Soundsystem-Culture, Dancehall-Fever und Premium-Performances: Eine niedersächsische Kleinstadt wird jährlich zum afrokaribischen Hotspot.

Bersenbrück (phk) - Schon zum 32. Mal fand am vergangenen Wochenende im niedersächsischen Bersenbrück nahe Osnabrück das Reggae Jam statt. Soundsystem-Culture mit zitternden Bässen, Dancehall-Fever mit wackelnden Gesäßen und Premium-Performances verwandelten die kleine Stadt in einen afrokaribischen Hotspot.

Internet gab es kaum, Internationalität dafür umso mehr: Die Artists reisten aus Kanada, Madagaskar, der Schweiz, von der Kanareninsel Teneriffa, aus Trinidad – die meisten aus Frankreich oder Jamaika – an, und einige auch aus Deutschland. Nosliw und Nattyflo, die viel zur germanophonen Welle in den 2000ern beitrugen, traten nach geraumer Funkstille wieder auf.

5.000-Seelen-Ort mit Reetdächern und Maisfeldern

Bersenbrück ist das Wacken des Reggae: Zwischen 12.000 und 15.000 Besucher:innen reisen stets Ende Juli oder Anfang August in die knapp 5.000-Seelen-Ortschaft mit Reetdächern und Maisfeldern und fordern die Infrastruktur der beschaulichen Kleinstadt heraus. Schauplatz sind der Klosterpark im Herzen der Samtgemeinde und die Flächen entlang des kristallklaren Gewässers namens Hase sowie rund um einen Sportplatz und eine Schule. Und irgendwie ist dann auch schnell der gesamte Ort von dem afrokaribischen Vibes erfasst.

Gefühlt bahnen sich weitaus mehr Stammgäste und Menschen verschiedensten Alters ihren Weg zu diesem Reggae-Festival als zu anderen Events der Szene. Die Diversity ist hoch. Auf dem Campingplatz mischen sich Englisch, Französisch und Deutsch, Familien mit Kindern und Senior:innen finden hierhin. Es gibt ein sogenanntes Family-Camping direkt am Haupteingang. Komasäufer:innen trifft man keine, Spaß hat man hier anders.

Wer auf hygienische Standards gehobenen Wert legt, profitiert von der glücklichen Lage eines Schwimmbads, um das herum sich das Festivalareal schlängelt – da lässt sich auf gefliestem Boden duschen. In den Dixi-WCs liegen meist sogar Küchentücher zum Abtrocknen bereit oder werden ausgehändigt. Und da kommen wir bereits zu einem Punkt, auf den uns der Veranstalter nach der erzwungenen Corona-Pause bereits vor ein paar Jahren hinwies: Preise für beispielsweise Toiletten, Sicherheitsabsperrungen, Müllentsorgung und Catering seien massiv gestiegen.

Rastaman Vibration, Businessman Inflation?

Die Inflation lässt grüßen, manche europäischen Festivals kostete sie bereits die Existenz, ob im Reggae (R.I.P.: Overjam/Slowenien, Summer Vibration/Elsass, AKF Wassertrüdingen/Bayern) oder anderen Genres (siehe Melt!). Passende Gelände finden sich immer schwerer, wovon das Keep It Real Jam, das Ruhr Reggae Dortmund oder das No Logo im französischen Juragebirge und das Sun Ska nahe Bordeaux Lieder singen können. So gesehen muss man den Anwohner:innen in Bersenbrück ausgesprochen dankbar sein, dass sie diese Veranstaltung tolerieren und auch aktiv besuchen.

Reggae taumelt seit Jahren durch eine noch schwerere Krise als die Musikindustrie und das Live-Business im Ganzen, und dieses Event ist der stete Kampf dagegen, sich weder finanziell unterkriegen noch auf das Glatteis führen zu lassen, irgendwelche vermeintlichen Big Names zu buchen wie Vybz Kartel, die siebenstellig kosten, ohne einen Funken Bühnenkompetenz an den Tag zu legen.

Hier geht es um gute Shows, eine familiäre Stimmung und viel Drumherum, das reichhaltigste Stände-Angebot, schnuckeliges Design der verschiedenen Stages und Tanz-Areale und um die Repräsentation der Offbeat-Genres in ihrer Breite von Afrohouse über Ska und Geheimtipp-Dub bis hin zum souligen Lovers-Rock-Style. Durchdringende Bässe, harter Raggamuffin, wunderschöne mehrstimmige Harmony-Vocals – Bersenbrück lotet die Spielarten aus. 2026 kamen besonders Keyboards und Saxophon auffallend viel zur Geltung.

