Vom Spotify-Algorithmus in die Playlists, vom Club Bahnhof Ehrenfeld direkt in die Beine: Asal bringt einen ganzen Saal zum Tanzen.
Köln (map) - Schwarze Lederhose bei über 30 Grad, lange lockige Haare, Piercings, ein Bier griffbereit in einer Art Holster an der Hüfte: Asal sieht einfach unfassbar cool aus. Als sie die Bühne des ausverkauften Club Bahnhof Ehrenfeld betritt, wirkt sie jedenfalls nicht so, als könnte sie irgendetwas aus der Ruhe bringen. Nicht geschniegelt oder inszeniert cool, sondern auf die Art, bei der man das Gefühl hat, dass sie sich wahrscheinlich genauso auch ohne Bühne bewegen würde.
Die aus dem Iran stammende und in Kanada aufgewachsene Musikerin rangiert irgendwo zwischen Alternative Pop, Indie, R'n'B und Clubmusik, sie schnappt sich von allem etwas. Aktuell ist sie mit ihrer "I'll Kiss The Sun"-Tour unterwegs, benannt nach dem gleichnamigen Album, das Ende Mai erschienen ist. Dabei handelt es sich bereits um ihre zweite Europa-Headlinetour. Viele im Publikum sind über den Spotify-Algorithmus oder als Support von Artemas auf sie aufmerksam geworden.
Wer ihre Songs bisher allerdings nur von Streamingdiensten kennt, erlebt an diesem Abend eine kleine Überraschung. Gemeinsam mit ihrem Drummer Daniel Gallardo steht Asal auf der Bühne. Ein Bühnenbild gibt es nicht, große Inszenierungen ebenso wenig. Trotzdem wirken viele Songs live deutlich größer als auf den Aufnahmen. Das liegt vor allem an den Drums. Sie geben Stücken wie "Liars & Players" oder "Outside" eine Wucht, die auf Platte nur angedeutet wird.
Gleichzeitig klingt Asals Stimme live noch einmal anders: lauter, kraftvoller und deutlich präsenter. Besonders beeindruckt dabei ihre Sicherheit. Egal ob leise Passagen oder hohe, intensive Töne – sie bewegt sich gekonnt durch die verschiedenen Register.
Die Toleranz eines Nilpferds
Den Höhepunkt des Konzerts markiert ohne Zweifel "Tolerance". Schon bevor der Song richtig beginnt, ist klar, dass viele genau darauf gewartet haben. Im Club wird ohnehin viel mitgesungen, bei diesem Song wird es aber noch einmal deutlich lauter. Asal wirkt ehrlich überwältigt von der Reaktion. "Can someone pinch me?", ruft sie ins Publikum und lässt sich kneifen. "Nicht fest genug, ich träume immer noch."
Dass "Tolerance" so gut funktioniert, merkt man nicht nur während des Konzerts. Später spreche ich mit einigen Besuchern darüber, wie sie überhaupt auf Asal aufmerksam geworden sind. Überraschend oft fällt dabei genau dieser Song. Für viele war er der Einstieg, meist über Spotify-Playlists oder den Algorithmus. Offenbar hat sich "Tolerance" erfolgreich durch eine ganze Reihe von Playlists gearbeitet und dort neue Fans eingesammelt.
Auch "Liars & Players" gehört zu den Gewinnern des Abends. Die Live-Drums verleihen dem Track noch einmal deutlich mehr Druck. Zeitweise fühlt sich das Ganze eher nach Club als nach Konzert an. Einige Leute tanzen tatsächlich so, als wären sie gerade auf einer Party gelandet. Besonders die beiden Leute direkt neben mir gehen komplett darin auf und packen ansteckende Tanzmoves aus.
Später frage ich einen von ihnen, wie lange er Asal eigentlich schon hört. Seine Antwort: ungefähr zwei Wochen. Das sagt vielleicht mehr über ihre Musik aus als jede Analyse. Man muss weder die Texte auswendig können noch jahrelanger Fan sein, um bei diesen Songs mitzugehen. Asal macht es ihrem Publikum ziemlich leicht, sie zu mögen.
Leuchtende Münder
Ein paar Fragen wirft eine Showeinlage auf, die sowohl in der Mitte als auch gegen Ende des Konzerts auftaucht. Asal verschwindet kurz von der Bühne, wird am Rand von zwei Männern verkabelt und kehrt mit einem leuchtenden Gebiss zurück. Als visuelles Element sieht das durchaus interessant aus, sorgt im Publikum aber auch für einige fragende Blicke. Letztlich leuchtet vor allem ihr Mund, während sie weder sprechen noch singen kann. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass noch etwas Spektakuläres passiert, doch dann ist die Aktion auch schon wieder vorbei. Später wird die Idee noch einmal aufgegriffen. Wirklich schlauer wird man allerdings nicht.
Nach "Headache", einem weiteren ihrer bekanntesten Songs, endet das reguläre Set. Zur Zugabe gibt es noch einmal "Tolerance", und beim zweiten Mal macht der Song gefühlt sogar doppelt so viel Spaß.
Zeit für alle, die möchten
Die stärkste Szene des Abends passiert allerdings erst nach dem Konzert. Während viele Künstler direkt verschwinden, kommt Asal nach draußen und spricht mit den Fans. Nicht für fünf Minuten, sondern wirklich mit allen, die möchten. Selbst als die Security die letzten Besucher längst aus der Venue geschickt hat, steht sie noch davor, macht Fotos und unterhält sich mit den Leuten.
Am Ende bleibt vor allem hängen, wie viel Energie diese Show trotz ihrer Einfachheit entwickelt hat: kein großes Bühnenbild, keine riesige Produktion, nur Asal, ein Drummer und knapp 200 Menschen, die sichtbar Lust hatten, dort zu sein. Manchmal ist genau das alles, was es braucht.
Setlist:
Winters Gonna Come
Forevermore
Promises
Options
All I Get
Plans
9 Of Her Friends
For Keeps
That's How It Goes
Let You Go
I Heard
I'll Kiss The Sun
Tolerance
Cigarette Stub
In A Night
Outside
Liars And Players
Headache
Encore: Tolerance
Text: Marie Pütter

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