Therapie-Vibes prägen weiterhin "Das Tauschkonzert", deswegen soll man zu Mark Forster Songs auch mal lachen, findet Deutsch-Pseudo-Rapper Tream.
Grootbos (Südafrika) (phk) - Das Konzept von "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert" bleibt beim Alten. Deutschsprachige Stars, die Einschalt-Impulse setzen, treffen sich mit nicht ganz so bekannten Sternchen, die zufällig gerade ein neues Album veröffentlichen und zufällig immer irgendwie bei Universal, Sony oder Warner Plattenverträge haben.
In Südafrika sitzen sie auf einer lauschigen Terrasse im Sonnenuntergang und covern einander gegenseitig. Alle Cover-Interpretationen werden mit Getätschel, Umarmungen und überschwänglichem Lob bedacht. Höchste Auszeichnung sind Tränen.
Der Graf besingt seine feuchten Augen
In der aktuellen Staffel stand letzte Woche Der Graf namens Unheilig im Mittelpunkt, was wie ein Retro-Annex wirkte: Ein werbewirksames Aufwärmen von Hits einer offiziell bereits von ihm abgeschlossenen Karriere. Sagt man laut 'tschüs', pilgern alle zur Abschiedstournee, sagt man laut 'bin wieder da', erlebt man die große Comeback-Zeremonie. Höhepunkt seiner Rückkehr ist nun, dass er da im Kreise jüngerer Artists vor einem Millionen-Publikum sitzt. Wie ein gnädiger älterer Weiser nickt der Melodramatiker ab und an aufmunternd den Kolleginnen zu, als er in der dieswöchigen Folge das Werk Mark Forsters über sich ergehen lässt. Im von ihm ausgesuchten "Daheim" besingt er - routinehaft - seine feuchten Augen.
Der emotionale Wendepunkt des Abends ist schnell identifiziert. Es ist mal wieder eine Tränen-Story, eine Ballade mit ernstem biographischen Hintergrund: Wenn Ina leise sein, dann wirke sie viel stärker, urteilt Mark Forster über Ina Bredehorn, die sich Deine Cousine nennt. Sie verwandelt sein Lied "Wenn Du Mich Vergisst" (ursprünglich auf "Supervision") in eine Hymne an ihre demente Mutter. Diese habe so viel vergessen, dass sie Ina nicht immer identifizieren könne.
Die Mama, die man für diese Sendung entsprechend nicht befragen kann und schon lange erkrankt ist, habe viel Lebenszeit ins Unterstützen von Inas Karriere gesteckt. Die Punkrock-Cousine bereut vor laufender Kamera, zu wenig Zeit mit ihr verbracht zu haben, als diese noch fitter gewesen sei. Mark Forsters Worte seien der Songtext, den sie selbst nie habe formulieren können.
Sogar der Himmel muss weinen
Nach der Vorführung verliert sich Ina in abschweifenden Allgemeinplätzen. Elterliche Liebe sei bedingungslos, und wer diese nicht so genossen habe wie sie, empfände bestimmt eine unersetzliche Lücke. Alle in der Runde nicken betroffen. Anerkennend loben sie den Regen, der beim Cousinen-Auftitt pladdert. Sogar der Himmel muss weinen. Das sei ganz stark, finden die anderen. Sie habe es selbst gar nicht bemerkt, relativiert Deine Cousine.
Geplänkel, versandende Komplimente, sich genieren dafür, dass die Konkurrenten um unser bisschen Aufmerksamkeit einen gut finden oder zumindest so tun, als ob - das war immer das Herzstück der Show. Diesmal merkt man das besonders heftig. "Der war immer im Trend, der hat immer gecheckt: Was kommt als nächstes, was muss ich machen?", würdigt Gastgeber Johannes Oerding den durch die Cover-Mühle geschleiften Forster: "Im Grunde hat er immer 'ne Hit-Formel gehabt für all seine Songs."
Alle buhlen um einen kleinen Kuchen
Das brachte ihn als Casting-Juror ins Fernsehen, wo Kinder mit seiner Musik und Personality frühsozialisiert wurden. Dort lernte der Vorort-Kaff-Kaiserslauterer auch seine Berufskollegin Lena kennen, zusammen gründeten sie eine Familie. Im Grunde aber gilt für deutsche Artists dieser Liga, dass sie von dem zehren, was die Marktforschung 'Light User' nennt: Leuten, die mit Musik oft wenig am Hut haben und vielleicht mal drei Tonträger und ein Ticket im Jahr kaufen, andere Hobbys haben und nur die allerbekanntesten Künstler:innen kennen, besonders solche der leichten bis seichten Muse.
