Zum 70. Geburtstag wühlen wir uns durchs Schaffen der singenden Herrentorte, verlieren den Verstand und finden - Überraschung! - viel mehr als "Katzeklo".

Mülheim/Ruhr (laut) - Guten Tach! Helge Schneider ist derzeit wieder in aller Munde. Aus gutem Grund: Am 30. August feiert die singende Herrentorte ihr Wiegenfest, das siebzigste in diesem Jahr. Den runden Geburtstag haben wir zum Anlass genommen, uns einmal von vorne bis hinten durch das krude Gesamtwerk des Tausendsassas zu nerden und nach Gelungenheit zu sortieren. Hier, bitteschön, auf eigene Gefahr:

Alle Helge-Alben im Ranking

Der Warnhinweis erscheint uns angesichts dieser Liste geboten: Es hinterlässt durchaus Spuren, sich größeren Dosen des Schneiderschen Schaffens auszusetzen. Wenn man in diesen Irrsinn eintaucht, bekommt man allerdings auch jede Menge zurück: eine Ahnung davon, wie talentiert und unbändig kreativ ein einzelner Mensch sein kann, zum Beispiel. Außerdem die schöne Gewissheit, dass es sie tatsächlich noch gibt, diese in positiver Weise Verrückten, von denen die Welt dringend noch ein paar mehr gebrauchen könnte. Zumindest zwei oder drei (mehr würden das Raum-Zeit-Kontinuum wahrscheinlich schon wieder vor eine ziemliche Zerreißprobe stellen).

Für Helge Schneider scheinen die Regeln der Chronologie aber ohnehin nicht zu greifen. Betrachtet man, was dieser Mann schon alles gemacht hat, ist im Grunde vollkommen unerklärlich, wie er das in gerade einmal 70 Jahre gestopft bekommen hat. Er mag kein "gelernter Arzt" sein, wie er in Interviews auch schon behauptet hat. Die Selbstbezeichnung "Klimperclown", inzwischen auch Titel einer angemessen weirden Dokumentation über sein Leben, trifft es aber ganz gut.

Klimperclown und Tausendsassa

Nachweislich ist Helge Schneider Musiker, Komponist, Komiker, Entertainer, Kabarettist, Dichter, Romanautor, Synchronsprecher, Schauspieler, Filmemacher und Theaterregisseur. Ehe seine Karriere als Multifunktions-Unterhaltungskünstler in Fahrt kam, hielt er sich als Gärtner, Tierpfleger, Straßenkehrer, Dekorateur oder Polsterer über Wasser. Unter anderem. Das erste seiner sechs Kinder kam 1982 zur Welt. Mit der Notwendigkeit konfrontiert, nun eine Familie ernähren zu müssen, verdingte sich Schneider immer häufiger als Studiomusiker.

Seine Allrounder-Fähigkeiten dürften dabei durchaus für ihn gesprochen haben. Cello und Klavier lernte Helge Schneider bereits als Kind, letzteres so gut, dass ihn der Bundesverband Klavier anno 2008 zum Klavierspieler des Jahres adelte. Das Schneidersche Instrumentarium umfasst darüber hinaus aber auch Akkordeon, Vibra-, Marimba- und Saxophon, Gitarre, Ukulele, Violine, Kontrabass, Block- und Panflöte, Schlagzeug, Trompete und natürlich die Hammond-Orgel. Unter anderem.

Außerdem malt und zeichnet Helge Schneider, er ersinnt Hörspiele und nimmt sie auf, schreibt Romane und Drehbücher, steht vor und hinter Kameras, auf und neben der Bühne. Mehrere Krimis entsprangen seiner Fantasie, er hat in diversen Produktionen von Christoph Schlingensief mitgewirkt, eine Zeit lang zusammen mit Reinhold Beckmann die "Off Show" im WDR moderiert. Hier entwickelte er seine unique Mischung aus Musik, Comedy, Sketchen, Ansagen und Kasperletheater, mit der er später durch die Decke gehen sollte. Ach, ja: Talkshow-Host war Helge Schneider kurzzeitig auch. Unter anderem!

