Star-Power im Jazz-Club-Ambiente: Die neue UK-Soul-Pop-Hoffnung begeistert bei ihrem einzigen und längst ausverkauften Deutschland-Konzert.
Köln (rnk) - Amy Winehouse, Adele und vielleicht demnächst Sienna Spiro: In unserer Newcomer-Liste für 2026 stand die Londonerin bereits hoch im Kurs und wenige Wochen nach ihrem Auftritt mit "Die On This Hill" im ZDF Magazin Royale kehrte die 20-Jährige gestern für ein Konzert in die Domstadt zurück.
Hierfür muss man allerdings, eher ungewöhnlich für Kölner Verhältnisse, etwas weiter hinausfahren zur Location "Die Kantine", wo sich bereits eine Stunde vor Einlass eine Schlange an zumeist Mädchen im Teenager-Alter und jungen Frauen gebildet hat, von denen viele Kleider im Punktemuster tragen. Der Polka-Dot-Style scheint überhaupt aktuell der Trend zu sein, wenn man Angine de Poitrine denkt. Deren weirder Math-Prog und die stark an die Sechziger Jahre angelegte Musik von Sienna Spiro dürften aber abseits der Vorliebe für geometrische Formen keinerlei Überschneidung haben.
Mit etwas Verspätung eröffnet das dramatische "The Visitor" ihr Live-Set - passend zur Ankündigung ihres fast gleichnamigen Debütalbums "Visitor" am 3. Juli. Siennas lange dunkle Haare und der Sixties-Look ähneln ihrem Vorbild Lana Del Rey, und das ist nicht die einzige Parallele: Auch der Sound ist nicht weit vom düsteren, Lynch'schen Vibe der Amerikanerin entfernt. "The Visitor" handelt von Selbstzweifeln und dem Gefühl, noch nicht in dieser Welt angekommen zu sein – ein Zustand, mit dem sich viele der jungen Zuschauerinnen bestimmt verbunden fühlen.
Dennoch performt die Engländerin für ihr unfassbar junges Alter bereits jetzt wie eine der Großen im Showbiz. Vor einem Bühnenbild, das an eine leicht ranzige Champagner-Lounge der Sechziger Jahre erinnert, beeindruckt sie mit einer enormen Stimmgewalt, die sogar zu ihrem sonst so bescheidenen Auftreten passt. Den Umgang mit der Band beherrscht sie genauso souverän wie kurze Interaktionen mit dem Publikum. Die Diva steht ihr noch nicht, aber man muss bei Spiros cineastischem Pop zwangsläufig an Shirley Bassey oder Nancy Sinatra denken. Vielleicht kommt das Bond-Thema irgendwann auch zu ihr, für den erfolgreichen zweiten Teil von "The Devil Wears Prada" durfte sie aber bereits "Material Lover" beisteuern. Der neue Song "Great Expectation" wäre in seiner "Skyfall"-Dramatik schon jetzt ein heißer Anwärter fürs nächste Abenteuer des besten Geheim-Agenten seiner Majestät. Der würde auch gut in das Bar-Lounge-Bühnenset passen, den Martini darf er aber wahrscheinlich allein trinken.
Weltweiter Charterfolg mit "Die On This Hill"
Sienna Spiro hat einen beachtlichen Höhenflug hingelegt, wenn man bedenkt, dass sie erst vor vier Jahren als 16-Jährige die East London Arts & Music School abbrach, um sich komplett auf die Musik zu konzentrieren. Ein riskantes Spiel, denn talentierte junge Frauen, die gerne die nächste Adele wären, gibt es wahrscheinlich Hunderte. Die weltbekannte Soul-Sängerin war 22 Jahre alt, als "Rolling In The Deep" ihr erster Welthit wurde, nun feiert man Spiros "Die On This Hill" überall ab - mit Ausnahme des gnadenlos verschlafenen Deutschlands.
Vielleicht waren wir alle zu sehr mit dem Leben und Sterben eines Buckelwals beschäftigt, oder wir sind das Deutschland, das sich lieber eine Giovanni Zarrella-Abendshow im ZDF gönnt. Der sitzt übrigens mit Gattin Jana Ina im VIP-Bereich und schaut ebenfalls beeindruckt zur Bühne. Hoffentlich nicht, um die Sängerin in seine Schlager-Gruselshow einzuladen, denn dafür besitzt sie zu viel Talent, der intime Rahmen der Kantine wirkt beinahe wie ein Jazz-Club. Ein Glücksfall für alle 1.000 Anwesenden, dass die seit Monaten ausverkaufte Show nicht in eine größere Location hochverlegt wurde.
"Crazy" statt "Creep"
Ihre Star-Power lässt sich jetzt schon bestaunen, alle ihre Lieder werden laut mitgesungen samt ohrenbetäubendem Kreischen wie bei einem Taylor-Swift-Konzert. Sienna ist berührt und spricht davon, dass sie genau wie Pianist Eddie Lopes, den sie schon seit der Schulzeit kennt, niemals mit so einer Karriere gerechnet hätte. Verrückt eben - was auch zum Gnarls Barkley-Song "Crazy" passt. Die Nullerjahre-Hymne singt sie gut, aber an anderen Abenden sang sie auch schon Radioheads "Creep", was mehr zum Themenkomplex aus Unsicherheit, Schmerz und Entfremdung gepasst hätte.
Vielleicht singt sie in ein paar Jahren über die Schattenseiten des Starruhms, aber noch geht die Beste-Freundin-Nummer in diesem kleinen Rahmen durch. Was eigentlich der einzige Kritikpunkt wäre: Ab und zu wünscht man sich die mysteriöse Unnahbarkeit einer Lana Del Rey oder etwas mehr Selbstbewusstsein. Auch das Posing wirkt manchmal noch etwas verkrampft und bei den Großen abgeschaut, was Sienna natürlich wiederum sympathisch erscheinen lässt. Ihre beeindruckende Soul-Stimme gehört jedenfalls auf größere Bühnen.















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