Der Freitag: Ein Saxophonist als Headliner und zwei Generationen German Reggae

Den Auftakt legen die erprobten Rheinländerinnen Conscious Culture hin. Ihr Stil speist sich aus dem sehr frühen Roots Reggae der Vokal-Trios auf Jamaika, unterlegt mit konturenreichen Bläsersätzen. Auch Rocksteady fließt ein, eigenes Material wechselt mit Covers. Conscious Culture haben vor acht Jahren mal ein sehr schönes Album veröffentlicht, in das sie viel Detailtreue steckten, übrigens auch viel privates Geld. Es sollte dem Analog-Sound von um 1970 so nah wie möglich kommen, und der Auftritt weckt Lust auf eine Fortsetzung. Der Saxophonist, der an diesem Tag noch als Headliner aufwarten wird, stellt die geschmeidige Fortsetzung dar.

Die nächsten deutschen Acts, Nattyflo und Nosliw, bieten das Gegenteil von organischem Band-Sound: Sie treten zu Laptop-Sounds auf, und statt vieler Instrumente und komplexer Harmonien geht es bei ihnen um möglichst viele Silben binnen wenig Zeit und um digitale Beats. Nosliw, einst Speerspitze des deutschen Reggae neben Seeed, Patrice, Jan Delay, Culcha Candela und Gentleman, absolvierte 2017 seine Abschiedstour. Die Auftritte seines damaligen Label-Kumpels Nattyflo – beide früher bei Rootdown Records – liegen noch weitaus länger zurück.

Ein privater Gig weckte in ihnen wieder Hunger auf die Bühne. Man fragte bei Summerjam und Reggae Jam an, ob sie mal wieder auftreten könnten, gemeinsam, quasi als Nostalgie-Show. Bereits die Show in Köln vor drei Wochen machte klar, dass der Sound zwar aus der Zeit gefallen wirkt, die Lyrics aber nicht. Teils muss man sagen: Leider. Ein Song wie "Nazis raus!"" trifft heute einen besonderen Nerv.

Nattyflo ist eigentlich kaum wiederzuerkennen, legt man frühere Fotos oder Clips daneben. Umso unerwarteter kommt es, dass er wie ein junges Reh über die Bühne springt. Zum gelungenen Comeback, das keines ist, sondern erst einmal ein für sich stehender Blick zurück, passt auch Überraschungsgast Mellow Mark. Daran, dass er heute als Rettungssanitäter seine Brötchen verdient, erinnert er direkt auch optisch. Auch er trieb sich mal in den Kreisen von Rootdown Records herum. Und die drei sind sofort wieder auf dem Trip von damals.

Zwischen Stand-up-Comedy und tiefer Trauer

Drei andere deutsche Artists, die auch schon lange aktiv sind und die Geschichte des hiesigen Reggae, Raggamuffin und Ska mitschrieben, heißen Ganjaman, D-Flame und Dr. Ring-Ding. Der Veranstalter tauft sie 'Die Drei von der Tankstelle'. Ihr Job bei diesem Festival sind launige Bühnenansagen, die Infos zum Geschehen rundherum bieten, etwa auf die Benefiz-Tombola von HELP Jamaica! e.V. hinweisen, Biografisches zu den anderen Acts erzählen – oft handelt es sich aber auch einfach um persönliches Geplänkel, Entertainment, Einlagen, um Wartezeit zu überbrücken. Jedenfalls sind die Ansagen dieses Mal sehr lang, teils Siebenminüter mit Stand-up-Comedy-Charakter.

Weniger binden sie jedoch das Geschehen auf den abseitigeren Schauplätzen wie der Dancehall-Area, wo die DJs doch meist Roots auflegen, und dem Dub-Camp ein. Letzteres schimpft sich dieses Jahr im Programm-Flyer Roots-Camp und läuft bei manchen wiedergekehrten Gästen früherer Jahre ob seiner Lage am Wasser und angesichts seiner üppigen Lautstärke unter 'Riverside Disco'. Eine gesonderte Afrohouse-Fläche ist zwar generell toll, auf dem Lageplan aber nicht eingezeichnet und auch für Fortgeschrittene nicht auffindbar. Allgemein zeigt bereits dieser Tag, dass sich das Festival viel vornimmt und auch dem Publikum abverlangt, sich die Zeit gut einzuteilen. Dass man ohne Internet so manches nicht mitbekommt, was etwa Programmänderungen anbelangt, wäre sicher verbesserungswürdig.

