Offenbar wirklich uncancelbar feiert der vielerorts unerwünschte Superstar seinen 49. Geburtstag und offenbart sein Erfolgsgeheimnis: Trotz.
Arnhem (dük) - Da steht er. Wortwörtlich auf dem Gipfel der Welt, mit nichts als einem Mikrofon und einer MPC. Knapp zwei Stunden lang ist er bereits aufgetreten, das Opus Magnum fehlt aber noch. Ein einziger Ton, das hohe E, reicht aus, um das Publikum zum Toben zu bringen. "Ding" ... Pause. "Ding" ... Pause. "Ding"… Lange Pause. "Ding" ... Beatdrop, Feuerwerk, Jubel. Der funktioniert auch 15 Jahre später noch. "Runaway" war schon immer der Kanye-Song. Eine Hymne auf die "douchebags", die "assholes", die "scumbags". Die alle von sich wegstoßen, einschließlich derer, die sie lieben. Von denen man Abstand nehmen oder vor denen man eigentlich davonlaufen sollte. Quasi eine Hymne auf Ye selbst.
Ob sie nicht eigentlich hätten davonlaufen oder zuhause bleiben sollen, haben sich mit Sicherheit auch einige der rund 40.000 Menschen im Gelredome in Arnhem gedacht. Zumindest vor der Show. Einerseits, weil sich niemand so richtig sicher sein konnte, dass dieses Konzert wirklich stattfinden würde. Andererseits wegen der Gewissensbisse, ob man ein Konzert eines Musikers besuchen möchte, der sich für seine antisemischen Äußerungen zwar entschuldigt, aber vor gut einem Jahr noch T-Shirts mit Hakenkreuz-Motiv verkauft hatte. Auf die große Entschuldigung Anfang des Jahres folgten Konzerte in Mexiko City, Los Angeles und Istanbul, letzteres vor sage und schreibe 118.000 Zuschauern. Weitere Konzerte in England, Frankreich und Italien wurden abgesagt, teils aufgrund von Sicherheitsbedenken und teils aufgrund von Protesten.
Jetzt oder nie
Fans in Europa hatten zuvor mehr als zehn Jahre auf einen echten Auftritt warten müssen, die letzte Tour mit Terminen in Deutschland (Watch The Throne mit Jay-Z) fand 2012 statt. Deswegen und angesichts des fortgeschrittenen Alters – Ye feierte am Tag des Konzerts seinen 49. Geburtstag – standen viele Fans also vor der Entscheidung "jetzt oder nie", einen Rapper noch einmal live zu sehen, der für viele einmal ein Idol dargestellt hatte und dessen Musik inzwischen mehrere Generationen begeistert. Der Andrang auf die erste Show am Samstag war so groß, dass mit der Geburtstagsshow gleich ein zweites Konzert folgte.
Geboten wurde eine Art Greatest Hits-Darbietung, ergänzt um einige Songs vom aktuellen Album "Bully". Während er bei den Konzerten in Mexiko Anfang des Jahres merkwürdig ruhig gewirkt hatte, fast schon wie auf starken Medikamenten, steht hier jetzt ein zwar kontrollierter, aber energetischer Ye auf der aus einer riesigen Erdhalbkugel bestehenden Bühne, der tanzt, singt, rappt, schreit und die Menge antreibt. Von dem einen oder anderen Voicecrack lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen, von technischen Fehlern seines Teams allerdings schon: "We're getting some some pay cuts today", scherzt er, als ein vermutlich ganz schön ins Schwitzen kommender Techniker aus Versehen erneut das Instrumental von "All Of The Lights" anstelle von "Flashing Lights" anschmeißt.
Klar, die Energie, der er noch vor rund einem Jahrzehnt auf der "Yeezus"- oder "Saint Pablo"-Tour ausgestrahlt haben muss, kann er mit 49 nicht mehr reproduzieren. Allerdings wurden diese Konzerte gerne minutenlang von sogenannten Rants unterbrochen, die dann manchmal sogar das vorzeitige Ende des Konzerts, in einem Fall sogar das Ende der kompletten Tour und die Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung bedeuteten.
35 Songs in 120 Minuten
In Arnhem spricht Ye nur, um das Publikum anzutreiben oder um seinem Team den Übergang zum nächsten Song zu signalisieren – was in der zweiten Hälfte des Konzerts relativ häufig passiert. 35 Songs in 120 Minuten: Das geht nur, wenn einige Verse ausgelassen und Lieder gekürzt werden. Für die Highlights lässt Ye sich aber Zeit. "Say You Will", "Stronger" und "All The Love" zum Beispiel geben der neuen Live-Begleitung Andre Troutman den Raum, seine beeindruckende Stimme zu präsentieren. Troutman, eine Art lebendige Autotune-Maschine, hatte Mike Dean als Yes Tourbegleiter ersetzt, dessen legendäre Synths und Bässe nun auf Konzerten von The Weeknd zu hören sind.
