1990er, Platz 2: Wu-Tang Clan
Wu-Tang lebte immer von der Verschiedenheit seiner Stimmen. Am extremsten bei Ol' Dirty Bastard: technisch unberechenbar, Rapper, Sänger, kaum kontrollierter Zusammenbruch. ODB konnte einen Song allein mit seiner Stimme kapern: grotesk, aggressiv, komisch und musikalisch zugleich.
Zusammengehalten wurde dieses Chaos aber von Übervater RZA. Seine schmutzigen Drums, Soul-Samples, Kung-Fu-Fetzen und schiefen Klangflächen schufen nicht bloß Beats, sondern eine komplette Wu-Tang-Welt. Dass Alben wie "Enter the Wu-Tang (36 Chambers)", "Liquid Swords" oder "Only Built 4 Cuban Linx..." unterschiedlich klingen und trotzdem sofort zusammengehören, ist vor allem sein Verdienst. Aber er ist ein ... spezieller Vater: gerne mal ungnädig, immer wieder abwesend und mit seltsamen Geschäftsentscheidungen.
GZA wiederum war das erratische Universalgenie: weniger Show, dafür Sprache als Präzisionsinstrument. Wissenschaft, Schach, Straßenbeobachtung und abstrakte Metaphern greifen bei ihm so selbstverständlich ineinander, dass "Liquid Swords" bis heute wie eine Demonstration dessen wirkt, was Rap sprachlich leisten kann. Das Niveau dahinter war absurd hoch: Inspectah Deck als Verse-Killer, Ghostface als Erzähler, Raekwon als Straßenchronist, Method Man als geborener Star. Vielleicht überstand Wu-Tang deshalb auch ODBs Tod, interne Konflikte, RZAs eigenwilliges Geschäftsgebaren und selbst die groteske "Once Upon A Time In Shaolin"-Affäre um Martin Shkreli. Andere Gruppen wären daran zerbrochen. Bei Wu-Tang wurde es Teil der Legende.
Dabei ist Wu-Tang erstaunlicherweise auch musikalisch noch nicht ganz im Museum angekommen. 2025 erschien mit "Black Samson, The Bastard Swordsman" ein neues gemeinsames Projekt mit Produzent Mathematics, an dem wieder sämtliche überlebenden Clan-Mitglieder beteiligt waren. Parallel veröffentlichen die Einzelnen weiter solo, etwa Raekwon mit "The Emperor's New Clothes" und Ghostface Killah mit "Supreme Clientele 2". Vom großen kreativen Kollektiv der Neunziger ist Wu-Tang damit ehrlich weit entfernt. Bemerkenswerter ist, dass überhaupt noch neue Musik entsteht und der Clan-Shit zwar keine neuen Bäume ausreißt, aber immer noch Spaß macht.
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