Solche prallen hier aufeinander, weswegen wohl so manches Kompliment gezwungen klingt. Alle buhlen um einen kleinen Kuchen. Im Werbeblock läuft der Vorverkauf für eine Helene Fischer-Tour. Mit Schlager verdient man mehr, das wissen hier alle. Das Abgleiten ins Schlagerhafte bleibt womöglich deshalb bei keinem von ihnen aus.
Mark Forster - ein "richtiger Dichter und Denker!"
Trotz Marks Simplizität würdigt Der Graf das Dreidimensionale, das Niveau und die Tiefe der Forster-Texte: "So'n richtiger Dichter und Denker!" - Alina Süggeler von Frida Gold präzisiert: "Dann gibt's da noch so'n Layer dahinter, den man halt entdecken kann." - Forster selbst adelt sein Album von 2021 als "Konzeptalbum, das eine Liebesgeschichte von Anfang bis Ende erzählt". Giovanni Zarrella übersetzt "Übermorgen" in eine bilinguale, italienisch-deutsche Version mit dem "Vibe" von Jovanottis "Seranata Rap". Bevor loslegt, lässt sich Oerding erst einmal erklären, wer Jovanotti ist. Oh weh.
Das Mash-Up mit Live-Band gelingt in der ersten Strophe noch ausgesprochen gut. Die Mitsing-Hook ist dagegen viel zu hoch transponiert, Zarrella kann so hoch nicht überzeugend trällern, man kann kaum hinhören. Doch die anderen klatschen und tanzen im Stehen begeistert mit. "Macht richtig Bock, die Nummer", klopft Johannes dem Kollegen hektisch auf die Schulter. Hoffentlich merkt er sich jetzt, wer Jovanotti ist. "Tierisch", findet Deine Cousine die Version. "Stark, Bruder!", kommentiert Schlager-Rapper Tream.
Das Land der Dichter und Denker pflegt gern Erbschaftsstreitereien. Da reiht sich Alina Süggeler mit einer privaten Geschichte von einem ererbten Haus ein. Darauf bezieht sie Forsters "Unser Haus".
Geil, total geil, voll geil, so geil!
Tream sorgt für ausgelassene Stimmung mit einem Pro-Weißbier-Chorus in "194 Länder" (ursprünglich auf "Liebe"). "Das war so Hip Hop mit Trap-Beats, i glaub, des woara Gaudi. (...) Mia hom die letzten Wochen so fui geweint, etz dürf ma a mol locha", ordnet er auf Bayerisch ein. Hat schon mal jemand Trap ohne Hip Hop gehört?! Hm. Beim Zurückspulen in der Mediathek kneifen wir uns am Ohrläppchen, finden aber weder das eine noch das andere, sondern einfach Gegröle auf dezenten Urban-Beats. Der Urheber findet diese neue Version erst "geil", dann "total geil", schlussendlich "voll geil", Zarrella rühmt Treams "Stimmfarbe, so geil".
"Wenn ich mit 16-Jährigen über Gefühle spreche, was in meinem Beruf manchmal passiert, dann hab ich dass Gefühl, ich bin gerade in 'ner Therapiesitzung", leitet Mark ins Cover seines Stücks "Bist Du Okay" ein, das er als Duett auf "Musketiere" rausbrachte. Der Songtitel entstand aus der Erfahrung, viele Leute würden auf "Wie geht's?" stets "gut" antworten, auch wenn es ihnen nicht gut gehe. Oerding macht das Cover. Mit der Elektronik in Forsters Fassung habe er nichts anfangen können (sagt wirklich er!), lässt sie daher weg. Statt dessen liefert er ein Piano-Unplugged mit zusätzlicher Strophe. Wer auf diese Kategorie Lieder steht, wird's ganz nett finden. Ansonsten ist der Hit des Abends Marks aktuelle, schwungvolle Single "Ein Lied", der man sich überraschend schwer entziehen kann.
Bock-bok-bok?

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