Sein Charisma ist überwältigend: Cave schreit sie an, sie schreien zurück und kleben an seinen Lippen.
Berlin (dp) - Nach dem heißesten Wochenende des Jahres hängt die Hitze auch am Dienstagabend noch wie ein schwerer Vorhang über der Berliner Waldbühne. 30 Grad, kein Lüftchen. Da kommt es fast gelegen, dass Nick Cave keinen Support braucht. Überpünktlich um 19:30 Uhr betritt er mit seinen Bad Seeds die Bühne – bei strahlendem Sonnenschein. Ausgerechnet Nick Cave. Der Paradevampir des Alternative-Rock. Dass er im gleißenden Abendlicht nicht augenblicklich zu Staub zerfällt, kann eigentlich nur an der makellosen Theaterschminke, dem tadellos sitzenden schwarzen Anzug und der akkurat gebundenen Krawatte liegen.
Der People-Magnet
Schon bei "Get Ready For Love" weiß das Publikum, was es erwartet. Cave ist keine Rampensau, kein Animateur – er ist ein People-Magnet. Sein Charisma ist derart überwältigend, dass jede Geste eine Bedeutung bekommt. Er reißt die Arme nach oben, er beschwört, er besingt, er beweint ... die Background-Sängerinnen in ihren silbernen, wallenden Roben sehen aus wie Engel – herabgestiegen aus dem Himmelreich mit ihrem Meister. Noch nicht mal drei Songs sind gespielt, schon verlässt er die Bühne. Nicht etwa für eine Pause, sondern um dorthin zu gehen, wo er am liebsten ist: hinein ins Publikum.
Schuld und Erlösung
Dafür gibts eigens einen schmalen Steg entlang der Absperrung. Immer wieder schwebt Cave darauf über der ersten Reihe, greift nach Händen, hält sich an seinen Fans fest, blickt ihnen direkt in die Augen. Er schreit sie an, sie schreien zurück und kleben an seinen Lippen wie Kaugummi unter der Schulbank. Es wirkt kulthaft. Wie die Gallionsfigur eines längst versunkenen Schiffes gleitet er über die Menge, halb Prediger, halb Gespenst, vollständig Nick Cave.
Dabei ist seine Musik heute eigentlich denkbar unpassend für einen Sommerabend. "From Her To Eternity", "Tupelo", "The Mercy Seat", "Hollywood", "Carnage" – diese Setlist kennt keine Leichtigkeit. Sie kennt Schuld, Erlösung, Gewalt, Liebe und Tod. Ausgerechnet bei dieser Hitze legt Cave seinem Publikum einen schweren Wintermantel aus Melancholie um die Schultern. Und niemand möchte ihn ausziehen.
Auch für ihn wird der Schmerz zu viel
Zwischendurch setzt sich Cave ans Klavier. Aber er hämmert nicht einfach in die Tasten – er ringt ihnen echte Emotionen ab. Jeder Anschlag wirkt wie eine körperliche Anstrengung, als müsse jedes Gefühl erst aus den Tiefen hervorgezerrt werden. Selbst das Gefühl bekommt plötzlich Gefühle. Bei "Joy" hat er Tränen in den Augen. Auch für ihn wird der Schmerz manchmal zu viel. "Bright Horses" kündigt Nick an mit "It's like a manifesto". Er hebt die Arme, die Waldbühne tut es ihm gleich, bis ganz nach oben im steilen Rang. "Everyone has a heart and it's calling for something. We're all so sick and tired of seeing things as they are", schwadroniert er und trifft dabei bei vielen Fans mitten ins Schwarze.
Der Titel des aktuellen Albums liefert allerdings das treffendste Bild für diesen Abend: "Wild God". Genau so wirkt Cave. Als unberechenbarer, dunkler Gott des Indie-Rock, dessen Messe wir besuchen. Neben ihm wirbelt Warren Ellis mit seiner unverwechselbaren Mischung aus Genie und Wahnsinn über die Bühne. Gemeinsam wirken sie wie zwei mythologische Gestalten, die man ebenso gut beim Schachspiel auf dem Olymp antreffen könnte wie auf einer Konzertbühne in Berlin.
Dass Caves Kunst so tief unter die Haut geht, kommt nicht von ungefähr. Sein Leben kennt die Abgründe. Zwei seiner vier Söhne sterben viel zu früh, seine eigene Vergangenheit ist von exzessivem Drogenkonsum geprägt. Ein Enfant terrible, dem das Leben selbst die schlimmsten Geschichten schreibt. All das schwingt mit. Nie plakativ oder selbstbemitleidend und dennoch als Fundament eines Schaffens, das Schmerz nicht verklärt, sondern in Kunst verwandelt.
Auf Augenhöhe mit dem Publikum
Auf der Bühne wirkt der Australier melancholisch, zynisch und exzentrisch – zugleich aber auch weich, dankbar und erstaunlich nahbar. Er begegnet seinem Publikum nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Selbst während seiner Performance signiert er noch Platten von ergebenen Fans. Multitasking at its finest.
Die Bad Seeds erschaffen dazu einen Sound, der die Waldbühne über zweieinhalb Stunden lang vollständig einnimmt. Mal donnernd, mal zerbrechlich. Mit einer eleganten Wucht, wie sie vor allem diese Band beherrscht. Das Duett "Henry Lee" mit Janet Ramus sorgt für einen der stärksten Momente des Abends. "Jubilee Street" wächst sich einmal mehr zur ekstatischen Katharsis aus, bevor "Hollywood" den regulären Teil beinahe filmisch und tieftraurig beschließt. Auch bei Nick Cave werden wieder Songtexte auf die Leinwand hinter der Bühne geworfen.
Irgendwo brennt immer noch ein Licht
Und natürlich endet alles dort, wo ein Nick-Cave-Konzert enden muss. Allein am Klavier spielt er "Into My Arms". Keine große Geste mehr, keine Eskalation. Nur Caves Stimme, sein Klavier und tausende Menschen, die für einen Moment völlig still werden oder versunken mitsingen. Es ist einer dieser seltenen Konzertabende, die Eindruck hinterlassen. Nick Cave führt sein Publikum durch Dunkelheit, Verlust und Verzweiflung – und zeigt am Ende doch, dass irgendwo immer noch ein Licht brennt.
Danke Nick für alles, für die unerträgliche Grausamkeit des Lebens, aber auch für die immerwährende Hoffnung, dass es schon irgendwie weitergeht. "It's a long way to find peace of mind" heißt es in "Hollywood", "and I'm just waiting for my peace to come". Im weitesten Sinne haben wir unseren Frieden heute Abend finden können.































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