Was die meisten schon in der Vorwoche mitbekommen haben: Fantan Mojah ist im Alter von 49 Jahren plötzlich an einer Herzerkrankung verstorben. Ein berühmter Artist seiner Generation war er nicht, vom Reggae Jam bekam er aber stets die Credits, die er verdiente, und auch Auftrittsgelegenheiten, etwa im Late-Night-Programm 2018. Einst schmetterte er "Rasta Got Soul". Ihm zu Ehren springen Freunde von ihm für ein Tribute ein. Diese schwierige und kurzfristige Aufgabe zu meistern, wirkt ein bisschen insidermäßig, wenn man Fantan Mojah und seine CDs nun nicht ganz so gut kennt, zunächst treten der ehemalige Mathelehrer Teacha Dee und die österreichische Backing-Band House Of Riddim zu dieser Würdigungs-Show an.

Ab diesem Moment thront eine übermannsgroße Figur des Verstorbenen für den weiteren Festivalverlauf auf der einen Hauptbühne. Fantans Seele schwebt über der ganzen Veranstaltung. Im Publikum sieht man bei manchen Tränen. Auch insgesamt hatte die Roots-Szene jüngst viele einschneidende Todesfälle innerhalb kurzer Zeit zu verkraften.

Lebhafte Körpersprache, visuelle Reize

Umso mehr tut es Not, nicht nur übliche Verdächtige wie Alborosie zu buchen, während dessen Auftritt wir die Nebenbühnen auskundschaften, sondern auch Newcomer, kaum Bekannte und Vergessene. Lisa Dainjah ist so ein Beispiel. Vor 20 Jahren arbeitete sie mit Silly Walks Discotheque und der Schweizer Band The Scrucialists, hatte einige echt schöne Nummern wie "Compliments! und "If You Really Care". Wie so viele nutzte sie die Pandemie und den Stillstand jener Zeit für neue Aufnahmen. Ihr Markenzeichen, das charmante Lispeln, ist geblieben. Live fehlt ein bisschen die Übung. Die Stimme wirkt um einiges zu monoton. Lisa setzt aber auf lebhafte Körpersprache und durchmisst die Bühnenfläche komplett.

Das tun hier 2026 eh viele. Lahmes Stehenbleiben auf einem Fleck erleben wir bei keinem, die Auftritte sind durchweg quirlig. Nur wenn man den Künstler:innen Auftrittsmöglichkeiten gibt, erhalten sie die Chance, sich zu steigern. Nicht nur für den Frauenanteil, sondern auch für einen weiteren 2000er-Gedenk-Vibe ist der Lisa-Dainjah-Slot gut. Schön, dass sie da war!

Die Dub-Area a.k.a. das Roots-Camp a.k.a. die Riverside-Disco macht schon in visueller Hinsicht viel her. Die Ausschmückung, das Design, Kunsthandwerk, zauberhaft gestaltete Stände und eine Art Riesen-WG-Wohnzimmer unter freiem Himmel. Eine wirklich schöne Atmosphäre.

Von 1:30 bis 3 Uhr treten zu fortgeschrittener Stunde Star-Saxophonist Dean Fraser mit einem elegischen Show-Intro, Schmusesänger Tarrus Riley, der mit Vollgas über die Bühne flitzt und richtig einheizt, und eine der besten Bands der Branche, die Blak Soil Band, auf. Jeder Song, sei er auch noch so unbekannt, verwandelt sich hier live in einen Hit, zu dem alle die Hüften kreisen lassen. Es ist eine runde Show mit weiterer Reminiszenz an Fantan Mojah, mit Entlehnungen aus anderen Genres wie bei Michael Jacksons "Human Nature" – das sich am Sonntag noch jemand anders vorknöpft – und immer wieder mit präzisen Saxophon-Minuten. Tarrus' viele Ansagen nehmen das Publikum mit, man hat einen starken Draht zum Publikum.

