Auch der zweite Roman des Screenshot-Drummers geht ans Herz, und auch hier lauert die größere Geschichte wieder hinter der alltäglichen kleinen. Ein wundervoll zärtliches Buch.

Köln (dani) - Allzu leicht hätte sein zauberhaftes Debüt "Klapper" ein Zufallstreffer sein können. Doch mit seinem nun nachgelegten Zweitling beweist Kurt Prödel: Er ist wirklich ein Romanautor, gesegnet mit scharfem Auge für die kleinen Geschichten, mit Gespür für das große Drama, das dahinter lauert, und vor allem mit überbordender Zärtlichkeit für jeden einzelnen seiner Charaktere.

"Klapper" erzählte von einer Schulfreundschaft, und auch bei "Salto" (Park x Ullstein, 272 Seiten, gebunden, 22 Euro) steht das Zwischenmenschliche im Mittelpunkt. Die Hauptfiguren diesmal, Marko und Claire, sind unwesentlich älter, und anders als Bär und Klapper sind sie tatsächlich ein Paar. Zumindest zu Beginn noch: Die Erzählung setzt mitten in einer Umbruchphase ein. Nichts bleibt, wie es war. Die gemeinsame Schulzeit ist gerade zuende gegangen, die Abschlussfeier halbwegs unfallfrei absolviert. Die (nun ehemaligen) Klassenkamerad*innen befinden sich sämtlich auf dem Absprung in eine neue Lebensphase.

Nichts bleibt, wie es war

Wie das in jedem Jahrgang so ist: Manche haben Pläne, manche haben keine, einige Pläne sind konkreter als andere. Markos Pläne sind vergleichsweise klar umrissen: Ein Medizinstudium soll es sein, die Bewerbungen um die Studienplätze sind bereits verschickt, das bange Warten auf die Antwortschreiben läuft. Recht schnell zeichnet sich ab, dass Markos und Claires Wege auseinanderdriften werden. Aus dem lose angedachten gemeinsamen Neustart in derselben Stadt wird nichts, eine Fernbeziehung können (oder wollen?) sich beide nicht vorstellen. Fast zwangsläufig läuft es auf eine Trennung hinaus, und doch fängt alles nach diesem Ende erst richtig an.

Wir begleiten Marko auf seinem holprigen Weg in sein neues Zuhause in Budapest. Wir beobachten, wie er sich in seinem schäbigen Studierendenwohnheim einrichtet, einen schäbigen Minijob ergattert, schäbige Leute kennenlernt, und eine interessante Frau. Trotzdem: So richtig ankommen im neuen Leben mag er nicht, oder es gelingt ihm schlicht nicht. Statt dessen geraten die Dinge zunehmend in Schieflage, zunächst unmerklich, dann immer rasanter.

Jede*r kennt es

Wie "Klapper" erzählt "Salto" scheinbar eine recht unaufgeregte, kleine Geschichte, so gewöhnlich, dass eigentlich jede*r sofort rafft, worum es geht, und mühelos andocken kann. Alle sind wir irgendwann in die Schule gegangen, hatten einen Außenseiter wie Klapper oder Bär in der Klasse oder waren selbst der leise seltsame Freak. Für uns alle war die Schulzeit irgendwann vorbei, und wir mussten wie Marko und Claire das Nest verlassen und irgendwie irgendwo mit irgendetwas neu anfangen. Kein Wunder also, dass man sich in Prödels Erzählungen leicht wiederfindet.

Dass man sich den Figuren aber gar so tief verbunden fühlt, liegt gar nicht an der Alltäglichkeit der Story. Jedenfalls nicht nur, und nicht in erster Linie. Was Prödels Personal so nahbar, so plastisch, so lebendig macht, ist, dass er jedem einzelnen Charakter ein ganzes Universum an Hintergrund mitgibt. Die Hauptfiguren sowieso, aber auch noch die kleinste Nebenrolle nimmt dieser Autor ernst und investiert genug Zeit, Respekt und Liebe, um sie wirklich zum Leben zu erwecken. Prödel kennt die Biografien dieser Leute, über die er schreibt, bis ins kleinste Detail, er weiß, wie sie ticken, und warum sie ticken, wie sie ticken.

