Zwischen Kaffeeklatsch und Hexenzirkel: Hymnen, Selbstbestimmung und intime Momente.

Berlin (dp) - Der Abend nach dem Weltfrauentag könnte kaum besser passen: In der ausverkauften Berliner Uber Arena sammelt sich Florence And The Machines Gemeinde – und die wirkt weniger wie ein klassisches Arena-Publikum, sondern eher wie ein riesiger Freundinnenkreis mit Hang zu großen Hymnen, feministischer Selbstbestimmung und vielleicht gar ein Schuss Hexerei.

Zwei Nymphen auf dem Bühnensteg

Bevor der große Sturm losbricht, gehört die Bühne jedoch Paris Paloma. Die britische Sängerin wirkt zunächst fast scheu, doch ihre Songs tragen Haare auf den Zähnen. Spätestens beim viralen feministischen Manifest "Labor" wird deutlich, warum sie als Support an diesem Abend perfekt passt. "All day, every day, therapist, mother, maid", singt sie – und die Halle singt aus voller Kehle mit.

Dabei wird die Sängerin tatsächlich von Florence Welch höchstpersönlich unterstützt: Paris, im schwarzen, wallenden Gewand, Florence in einem Traum aus hellem, leichtem Stoff. Wie zwei Nymphen laufen sie den Bühnensteg auf und ab, um dem Publikum die eindringlichen Zeilen aus nächster Nähe vorzusingen. Und wohin man schaut: feuchte Augen bei Besucherinnen.

Wie weit der Weg heraus aus dem Patriarchat noch ist, merkt man genau an diesen Reaktionen. Am Tag nach dem Internationalen Frauentag bekommt der Song eine zusätzliche Schärfe: Paloma verwandelt die Arena kurzzeitig in eine kollektive Abrechnung mit jahrhundertealten Rollenbildern. Mit ihr als Support rollt man thematisch den Teppich aus, der den Abend bestimmen wird.

Zwischen Waldnymphe und Rockstar

Um 20:30 Uhr verdunkelt sich die Halle. Ein Chor hebt an. Und dann erscheint sie: Florence Welch – barfuß, wehende, feuerrote Haare, wallendes und mittlerweile schwarzes Gewand. Ein unwirkliches Wesen zwischen Waldnymphe und Rockstar. Während vier Tänzer:innen mit zuckenden, fast unmenschlichen Bewegungen um sie herumkreisen, bleibt Florence zunächst ruhig, sie breitet die Arme aus, als wolle sie ihre Anhängerschaft in ihre wohlige Mitte nehmen. Auf dem erleuchteten Steg, der konstant mit Nebel geflutet wird, sieht es aus, als würde sie schweben. Eine fast schon astrale Erfahrung, sie dabei zu beobachten, wie sich die Engländerin in ihrer Musik ergeht und dabei Fans wie Crew dirigiert. Jederzeit würdevoll, herrlich (un)nahbar und jederzeit präsent.

Mit "Everybody Scream", dem Titeltrack ihres aktuellen Albums, eröffnet die Zeremonienmeisterin den Abend. Und auch hier kommt der feministische Kampfgeist zum Tragen: "Here, I don't have to be quiet / Here, I don't have to be kind". Richtig so, Lächeln als Deeskalationsstrategie ist so 1990. Schon nach wenigen Sekunden ist klar, diese Arena fühlt sich heute nicht nach Mehrzweckhalle an. Welch spricht mit dem Publikum, als säßen alle gemeinsam in einer überdimensionierten Küche beim Kaffee – nur dass diese Küche halt 17.000 Plätze hat.

Die ersten Klassiker lassen nicht lange auf sich warten: "Shake It Out" wird zur kollektiven Befreiungshymne, "Seven Devils" dröhnt düster durch die Halle und "Big God" bekommt eine fast bedrohliche Wucht. Florence rennt, tanzt, kniet, wirft die Arme hoch. Ihre Bühnenpräsenz ist so magnetisch, dass sie bis in die letzten Reihen des Oberrangs trägt: Die Sitzplätze hätte man sich heute schenken können, denn es hält keinen mehr auf dem Platz. Auch die Lightshow ist perfekt auf das Konzert abgestimmt. Lichtkegel, wabernder Nebel, tiefrote Bühne: Die Performance ist in sich zu jeder Zeit stimmig.