Der Samstag: Ein frühes Highlight vor wenigen Leuten und viel Abweichung vom Plan

Es hat Tradition, dass Ganjaman den Samstagnachmittag eröffnet. Seinen biblisch geprägten Texten folgt aber dieses Mal ein Zusatzangebot: Ein Gottesdienst am nächsten Tag – bei Open-Air-Musikfestivals wohl kein so gängiger Programmpunkt wie Yoga-Sessions, die auf dem Reggae Jam auch stattfinden und großen Zuspruch finden. Der Name Rhaatid ist den meisten Besucher:innen nicht so geläufig. Das Gesicht in der Mitte der Bühne sagt einigen dann aber schon etwas, denn Keith 'Roughhouse' Powell war schon öfter hier. Er hat schon Acoustic-Roots gemacht und fluffigen Reggae-Pop, aber eine Art Metal-Ragga noch nicht. Rhaatid heißt seine neue Band dafür, eine froschgrüne Bassgitarre ist ihr Erkennungsmerkmal.

Italee Watson hat den kürzesten Slot und die meiste Energie. Auch wenn sich wie beim Vorgänger nur rund 400 Zuschauer:innen im Klosterpark einfinden, sehen diese ein unwiderstehliches Highlight des Konzertjahres. Es ist eine Mischung aus Theateraufführung von Shakespeare'schem Kaliber, Zirkel-Intervall-Training, Impfung gegen zu wenig Nächstenliebe im Alltag und Unterweisung des Publikums in einigen Basics der sogenannten 'Roots And Culture', wie Italee auch ein Stück am Anfang nennt.

Energiebündel, underrated, aber krasse Erscheinung

Sie fordert die Leute zum Winken, Singen und Springen auf. Ihr Song "Magic" handelt davon, gebrochene Seelen zu heilen. Ihr Auftrag lautete Upliftment, die House Of Riddim-Band untermalt ihre Eskapaden und teils zehnsekündigen Breaks inmitten von Songs genial. Italee lässt sich mehrmals zu Boden plumpsen und stellt sich tot. Sie ersteht wieder auf, dreht Pirouetten um sich selbst, röhrt aus voller Kehle, zeigt die lebendigste Mimik, die je bei Reggae-Shows gesichtet wurde. Sie schüttelt ihre Mähne, würdigt das Wetter einige Tage zuvor als "hotter than in Kingston". Sie macht einfach drauflos, ist eine krasse Erscheinung, plaudert, schauspielt, schreit, animiert, kämpft um Aufmerksamkeit, gibt alles. Doch dann ist die Zeit zu kurz. Mit dem nächsten Act auf der Nachbarbühne verhandelt sie live vor Publikum über eine Verlängerung, die ihr der Kollege Bazil tiefenentspannt gewährt.

Italee freut sich wie ein kleines Kind unterm Weihnachtsbaum und bedankt sich immer wieder, nur Bazil bedankt sich noch öfter, als er dran ist, nämlich für den Fakt, dass er gebucht wurde. Beide Artists eint, dass sie in der Szene nur wenige auf dem Zettel haben: underrated, aber saugut. Das war es dann aber schon mi den Gemeinsamkeiten. Italee Watson startete als Backgroundsängerin für Shaggy in den Neunzigern. Schon damals kündigte sie ein Debütalbum an, bis heute ist es nicht erschienen. In ihrer Heimat Kingston organisiert sie selbst Festivals. Sie arbeitete bereits mit einer kroatischen Reggae-Band, tourte als Opener für Peter Toshs Sohn Andrew und war schon öfter in Deutschland.

Frankreich, Kongo, UK und ein nicht angetretener Jamaika-Flug

Bazil hingegen betritt das zweite Mal eine deutsche Bühne. Die Premiere ist schon ein Jahrzehnt her. In Frankreich veröffentlichte der Pariser mehrere (schöne) Alben, eines war auch bei uns erhältlich. Der freundliche, dynamische Typ im Casual-Business-Outfit hat eine ungewöhnliche Kombination aus Live-Drummer und programmierten Beats dabei. Die Harmony-Vocals kommen teils vom Band, teils aus der Kehle seiner Laptop-Regisseurin Cherokee.

