Für die nächste Single aus "Frieden" gräbt Sido seinen alten Aggro Berlin-Kollegen aus: auf den ersten Blick strunzlangweilig, tatsächlich elend traurig.

Berlin / Zypern (dani) - Im Deutschrap ist es wie in der Mode: Es kommt alles zurück. Kaum eine Entzweiung ist je von Dauer, irgendwann finden doch alle wieder zueinander. Jetzt auch Sido und Fler. Es verbindet eben doch, die etwas welk gewordenen Lorbeerkränze auszupacken und sich darauf gegenseitig einen von der Palme zu wedeln. "Propaganda", bitteschön:

Auf den ersten Blick hab' ich das einfach nur strunzlangweilig gefunden. Immerhin passen Sound und Optik zusammen. Ein theatralischer Streicherbeat ohne Wumms, ein Video voller plakativer Bilder in Schwarz-Weiß, aber völlig ohne Zusammenhang, ohne Story oder überhaupt irgendeine Idee, dazu zwei Typen, die halt ihren Text runterrattern und dabei ungefähr so begeistert aussehen, wie sie klingen: Das zeigt schon eine gewisse Konsequenz.

Ich versteh' zwar nicht, warum die Kommentarspalte das für "krass", "brutal", einen "Banger" oder einen "Hammersong" hält, aber ... well ... unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Ansprüche. Wem das genügt, dem reichen auch zwei für eine "Aggro Berlin Reunion". Habt ihr ruhig Spaß, mir gibt das nichts.

Je länger ich auf diesen Track schaue, desto tragischer finde ich aber das Bild, das er zeichnet. Fast schon bizarr, ausgerechnet mit der Feststellung "You always have a choice" einzusteigen. Das stimmt zwar, bedeutet aber auch: Sido und Fler hätten die Wahl gehabt. Sie hätten irgendetwas Neues erzählen können. Statt dessen recyclen sie wie der senile Opa auf der Familienfeier zum x-ten Mal dieselben ollen Geschichten, die alle schon auswendig mitsprechen können, und suhlen sich ansonsten im großen Mimimi.

"Liebe ist eh doof!!!"

Ja, seht! Wir kriegen willige Weiber, wann, wie und so oft wir wollen! Und die servieren wir dann nach Gebrauch auch wieder ab, wie wir wollen. Weil wir es können! Ja, Glückwunsch! Sagt euch eigentlich niemand, dass derlei Gebaren schon bei 15-jährigen Jungs peinlich ist, geschweige denn bei erwachsenen Männern? Oder dass dieses "Ich glaub' nicht an die wahre Liebe" halt wirkt, als stampfe ein bockiger Fünfjähriger mit dem Fuß auf und schreit, das Spielzeug, das er nicht haben darf, sei eh voll doof?

Ja, warum sind eure Frauen wohl weg oder nehmen statt den "Typen, der 'n Mann sein kann" (was immer das sein soll), am Ende doch wieder Justin Bieber? Ich hätte da so einen Verdacht. Fler hat sich ja noch nie mit besonderer Logik hervorgetan. Wie rasant er in seinem Part aber von "Du kleine Schlampe, Mann, du bist nur 'ne Zahl" zu "Junge, meine Frau ist keine Hure, kleiner Bastard" und zurück zu "behandel' Nutten wie ein Puppenspieler" switcht, zeigt schon ein extrem gestörtes Verhältnis zum anderen Geschlecht.

Wie so oft, habe ich grenzenloses Mitleid mit dieser offensichtlich sehr verletzten Seele, sehe aber auch wenig Chancen, dass dieser Typ je das erfüllte Beziehungsleben kriegen könnte, das er so dringend nötig hätte und das er sich so offensichtlich so verzweifelt wünscht. Hätte Fler irgendjemanden oder irgendetwas in seinem Leben, das es wert wäre, bräuchte er auch nicht nach Jahren immer noch auf seiner Fehde mit Bushido herumreiten. Oder zum hundertsten Mal die Story wiederkäuen, wie er einem RTL-Reporter mal eine zentriert hat. Oder die Ungerechtigkeit begreinen, dass "die Szene" (wer immer das nun wieder sein soll) einfach nicht genug Respekt zollt, für geleistete Verdienste, Frechheit.

Schuld sind immer die anderen

Sido hat dieses Selbstmitleid-Level, wie es aussieht, noch nicht ganz erreicht, befindet sich aber auf einem guten Weg dahin. Auch bei ihm sind alles und alle anderen schuld: der Vaterkomplex, das ADHS, der Feenstaub und natürlich auch die bösen Frauen, die ihm "tausend Narben" geschlagen haben. Seine Lösung am Ende: Koks, Rückzug von der Welt und ... die Bibel? Ernsthaft?

Es ist schon sehr traurig. Frustrierte ältere Männer machen Rap-Musik ... und ich fürchte, wir bekommen noch jede Menge mehr davon. Sidos Album "Frieden" erscheint am 27. November:


Xavier Naidoo scheint nun doch nicht mit von der Partie zu sein, dafür neben Fler so kredible Rap-Acts wie Nico Santos, Menowin und Sarah Connor, so sympathische Zeitgenossen wie Gzuz, Kontra K und Marteria und, damit es auch ganz sicher langweilig genug wird, auch noch Montez und Shindy. Freut ihr euch auch so?

Fotos

Fler und Sido

Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer) Fler und Sido,  | © laut.de (Fotograf: Chris Springer)

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1 Kommentar

  • Vor einer Minute

    Intro ließ kurz aufhorchen, Moby-Sample wenn ich nicht irre; Atmosphäre des Songs ist ok. Textlich natürlich belanglos und leer wie. erwartet, Phrasenwürfeln und gucken was sich reimt. Muß den Track kein zweites mal hören.