Vom Indie-Gospel zum Hexenzirkel

Spätestens im Mittelteil kippt die freundliche Kaffeeklatsch-Atmosphäre in etwas deutlich Mystischeres. "Which Witch", "Cosmic Love" und "Spectrum (Say My Name)" lassen die Arena wie eine riesige Kathedrale klingen: Hinter Florence arbeitet eine perfekt eingespielte Band – darunter Harfenist Tom Moth, der den Songs ihren typischen ätherischen Charakter verleiht.

Die Chorstimmen von Belen Leroux, Chihiro Kawasaki, Silas Grocott Cain und Lea Orož verwandeln Songs wie "Heaven Is Here" und "Sympathy Magic" in etwas fast schon Rituelles. Plötzlich wirken die Fans weniger wie Zuschauer:innen, sondern mehr wie Teilnehmer:innen eines kollektiven Zaubers. Oder, um es weniger blumig auszudrücken: Die Uber Arena fühlt sich irgendwann an wie ein Hexenzirkel auf dem Blocksberg. Wer braucht da schon Salem, Massachusetts, wenn Florence ihre schwarzweiße Magie direkt vor die eigene Haustür liefert?

Kurze, innige Augenblicke

Florence besitzt das Talent mit ihren Songs emotional immer genau auf die Zwölf zu treffen. Bei "Never Let Me Go" sorgt nicht nur der Text für Gänsehaut: Florence singt den Songtitel mantraartig und schwebt im Bühnengraben die erste Reihe ab. Sie hält Hände, umarmt ihre Fans, teilt kurze, innige Augenblicke. Fast als wolle sie ihre Anhänger:innen segnen. Selbst neue Stücke wie "Buckle" oder "The Old Religion" fügen sich nahtlos in das epische Florence-Universum ein. Dabei wirkt ihre Stimme mal verletzlich, mal donnernd – und immer vollkommen mühelos.

Natürlich verschwindet die Protagonistin nach "Sympathy Magic" kurz von der Bühne. Und natürlich kommt sie zurück, um ihren Fans die wohlverdiente Encore zu gewähren. Angenehm fällt auf, dass die meisten Hits schon im regulären Set verortet waren. So beginnt der Zugabenblock mit "One Of The Greats", bevor die Arena bei "Dog Days Are Over" nochmal ausrastet. Der Hit verwandelt selbst die Sitzplatzbereiche in eine Party. Die Rausschmeißer "Free" und "And Love" runden den Abend ab. Florence bedankt sich mehrfach beim Publikum und wirkt ehrlich gerührt, so dass man ihr (fast) jedes Wort glaubt.

Dass die aktuellen Florence And The Machine-Shows in sich so geschlossen wirken, liegt auch an dem kreativen Team hinter dem Star: Creative Director Molly Hawkins, Choreograf Ryan Heffington, Kostümdesignerin Shirley Kurata und Lighting Designer Stu Dingley bauen eine Bühne, die gleichzeitig Theater, Ritualraum und Indie-Konzert ist. Musical Director Pauli Lovejoy hält die musikalischen Fäden zusammen, während Silent Partners Studio als Creative Producer die Vision bündelt. Im Ergebnis eine Arena-Show, die sich wahrlich sehen und hören lassen kann.

Gemeinschaft, Selbstermächtigung und Katharsis

Am Abend nach dem Weltfrauentag wird in Berlin nicht nur gefeiert, sondern Gemeinschaft, Selbstermächtigung und Katharsis beschworen. Während draußen längst wieder der Berliner Alltag wartet, bleibt bei den Konzertbesucher:innen noch ein letzter Eindruck hängen: Florence Welch, im Licht stehend, die Arme ausgebreitet, als würde sie einen Sturm dirigieren. Und für zwei Stunden glaubt die ganze Halle, dass sie das tatsächlich auch kann. Wir waren alle nur Zauberlehrlinge in Ausbildung, frei nach Goethe: "Denn als Geister ruft uns nur hervor zu ihrem Zweck die alte Meisterin."

Text: Désirée Pezzetta.

Setlist Berlin:

  • Everybody Scream
  • Witch Dance
  • Shake It Out
  • Seven Devils
  • Big God
  • Daffodil
  • Which Witch
  • Cosmic Love
  • Spectrum
  • Never Let Me Go
  • Hunger
  • Buckle
  • King
  • The Old Religion
  • Howl
  • Heaven Is Here
  • Sympathy Magic
  • One of the Greats
  • Dog Days Are Over
  • Free
  • And Love

Fotos

Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream".

Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: ) Ausgewählte Bilder von der Tour zum Album "Everybody Scream"., Live in Glasgow und London, Pressefotos, 2026 | © Pressefotos (Fotograf: )

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