Das Geheimnis der Schneiderschen Umtriebigkeit

Ersthaft: Wie schafft einer alleine das überhaupt? Nun, vielleicht liegt das Geheimnis von Helge Schneiders Emsigkeit darin, dass er schon früh verstanden hat, dass man weder alles perfekt können muss, um es einfach zu machen, noch, dass man alles Angefangene auch zwanghaft beenden muss. Dinge auch einfach wieder sein zu lassen, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Biografie.

Die Schule brach Helge Schneider schon 1971 ab: viel zu starr reglementiert. Eine Lehre als Bauzeichner führte er nicht zuende, sein Klavierstudium am Duisburger Konservatorium, für das ihm seine Begabung ein Sonderstipendium eingebracht hatte, ließ er nach zwei Semestern ebenfalls sausen. Von der erwähnten Talkshow, "Helge hat Zeit", sollten eigentlich mehrere Episoden "in loser Folge" erscheinen. Wer nach zwei Ausgaben schon nicht mehr erschien, war Helge Schneider: "Nicht mein Ding", befand er, er gehöre dann doch lieber vor Livepublikum auf die Bühne.

Kooperationen mit jedem und seiner Mutter

Dort stand er auch, ausgiebig: solo, als Teil eines Jazz-Trios, mit Rockcombos oder auf Tour auch mal mit Big Band. Seine Bands hörten auf so klangvolle Namen wie Hardcore und Firefuckers. Bei Stefan Raabs Corona-ESC-Ersatz belegte Helge Schneider 2020 einen soliden vierten Platz, im Folgejahr trat er noch einmal an, diesmal allerdings als Udo Lindenberg. Tatsächlich zusammengearbeitet haben diese beiden Legenden natürlich auch schon, darüber hinaus hat Schneider Kooperationen mit Fehlfarben, Doro Pesch, Sido und Chilly Gonzales im Portfolio stehen, ihr ahnt es: unter anderem.

Die Leute wollen lieber Quatsch als Jazz

Es wird Helge Schneider also wahrlich nicht gerecht, ihn auf "Katzeklo" zu reduzieren, auch wenn ihm das dreimal den Durchbruch beschert hat: Ein Auftritt bei "Wetten, Dass..?" katapultierte den Kokolores anno 1994 in die Charts. Die Menschen hatten Helge Schneider danach auf dem Schirm und kauften sein Album "Es Gibt Reis, Baby" zu Goldstatus.

Die Kehrseite der Medaille: Die allermeisten kannten eben den Quatschmacher. Dass hinter und unter dem Kappes nicht nur ein exzellenter Jazz-Musiker, sondern ein in vielerlei Hinsicht elend kreativer Geist steckte, entging vielen und überforderte wohl noch mehr Leute. Auch Schneider selbst schien nicht gerade glücklich mit der Entwicklung. Er wollte eigentlich Jazz spielen, das Publikum, das nun in Scharen zu seinen Konzerten strömte, verlangte aber nach mehr Klamauk. Zwischendurch verabschiedete sich der Klimperclown deswegen sogar ganz von der Bühne - glücklicherweise immer nur kurzzeitig.

Über die Jahre scheint er jedoch eine Balance gefunden zu haben, die für ihn wie für seine jeweiligen Auditorien nun bereits seit Dekaden funktioniert, und hoffenlich noch für viele weitere. Langeweile ist dabei tatsächlich das letzte, das droht. Bevor die aufkommt, macht Helge Schneider schon längst wieder ganz etwas anderes. In diesem Sinne: Happy Birthday!

[von Dani Fromm und Sven Kabelitz]

Fotos

Helge Schneider

Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger) Helge Schneider,  | © laut.de (Fotograf: Jasmin Lauinger)

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