Da sich neben Mike Dean auch zahlreiche andere ehemalige Kollaborateure wie Pusha T oder Kid Cudi von Ye abgewandt hatten, ist die Liste der möglichen Gäste auf einem Konzert des Rappers gar nicht so lang. Die Geburtstagsfeier blieb am Ende ganz ohne Gäste, doch die brauchte es auch überhaupt nicht. Eigene Hits und Verse, um eine Show zu füllen, hat Ye genug – nüchtern betrachtet womöglich mehr als jeder anderer Rapper, der je auf einer Bühne stand.
Neueren Songs wie "Carnival" merkt man dabei an, dass sie wie gemacht für ein Live-Setting sind. Fans seines alten Stils kommen mit "All Falls Down", "Jesus Walks", "Through The Wire" und "Gold Digger" auf ihre Kosten. Rihannas und Paul McCartneys "FourFiveSeconds"-Refrain bringt das gesamte Stadion zum Singen. Bei "Touch The Sky" und "All Of The Lights" bleibt kaum ein Fuß still. "Ghost Town" schließlich ist pure Katharsis: "And nothing hurts anymore, I feel kinda free."
Erfolgsgeheimnis: "Ich zeigs euch"-Mentalität
Eine Frage ist jedoch noch ungeklärt: Was hat es mit dem Globus auf sich? Die Antwort ist denkbar einfach: "Coming back standing on top of the world, after everything we've been through", erklärte Ye vor Kurzem das Stage Design gegenüber einem Streamer. In dieser Erklärung steckt wohl auch das gesamte Erfolgsgeheimnis, das Yes Karriere nun schon seit über einem Vierteljahrhundert beflügelt: Trotz. Die "Ich zeigs euch"-Mentalität: Ihr denkt, ich kann nur Beats für andere Rapper bauen, aber nicht selbst rappen? Ich zeigs euch und werde der größte Rapper aller Zeiten. Ihr denkt, ich kann nicht singen und muss beim Rappen bleiben? Ich zeigs euch und mache Autotune salonfähig.
Ihr denkt, meine Karriere ist vorbei, wenn ich George Bush oder Taylor Swift beleidige? Ich zeig’s euch und komme jedes Mal noch größer zurück. Ihr denkt, ich bin nur ein Rapper? Ich zeigs euch und organisiere Fashion-Shows mit den bekanntesten Designern und mache Millionen mit Schuhen. Ihr denkt, ich hab' nicht das Zeug zum Präsidenten? Ich zeigs euch und starte meine eigene Wahlkampagne (und scheitere kläglich, nebenbei bemerkt). Ihr denkt, ihr könnt mich canceln? Ich zeigs euch und steh nach allem, das passiert, trotzdem wieder "on top of the world", vor hunderttausend feiernden Fans.
Angesichts all der Skandale, Fehltritte und mehr als gefährlichen Aussagen der letzten Jahre hätte er sich eine größere Challenge, um zu untermauern, wie "uncancelbar" er sei, nicht stellen können, ohne ein schwerwiegendes Verbrechen zu begehen. Mit viel Wohlwollen könnte man die Ereignisse der letzten Jahre also fast schon als logischen Karriereschritt betrachten, befeuert von einer bipolaren Störung, Abhängigkeit von zwielichtigen Ärzten und Drogen sowie einer gänzlich falschen Umgebung einschließlich rechtsextremer Aktivisten. Ach ja, und befeuert vom drohenden Verlust der eigenen Familie.
Ob die Geschichte vom trotzigen Contrarian, der es immer wieder allen beweisen will, nun auserzählt ist? Wer weiß. Aber hier hat sie ein vorläufiges Ende gefunden, mit einem "toast for the scumbags" und einem Himmelschor, der jede Ecke des gigantischen Stadions durchdringt. "Look atcha, look atcha", lässt Ye es wieder und wieder per Knopfdruck auf der MPC ertönen. Ist damit der Protagonist selbst gemeint, der sich und seine Taten anschauen soll? Oder sind die anderen gemeint: "Schaut euch jetzt an, ich habs euch wieder gezeigt"? Zur Stimme seiner früh verstorbenen Mutter verlässt Ye die Bühne. Und die Erde dreht sich weiter.
Das komplette Konzert, professionell aufgenommen, findet ihr (leider nicht einbettbar) bei YouTube, hier entlang.
Setlist:
- King
- Father Stretch My Hands, Pt. 1
- Can't Tell Me Nothing
- Niggas in Paris
- Mercy
- Praise God
- Black Skinhead
- On Sight
- Blood on the Leaves
- Carnival
- Power
- Bound 2
- Say You Will
- Heartless
- Father
- All the Love
- Punch Drunk
- Highs and Lows
- Beauty and the Beast
- Everybody
- Famous
- FourFiveSeconds
- All Falls Down
- Jesus Walks
- Through the Wire
- Gold Digger
- Touch the Sky
- American Boy
- All of the Lights
- Good Life
- Homecoming
- Flashing Lights
- Stronger
- Ghost Town
- Runaway










1 Kommentar
Durfte Yannik nicht hin?