Diese hat Eltern aus dem Kongo und erzählt mit strahlenden Augen von all der schönen kongolesischen Musik, die sich heute in Afrobeats und Hip Hop manifestiert. Das Team Bazil zeigt sich als weiteres Energiebündel, das mühelos für positive Vibes sorgt und auch im Interview keine Spur von dem üblichen Stress zeigt, den Artists oft so haben. Statt mit dem nicht vorhandenen Internet zu kämpfen und Social Media zu machen, gucken sie sich neugierig die nachfolgenden Konzerte an. Sie hinterlassen bei mir den Eindruck, dass ich gerne jeden Abend ein Bazil-Konzert sehen möchte.

Zum Glück gab es einen Stream, und man kann die gesamten drei Konzerttage auf beiden Hauptbühnen bei Soundbwoy TV auf YouTube nachgucken. Beim Londoner Afrobeats- und Dancehall-Profi Stylo G kann sowieso keine Beschreibung die Details aus nackter Haut, anzüglicher Choreografie und Timing treffend wiedergeben. Bühnenhost Dr. Ring-Ding freut sich ob seiner eigenen Identität als Halbfranzose über die biografische Parallele zum Kollegen Mal Élevé (Irie Révoltés) im nächsten Slot, der gesellschaftsaktivistischere Töne anschlägt und auf Instrumente setzt.

Mal nicht den falschen Flieger, sondern die seines Erachtens falsche Flugkomfortklasse hat der nächste Artist genommen, der ein seltener Gast in Europa geworden wäre. Wäre. Wenn. Demarco beschließt aber, lieber gleich gar nicht anzureisen, und sorgt für einen kurzfristigen Prime-Time-Ausfall.

Mit Koffein ins Gespräch kommen

Ich schaue mir die Stände an und zähle sechs, an denen nachts Kaffee ausgeschenkt wird. Das ist nicht die Regel. Sehr guter Kaffee ist darunter. Und eine neuartige Verwendung von Kaffeesäcken. Ich spreche mit Tim, der welche aus Vietnam und anderen Ländern upcycelt. Das macht er nicht alleine, sondern mit Näher:innen, die das nie gelernt haben: Sie sitzen in einer JVA in Niedersachsen ein. Jede Person, die aus einem Kaffeesack eine Tasche, einen Rucksack oder Ähnliches genäht hat, verewigt sich dort mit ihrem Namen. Ich kaufe, meine Näherin heißt Miri und ist bereits wieder auf freiem Fuß. Einen Teil des Verkaufspreises erhält sie.

One-World-Justice-Stories wie diese wurden auf Festivals früher häufiger in Form von Workshops oder Podiumsdiskussionen erörtert – es läge nahe, derlei auch hier wieder aufzugreifen, gerade im Reggae und dem hohen Anteil an Menschen unter den Besucher:innen, die afrikanische Migrations-Backgrounds haben. Es wäre toll, wenn es auch in Deutschland wieder mehr solche edukativen Bestandteile gäbe.

Was Tim auch erzählt: Er ist waschechter Bersenbrücker, aber vor langer Zeit weggezogen. Als er Teenager war, machte ein gewisser Bernd Lagemann, der sich 'Sheriff' nennt, hier seine erste Reggae-Veranstaltung. In einer Halle. Tim war damals dort. Der Sheriff sei anfangs für seine Pläne, ein Festival aufzuziehen, belächelt worden. Im Ort habe man ihn nicht für voll genommen. Er sei dann nach Berlin gezogen und habe in einem anderen Beruf Startkapital für diese Veranstaltung erwirtschaftet.

Geschichte und Stellenwert des Reggae Jam

Auch einen seiner Unterstützer treffen wir an: Berthold. Er organisierte Reisen in die Karibik, bis der 11. September 2001 passierte. Der Tourismus kam zum Erliegen, Berthold sattelte um – auf Tourneemanagement. Er führte namhafte Bands nach Bersenbrück und half dem Sheriff, das Festival überregional aufzustellen. Das Reggae Jam wuchs in der Folge stetig, überflügelte in manchen Jahren das Ruhr Reggae Summer in Sachen Ticketzahlen und setzte sich nach dem Wegbrechen des Chiemsee Summer/Chiemsee Reggae Summer auf Platz zwei in puncto Quantität durch.

