Sprachgewandte Jungs schreiben einander Schmähgedichte: Einer, der sich damit auskennt, führt durch den bizarren Kosmos der Kunst der Beleidigung.
Berlin (dani) - Battlerap ist schon ein krude Parallelwelt: Erwachsene Menschen, meist Männer, schmeißen sich unter Zeugen gegenseitig die derbsten Beleidigungen an den Kopf. Hemmungslos reiten sie auf realen oder unterstellten körperlichen, geistigen oder moralischen Defiziten ihrer jeweiligen Gegner herum und ziehen dabei deren Umfeld, insbesondere die weibliche Verwandtschaft, gerne gleich mit durch den Dreck.
Alle gebärden sich möglichst asozial, unterwerfen sich zugleich aber kreuzbrav einem starren Regelwerk: Ein Battle wird über so-und-so-viele Runden ausgetragen, eine Runde dauert so-und-so-lang, man unterbricht sich gegenseitig nicht, man wird nicht handgreiflich. Am Ende entscheidet eine Jury oder die Crowd, wer gewonnen hat. Normalerweise haut niemand irgendjemandem aufs Maul. Alle klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, alle gehen erheitert und friedlich nach Hause, alle haben sich mehr oder weniger lieb. Alle tun böse und brutal, sind eigentlich aber doch ganz artig. Jungs schreiben einander Gedichte, bitte, wenn man nur eine Sekunde darüber nachdenkt: Wie süß ist das? Herzig - aber eben auch ein bisschen bizarr.
Sich mit Hip Hop zu befassen, auch lange und ausgiebig, bedeutet keineswegs, dass man zwangsweise mit der Battlerap-Szene in Kontakt kommt. Es handelt sich tatsächlich um ein quasi autonom neben dem 'normalen' Rap-Geschehen herwaberndes Universum mit einem eigenen Codex, eigenen Strukturen und eigenen Stars. Klar gibt es Überschneidungen, klar hat sich die oder der eine oder andere Akteur*in aus der einen Welt auch schon einmal in der anderen blicken lassen oder umgekehrt. Solche Crossover finden jedoch nur vereinzelt statt, normalerweise bleiben die Lager unter sich. Es ist also leicht möglich, dass selbst Menschen, die schon jahre- und jahrzehntelang in der Hip Hop-Szene herumstromern, trotzdem nur eine verschwommene Ahnung von der Battlerap-Kultur mitbringen. Wie im Sport, eben: Wer etwas vom Boxen versteht, ist deswegen noch lange kein Experte für Wrestling.
Erklärs uns, Papi!
Höchste Zeit also, dass jemand schlüssig erklärt, was da eigentlich abgeht, in dieser merkwürdigen Blase namens Battlerap. Dass jemand die Geschichte aufrollt, die Regeln erläutert und zumindest einige der maßgeblich Beteiligten vorstellt. Bestenfalls jemand, der weiß, wovon er da spricht. Rafael Schmauch ist dafür eigentlich schon der richtige Mann. Er ist selbst aktiver Battlerapper, hat in der Szene einen Namen, wenn auch einen einigermaßen bescheuerten: In Anlehnung an seinen richtigen lautet sein Kampfname Papi Schlauch. Egal, er hat ein Standing, Erfahrungen und Einblicke aus erster Hand und zudem einen Ruf als verkopfter Studentenrapper. Eine Neigung dazu, Dinge zu erklären, kann kaum schaden, wenn es darum geht, Dinge zu erklären.
Schmauchs etwas zeigefingerige Art stellt sich tatsächlich als das kleinere Problem an "Battlerap - Die Kunst der Beleidigung" (Ventil Verlag, 246 Seiten, Taschenbuch, 22 Euro) heraus. Der Mann schreibt, das merkt man, über seine Passion. Wer wollte ihm da verübeln, dass ihm hin und wieder die Pferde durchgehen, und er auch an Stellen ins Dozieren verfällt, in denen seine Leser*innenschaft wirklich keine Hilfestellung gebraucht hätte? Zu anderen Gelegenheiten, bei denen eine Handreichung geholfen hätte, bleibt selbige jedoch aus oder erfolgt erst viel zu spät, das ist ein bisschen schade.
