war das damals?
Emily Haines: Das war eine ganz aufregende Zeit. Jimmy und Ich, wir sind damals mit großen Träumen und ganz wenig Geld von Kanada aus mit einem Greyhound-Bus nach New York gefahren. Wir hatten wirklich keine Ahnung. Wir waren bestimmt auch naiv. Aber wir brannten für unsere Ideen und unsere Leidenschaft. Ich weiß noch, wie Jimmy diesen Typen in Brooklyn kennenlernte, der uns dann in einem ziemlich runtergekommenen Industrieviertel ein paar zusammenhängende Räume vermietet hat. Da war nichts, außer Stahl und Beton. Mit der Zeit lernten wir dann andere Musiker und Künstler kennen, die ähnliche Träume verfolgten. Und so entstand ein ganz besonderer künstlerischer Zirkel, in dem sich die Leute gegenseitig inspirierten. Das war eine ganz besondere Zeit – nicht nur für uns.
Im "Electric Lady Studio" haben schon Größen wie Led Zeppelin, Kiss, Blondie und U2 ihre Alben aufgenommen. Wieviel Magie steckt in diesem Studio?
Jimmy Shaw: Jedes Studio hat seine Besonderheiten. Und ja: Das Electric Lady Studio ist ein magischer Ort. In unserem Fall ist es einfach so, dass wir innerhalb dieser Räume gespiegelt werden. Dieses Studio ist brutal ehrlich. Das ist das Besondere an diesem Ort.
Gibt es eine bestimmte Electric Lady-Session, bei der ihr gerne dabei gewesen wärt?
Emily Haines: Ich blicke immer wieder gerne auf unsere Zusammenarbeit mit Lou Reed zurück ("The Wanderlust" auf "Synthetica"). Was viele nicht wissen: Für Lou Reed war es damals das erste Mal in diesem Studio. Aber klar, da sind schon ziemlich viele krasse Sachen entstanden. Ich denke da zum Beispiel an "Piss Factory" von Patti Smith ...
Jimmy Shaw: Oder "Voodoo" von D'Angelo. Ein absolutes Meisterwerk.
"Der Markt hat sich einfach verändert"
Eine Albumproduktion beinhaltet ja immer viele verschiedene Etappen. Wie wichtig ist euch die Studioarbeit innerhalb des großen Ganzen?
Jimmy Shaw: Wenn etwas aus dem Nichts heraus entsteht, ist das nicht mehr zu toppen. Für mich ist dieser Moment, wenn ein Song im Studio Fahrt aufnimmt und sich entpuppt, unvergleichbar. Man kreiert etwas, dass dir böse um die Ohren fliegen könnte. Es könnte aber auch dein ganzes Leben verändern. Das ist das Tolle und das Spannende an der Entstehung von Musik.
Emily Haines: Dieser Moment ist eigentlich nur noch zu übertreffen, wenn man die Musik dann später mit dem Publikum teilt. Auf der aktuellen Pressetour in London, Paris und Berlin spielen wir auch kleinere Promo-Shows. "Crush Forever" ist einer der neuen Songs, den wir während dieser Shows akustisch zum Besten geben. Dieser Song bedeutet mir persönlich sehr viel. Und wenn dann die Leute im Refrain mitsingen, bekomme ich jedes Mal eine Gänsehaut.
Ihr seid jetzt seit über zwanzig Jahren erfolgreich im Business unterwegs. Gab es zu Beginn Momente, in denen euch klar wurde, dass das Ganze irgendwann mal ziemlich groß werden könnte? Oder war das eher ein Prozess?
Emily Haines: Ich weiß auf jeden Fall, dass wir es von Beginn an unbedingt wollten. Wir haben uns und unsere Musik immer sehr ernst genommen. In unseren Zwanzigern waren wir selten feiern. Wir haben damals viel gearbeitet, weil wir diesen Traum hatten. Wir wollten es mit der Musik schaffen. Diesen einen Moment habe ich jetzt nicht im Kopf. Es war eher ein Prozess, in dem irgendwann verschiedene Dinge zusammenkamen, die für die Verwirklichung unseres Traums wichtig waren.
Ihr habt mit eurer Musik viele Künstler und Musiker inspiriert. Gibt es aktuell eine neue Band oder ein Solo-Act, der euch schwer beeindruckt?
Jimmy Shaw: Ich finde es immer cool, wenn die Leute nicht so viel Wert darauf legen, was gerade hip oder angesagt ist. Musiker, die einfach ihr Ding machen, sind mir immer sehr sympathisch. Dabei gefällt mir nicht immer die Musik. Aber ich finde die Attitüde cool, wenn jemand einfach macht, was er will und sich nicht von anderen Dingen leiten lässt.
Emily Haines: Ja, je verrückter, desto besser! (lacht)
Als ihr angefangen habt, ging es ausschließlich um das Aufnehmen von Alben und das Spielen von Shows. Heute gibt es das Internet und man hat das Gefühl, dass jeder ein Rockstar sein kann. Wie gefällt euch diese Entwicklung?
Emily Haines: Das Internet und die vermeintlich vielen und leichteren Möglichkeiten trügen ein wenig. Ich weiß nicht, ob es heute so viel einfacher ist, mit Musik erfolgreich zu sein. Vielleicht gibt es mehr Möglichkeiten. Die Folge ist aber natürlich auch, dass es viel mehr Musik zu entdecken gibt. Das macht es für die neuen Bands und Künstler nicht unbedingt einfacher. Der Markt hat sich einfach verändert. Für Bands und Künstler, die schon vor dem Internet präsent waren, heißt es einfach: dazulernen. Man muss sich anpassen und mit der Zeit gehen. Das ist der Schlüssel.


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