Was die Qualität angeht, betrachtete die Leserschaft der Riddim das Bersenbrücker Festival stets als das Beste und votierte in der jährlichen Abstimmung fürs Nordlicht als beliebtestes Live-Event. Das dürfte viel mit der dort herrschenden entspannten Stimmung zu tun haben, für die das Publikum auch selbst sorgt. Aggression ist hier quasi ein Fremdwort. Neben vielen anderen Faktoren ist zu nennen, dass die Security über die Jahre stets einen freundlichen, geduldigen Umgang pflegt, was manch anderen Veranstaltungen definitiv gut täte. Es gibt immer für alles eine Lösung und keine Eskalationen.

Rahmenprogramm auf der Hauptbühne

Auf den Mainstages halten am späten Samstagabend sogenannte Soundsystems die Stellung. Das sind diese Türme aus sehr vielen Lautsprechern, die geballt Bässe übertragen und die Erde beben lassen. Sie leben von temporeichen DJs und MCs. Aus Wuppertal ist Warrior Sound International da: Mattia springt ein und hottet eilig über relativ bekannte Tunes wie "Welcome to Jamrock", der uns an diesem Wochenende dauernd begegnet, ob auf dem Campingplatz, aus Boxen an Foodständen, in der Dancehall oder auf den Hauptbühnen. "Welcome to Jamrock“ beruht nebenbei auf einem markanten Ini-Kamoze-Sample.

Das Little Lion Sound System aus Genf zeigt sich endlich auch persönlich. Hier lassen sich die Gesichter hinter Queen Omegas Viral-Hit "No Love (Dubplate)"bei der Arbeit beobachten. Sie bauen vielen Artists tolle Riddims, an diesem Abend einem Künstleraus Madagaskar namens Basta Lion. So kommt der relativ unbekannte junge Artist mal eben zu einem ganz prominenten Slot.

Von den Soundsystems zum Dancehall-Pop

T.O.K. übernehmen danach in ausgeklügelter Mehrstimmigkeit. Konshens setzt anschließend auf eine Stop-and-Go-Show mit viel "Puuuuuuul uuuuuup", Vor- und Zurückspulen der Riddims und nutzt die späte Stunde für ein sexuell explizites Programm. Die Partymusik mit vielen bekannten Melodien übt auf junges weibliches Publikum überproportional starke Anziehungskraft aus.

Statt zu Konshens zu tanzen, täte ich das lieber zu DJ Barney Millah. Mit Schrecken stelle aber nicht nur ich fest, dass er längst dran war. Das ausufernde Programm muss man halt erst mal richtig lesen lernen. Ein holländischer Verkäufer, bei dem ich einen Pulli für die windige, sternklare Nacht mit sinkenden Temperaturen erwerbe, verrät mir, dass seine Landsfrau Rita 'Black' Omolo auch schon aufgetreten sei, und zwar im Dub/Roots/Riverside-Camp – hatte ich glatt überlesen. Zu viele Reize, zu viel Input. Ab ins Zelt!

Der Sonntag: Vier Generationen in einem ungewöhnlichen Line-up-Mix

Obwohl das Sonntags-Line-up verschiedenste Winkel und Entstehungsphasen der Rasta-Musik auslotet, fügt sich ein Act bruchlos an den anderen, als wäre diese Abfolge das Natürlichste der Welt. Dubarise starten in geradliniger 'Rootsyness' in den verregneten Nachmittag. Bersenbrück-Reisende sind es gewohnt, dass es nass wird. Ob das Festival nun schon vom 24. bis 26. Juli und damit an einem etwas früheren Termin im Sommer stattfindet oder etwa vom 4. bis 6. August, wie vor drei Jahren, etwas später: Regenjacken gehören dazu. Zum Glück hat der Klosterpark viele massive Baumkronen, die eine Zeit lang schützen, und etwas Erfrischung tut ja sogar gut.

Aus dem Kanaren-Urlaubsparadies ist Dactah Chando eingeflogen, der auf die Kölner Riddim Chop Band trifft. Seine spanischen, englischen und bilingualen Lyrics grooven auf mehreren Schichten Keyboards, was auf den Rest des Tages einstimmt. Im Vorfeld deutet mir Chando an, dass sein Musikschaffen eher ein Draufzahlgeschäft sei, er es aber nicht lassen könne. Er stimmt seinen Klima-Song "Ring The Alarm" von 2018 an, das Thema Umweltzerstörung hat er bis heute beibehalten. Auch einer seiner neuesten Songs, "Mercy", handelt davon.

