Für John Peel war sie die "Queen of Noise": Nun ist die Berlinerin, die mit Malaria! Geschichte geschrieben hat ("Kaltes klares Wasser"), gestorben.
Konstanz (mis) - Der britische Kult-DJ John Peel nannte sie die "Queen of Noise": Bettina Köster ist bereits am 16. März im Alter von 66 Jahren im italienischen Capaccio Paestum gestorben. Die Beisetzung fand gestern auf dem Friedhof des Dorfes südlich von Neapel statt, so das Statement auf ihrer Facebook-Seite. Mit ihr verliert der deutsche Underground eine unnachahmliche Künstlerin, die mit der Band Malaria! Anfang der 80er Jahre international Bekanntheit erlangte. Ein Konzert in New York habe nach der berühmten Aussage von Thurston Moore maßgeblich zur Gründung von Sonic Youth beigetragen. Die 1981 gegründete, fünfköpfige Frauenband hatte mit "Kaltes klares Wasser" einen Szene-Hit und machte es sich zur Aufgabe, im männerdominierten Musikbusiness gemeinsam gegen weibliche Klischees und Sexismus zu kämpfen. Als Ziel verfolgten sie eine eigene musikalische Sprache, die sich nicht an Konventionen orientierte.
Köster kommt am 15. Juni 1959 in Herford zur Welt, wächst in Westberlin auf und trifft an der Hochschule der Künste und im Szene-Treff Dschungel zahlreiche spätere Weggefährtinnen. 1979 gründet sie mit ihrer Partnerin Gudrun Gut und Beate Bartel die Band Mania D. und kreiert einen eigenen Subkultur-Treff, das Eisengrau in Schöneberg. Die Mischung aus Club, Klamotten- und Plattenladen zieht zahlreiche Avantgarde-Freunde an, etwa auch Bands wie Die Tödliche Doris oder die Einstürzenden Neubauten. Aus Mania D. wird 1981 mit Gitarristin Manon Pepita Duursma vom frühen Nina Hagen-Projekt O.U.T., Schlagzeugerin Christine Hahn und Keyboarderin Susanne Kuhnke die Band Malaria! Der anstrengende New-Wave-Stil aus Electro-Avantgarde-Sound und scheppernden Drums macht Malaria! bald bekannt.
Während die nicht NDW-taugliche Band hierzulande eher ein Geheimtipp bleibt, schaut man im Ausland - ähnlich wie bei Xmal Deutschland - genauer hin. Malaria! spielen Konzerte mit Nick Cave, John Cale und New Order. 1982 erscheint der erste Longplayer "Emotion", im Folgejahr das Live-Album "...Revisited". 1983 gehen Köster und Hahn nach New York, in Berlin musziert Gut mit Manon und Bartel als Matador weiter. Mit dem Mini-Album "Beat The Distance", aufgenommen in den Westberliner Hansa Studios sowie in den Sorcerer Studio in New York, erscheint das letzte Malaria!-Werk.
Köster bleibt in New York, arbeitet in der legendären Disco Danceteria, nach deren Schließung in einer Bank, u.a. im World Trade Center. Der Musik blieb sie immer treu und verfolgte verschiedene Projekte, etwa mit Sara Lee von Gang Of Four. 1992 nehmen Köster, Gut, Hahn und Manon in New Orleans mit Jim Thirlwell (Foetus, Coil) den Song "Old Man River" auf, dem das Album "Cheerio" folgt. 2001 kommt ihr Name nochmal ins Gespräch, als Chicks On Speed mitten im Electroclash-Revival den Song "Kaltes Klares Wasser" für "Chicks On Speed Will Save Us All" covern. Kurz darauf sind Malaria! Teil der Ausstellung "Zurück zum Beton" in der Kunsthalle Düsseldorf.
2009 erscheint Kösters erstes Soloalbum unter eigenem Namen, 2017 folgt mit "Kolonel Silvertop" ihr letztes. Zur Besetzung zählt neben Hahn (Bass, Gitarre) auch Gitarrist Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten) und Justus Köhnke. Mit rauchigem Hildegard Knef-Organ covert sie darauf mit "Der Novak" den Song eines wegen Amoralität in Bayern indizierten Chansons aus den 1950er Jahren. Kolonel Silvertop wiederum ist ein schottischer Hauptmann, der mit seinem Panzer die Nazi-Blockade von Antwerpen durchbrochen hat.
Malaria! ist 2015 Teil von Mark Reeders Film "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989", 2022 erscheint mit dem Buch "M_Dokumente: Mania D., Malaria!, Matador" eine Oral History mit allen Beteiligten, die zahlreiche tolle Dokumente und Fotos archiviert, deren Ästhetik viel zur Faszination der damaligen Subkultur Westberlins beigetragen hat.
Der Mini-Hit "Kaltes Klares Wasser" habe ihr zwar nicht die Miete gezahlt, dafür hatte er immer einen besonderen Platz in ihrem Herzen, wie Köster 2017 der taz verrät: "Ich mag das Lied bis heute sehr gerne. Auch weil es so einfach kam. Es war, als ging mir der Kopf auf, und das Lied war plötzlich drin. Wie zugeflogen. Das war einer dieser schönen Momente, die gar nicht so oft vorkommen."

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