Normal, möchte man meinen, er hat diese Figuren ja schließlich erfunden. Ganz und gar nicht normal ist aber, dass Kurt Prödel diese Hintergrundgeschichten vermitteln kann, ohne sie in epischer Breite ausformulieren zu müssen. Sein großes Talent liegt darin, mit Andeutungen, einem Nebensatz oder zweien, Fenster in diese Welten hinter dem eigentlichen Geschehen aufzureißen, so dass man als Leser*in eben ebenfalls versteht, wie diese Leute ticken, und warum.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Die viel größere Geschichte von "Salto" ist die, die Kurt Prödel - zumindest vordergründig - nicht erzählt. Die Kämpfe, die seine Protagonist*innen zuvor auszufechten hatten, lässt er nur ahnen. Etwa wie einst der Tod einen Krater in Markos Familie gerissen hat. Prödel deutet nur an, trotzdem wird absolut klar, dass da ein Junge den Verlust seiner Mutter verkraften musste, und sich ein Mann nicht nur mit dem Verlust seiner Frau konfrontiert sah, sondern urplötzlich auch mit der übermenschgroßen Aufgabe, ein aus den Fugen geratenes Leben wenigstens halbwegs zusammenhalten zu müssen. Für sein Kind.

Nur logisch, dass auch hier alles auseinanderfällt, kaum dass der Sohn ausgezogen ist und die Notwendigkeit, funktionieren zu müssen, weggebrochen. Viel präziser als in den spröden Versuchen von Markos Vater, um jeden Preis das Richtige zu tun und zu sagen, ist die ganze emotional gehemmte, sprachlose Männergeneration unserer eigenen Väter wahrscheinlich noch nie porträtiert wurden.

Mehr und mehr drängt sich die Frage auf: Ist Markos Plan, Arzt zu werden, wirklich sein eigener Wunsch? Ist er nicht viel mehr doch einer Kombination aus Umständen und Erwartungen entsprungen, das Kind unvorsichtig in den Raum geworfener Ideen, die sich verselbständigt haben, und niemand hatte Zeit, Kraft oder Nerven, um sie wieder einzufangen? Man wünscht sich verzweifelt, dieser Marko würde sich überlegen, was er selbst eigentlich wirklich will. Doch auch dafür fehlen, wen wundert es, Zeit, Kraft, Nerven und nicht zuletzt schlicht das Geld.

Von klammen Kassen und fragilen Psychen

Ohne auch darum viel Worte zu machen, zeigt Prödel, erneut schmerzhaft exakt, die Gräben auf, die unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten zwischen Menschen ziehen. Er lässt den Druck spüren, unter dem Menschen mit wenig bis zu wenig Geld unentwegt stehen, und das Unverständnis und die Gedankenlosigkeit derer, die ebendiesem Druck noch nie ausgesetzt waren. Reichtum schützt - in der Welt dieses Romans wie in der echten - allerdings auch nicht zuverlässig vor dem Schicksal, wie dann wieder Claires Geschichte zeigt. In ihrer Familie scheinen klamme Kassen kein Problem zu sein. Vor psychischen Problemen bewahrt das trotzdem nicht, und auch die bekommt der Autor vermittelt, ohne irgendetwas auszuwalzen oder kaputterklären zu müssen.

Ja, es steckt jede Menge Leid in dieser harmlos anmutenden Story. Dass "Salto" trotz allem leicht und locker, versöhnlich, sogar tröstlich wirkt, liegt an der freundlichen Zugewandtheit, die die Figuren im Buch zum allergrößten Teil einander, und die der Autor absolut unterschiedslos allen seinen Figuren angedeihen lässt. Nix gegen The Screenshots, wirklich nicht. Wenn aber jemand, der jetzt schon zwei solche Romane in sich hatte, die Drumsticks dauerhaft an den Nagel hängen und fortan nur noch schreiben würde: Mir würde überhaupt nichts fehlen.

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Buchtipp Kurt Prödel - "Klapper"

Der Drummer der Screenshots debütiert als Autor. Sein Roman erzählt von der Schicksalsgemeinschaft zweier Teenie-Außenseiter: lebensnah, liebevoll und voller Mitgefühl.

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