Wer ist Zielgruppe?
Ich schätze, Schmauch ist sich selbst nicht ganz darüber im Klaren, welche Zielgruppe er ansprechen will. Menschen, die ohnehin bereits in den Battlerap-Arenen ein- und ausgehen, werden das meiste bereits wissen. Diese Klientel dürfte die erwähnten ikonischen Wortgefechte kennen (sonst wären sie kaum ikonisch). Ich bezweifle, dass erfahrenen Battlerap-Konsument*innen jemand sagen muss, was eine "Punchline" ist, ein "Zweckreim", ein "Angle", oder was es bedeutet, wenn jemand "choket". Ich bezweifle noch stärker, dass man denen jede Doppeldeutigkeit in den Lyrics explizit auseinanderklamüsern muss, und ich bezweifle zutiefst, dass es wirklich nötig war, in den zitierten Raptexten die Reime per Fettdruck hervorzuheben.
Von Letzterem fühle ich mich tatsächlich noch mehr gegängelt als von unnötigerweise erklärten Witzen: Junge, glaubst du wirklich, dass jemand, der sich genug für Battlerap interessiert, um ein Buch über Battlerap namens "Battlerap" zu lesen, ohne deine Assistenz die Gleichklänge in einem Text nicht erkennt?! Ein bisschen was darf man den Leuten schon zutrauen, sofern man nicht dezidiert für ein Publikum schreibt, das von der Materie wirklich gar nichts weiß.
Sollte Schmauch aber diese vom Thema gänzlich unbeleckte Zielgruppe anvisiert haben, hat sein Buch ein ganz anderes Problem: Völlige Noobs hätten, um sich zurechtzufinden, schätze ich, ein bisschen mehr Systematik gebraucht. Ein bisschen weniger persönlicher Erfahrungsbericht, dafür ein Hauch mehr Wissenschaftlichkeit. Vielleicht wirklich beim Anfang anfangen, chronologisch erzählen, wann und womit es begann und welche Strukturen es gibt.
Einen Überblick über die verschiedenen Battlerap-Plattformen und -Formate liefert Schmauch zwar - ab Seite 223. Auch seine "Beiträge zur Theorie der gereimten Beleidigung", in denen er auf einige grundsätzliche Mechanismen und Strategien eingeht, verstecken sich erst in der zweiten Hälfte des Buchs. Ganz ehrlich: Wer es bis hierhin geschafft hat, hat sich, was im Folgenden erläutert wird, doch längst selbst zusammengereimt oder, wie gesagt, wusste es vorher schon.
Die Kraft der gut erzählten Geschichte
Statt sich aber mit Sortieren und Vereinfachen aufzuhalten, setzt Rafael Schmauch auf die Kraft einer gut erzählten Geschichte - nämlich seiner eigenen. Er steigt nicht bei Adam und Eva (in diesem Kontext aka "Feuer über Deutschland") ein, sondern lässt zunächst an seiner ganz persönlichen Battlerapper-Werdung teilhaben. Wir gucken ihm über die Schulter, wie er zu Schulzeiten der Reim-Manie verfällt und sie im Kinderzimmer hochlevelt. Wir begleiten ihn (wie weiland seine Mama) zu seiner ersten Open Mic-Session und werden überhaupt Augenzeugen der Metamorphose, wie Rafi Schmauch zu Papi Schlauch mutiert, nachdem er endlich ein Ventil für seine Verbalergüsse gefunden hat. Mit seinen eigenen Leistungen, die er zu Demonstrationszwecken auch immer wieder heranzieht, geht er zum Glück, wenn nötig, durchaus selbstkritisch ins Gericht.
Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt auf der Hand: Man bekommt unmittelbar einen Bezug, steckt sofort mittendrin im Geschehen. Der Nachteil folgt aber auf dem Fuß: Da keinerlei erklärende Vorrede vorangestellt wurde, man zunächst weder einen zeitlichen Überblick noch irgendwelche Begriffserklärungen an die Hand bekommt, wirkt arg beliebig, wie Schmauch mal dieses, mal jenes Battle herauspickt, um daran diesen oder jenen Aspekt zu erläutern. Wenn er irgendwann doch beginnt, über Grundlegendes zu dozieren, Gags zu erklären oder mit dem Zeigestock auf den Text zu deuten, "Hier, Kind, diese Silbe reimt sich auf diese, und hier haben wir den gleichen Laut wie hier, und, ach, übrigens: Dieses Wort hat zwei verschiedene Bedeutungen, deswegen ist die Zeile lustig, verstehst du?!", also, sorry: Dann fühle ich mich als Leserin nicht wirklich für voll genommen.
Bock auf Battlerap? Mission erfüllt.
Ja, vielleicht hätte sich Rafael Schmauch ein bisschen genauer überlegen sollen, wen er ansprechen will, und sich dann Gedanken machen, wie man das am geschicktesten erreicht. Hätte ein Battle angestanden, hätte er sich doch auch auf den jeweiligen Gegner vorbereitet, hmm? Bei allem Genöle möchte ich dennoch den wichtigsten Punkt nicht unter den Tisch fallen lassen: Dieses Buch hat seinen Zweck trotz allem mehr als erfüllt. Es macht wahnsinnig viel Bock auf Battlerap, und das völlig unabhängig davon, wie tief man zuvor schon in die Materie eingetaucht war.
Ich hab', während ich das gelesen habe, wahrscheinlich mehr Videos von Battles angeschaut als in den letzten zwanzig Jahren zusammen. Runden, die ich quasi auswendig kenne (wie Laas' Sternstunde gegen Drob Dynamic). Runden, die ich schon mal gesehen, aber wieder vergessen hatte (wie Pilz' Schlagabtausch mit Nedal Nib). Runden von Leuten, deren Namen mir vorher vage bekannt vorkamen, zu denen mir aber spontan kein Gesicht eingefallen wäre (sorry, Papi Schlauch), und solche von Teilnehmern, von denen ich ganz sicher nie zuvor gehört hatte. Bei alldem habe ich mich gar prächtig amüsiert.
Aber, und auch das hat mir dieses Buch sehr deutlich vor Augen geführt: Battlerap, egal ob Freestyle oder Written Battle, a-cappella oder on Beat, wird wahrscheinlich nie meine große Liebe werden. Der Umstand, dass am Ende halt doch alles Show ist, ein Sport, ein im Grunde spießig streng reglementierter Zirkus, Wrestling eben, statt Boxen oder, noch rougher, eine Prügelei im Hinterhof, zieht gezwungenermaßen eine Ebene der Künstlichkeit ein, eine gewisse Un-Authentizität liegt schon in der Natur der Sache. War nicht so gemeint, haha, nur Spaß, bitte, reg' dich nicht auf, es ist Battlerap. Damit mich Kunst wirklich berührt, muss sie aber so gemeint sein, oder zumindest glaubhaft den Eindruck vermitteln, es verhalte sich so. Battlerap tut das nicht, will das nicht, und wird deshalb in meinem Empfinden nie mehr sein als ein nettes Hobby sprachgewandter Jungs und Mädels. Was aber ja keine verwerfliche Sache ist.
Kaufen?
Rafael Schmauch - "Battlerap - Die Kunst der Beleidigung"*
Wenn du über diesen Link etwas bei amazon.de bestellst, unterstützt du laut.de mit ein paar Cent. Dankeschön!
Noch keine Kommentare