Auf den ruhigen Flow seines Konzerts folgt der ebenso in sich ruhende Auftritt der Mystic Revealers, umbenannt in Billy Mystic And The Revealers. Bassist Leroy Edwards, genannt 'Lion Revealer', und sein Nachbar, Singer/Songwriter, Billy Wilmot, genannt 'Mystic', gründeten die Band Anfang der Achtziger in einem ruhigen jamaikanischen Küstenort ein paar Kilometer südöstlich von Kingston. Schon 1995 und 2025 spielten sie in Deutschland, einmal auf dem Summerjam, einmal auf dem Reggae Jam. Billy kann sich an beide erinnern: Das Publikum in den Neunzigern sei toll gewesen, außerdem habe man in der Heimat sehr selten Shows, und umso mehr wögen die Gigs in der Ferne.

Die Band hatte sich eine Zeit lang anderen Einkommensquellen in Tourismus, Freizeit und Agrarwirtschaft zugewandt, sich aber vergangenen Sommer reaktiviert. Einige Mitglieder Anfang, Mitte zwanzig verjüngen die neu formierte Combo. Die Revealers treten nun als Mehrgenerationenprojekt auf. Ihr Sound kombiniert die Keyboard-Schleifen, die an diesem Tag das übergeordnete Thema zu sein scheinen, mit rockigen Momenten. Die Texte sind durchweg sozialkritisch. Man endet mit dem sarkastischen "Mr. Businessman". Manche Melodien sind sehr komplex, kontraintuitiv, weit weg von 08/15. Trotz aller Parallelen: Die Mystic Revealers setzen fast nur auf nachdenkliche Themen.

Vier Individualistinnen als ein Team

Mehr Frauen auf die Bühnen?! Womöglich kommt man diesem Ziel schneller nahe, wenn Frauen an einem Strang ziehen. So dachten sich Samora und ihr Producer und Gitarrist Res Staudenmann, einst Initiator des Female Reggae Voices Riddim. Was vor sechs Jahren 17 Frauen auf demselben Beat-Konstrukt vereinte, läuft live ein wenig anders ab: Samora, ihre funky Reggae-Kollegin Ammoye aus Toronto, die Münchnerin Zoe Mazah, oft näher an den Spielarten Lovers Rock und Rocksteady, und Yeza, Poetin aus demselben Dorf, aus dem die Mystic Revealers stammen – was für ein Flow!

Die Kölnerin Treesha reist mit dem Gespann, eine weitere famose Background-Sängerin ist an Bord, und obwohl jede Einzelsängerin ihre Spielwiese in der knapp 90-minütigen Show bekommt, finden eine ganze Reihe Duette zwischen je zweien der vier Hauptinterpretinnen statt. Ansonsten macht eigentlich jede etwas anderes, aber das in gemeinsamem Spirit. Alle investieren viel in die gestische Ausdruckspower on stage und hinterlassen den Eindruck, dass daheim in ihren jeweiligen Städten noch viel mehr geballte Female Creativity wartet.

Back to the Roots-Roots

Das Reggae Jam-Finale bestreitet erst Skarra Mucci, eingespielt mit der französischen Bounce-Beat-Schmiede Manudigital. Queen Omega musste sich mit ihren Royal Souls mit einem für ihre Verhältnisse kürzeren Slot anfreunden, in dem sie aber wiederum "Human Nature" coverte. und Inner Circle feuerten als eine der dienstältesten Bands auf ihrer ewigen Tour wieder das Hit-Aufgebot von "Games People Play" bis "Sweat"“ ab.

Insgesamt hinterlässt das Reggae Jam einen sehr angenehmen Eindruck, war für die Programmfülle aber irgendwie zu kurz. Das 'Original' aller dieser Festivals könnt ihr kommendes Wochenende im belgischen Geel erleben, dem mit Abstand ältesten Rasta-Open-Air Europas. Kleine und unterstützenswerte Roots- und Ska-Festivals finden ebenfalls in Berghaupten im Schwarzwald statt – Black Forest On Fire – und im schwäbischen Wulfertshausen bei Augsburg: Reggae in Wulf.

Text: Philipp Kause. Fotos: Wolfgang Reyscher.

Fotos

Reggae Jam, 2026 Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot.

Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher) Die niedersächsische Kleinstadt Bersenbrück verwandelt sich seit über 30 Jahren in einen afrokaribischen Hotspot., Reggae Jam, 2026 | © laut.de (Fotograf: Wolfgang Reyscher)

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