28. Januar 2026

"Ich dachte, sie hassen uns"

Interview geführt von

Am Freitag erscheint Tyler Ballgames Debütalbum "For The First Time, Again". Es ist das erste Folk-Highlight des Jahres 2026.

Die zwölf Songs auf "For The First Time, Again" sind gemeinsam mit Foxygen-Chef Jonathan Rado entstanden. Wir erreichen Tyler Ballgame Ende des letzten Jahres zuhause in Los Angeles. Vor ihm steht noch ein kurzer Europa-Trip mit ausgewählten Showcases, der Sänger freut sich aber schon auf Weihnachten mit seiner Familie in Rhode Island.

Ich möchte das Gespräch ausnahmsweise mit einer Coverversion beginnen: Ich war wirklich beeindruckt von deiner Version des David Bowie-Songs "Life On Mars" beim britischen End Of The Road Festival, nur deine Stimme und ein Synthesizer, eine wundervolle Version. War das eine einmalige Sache oder könntest du dir vorstellen, den Song auch mit deiner Band zu spielen?

Wir haben es mal bei einem Soundcheck versucht, aber weil es so viele Akkorde sind, hat es nicht richtig hingehauen. Vielleicht wagen wir es irgendwann nochmal, aber zu zweit ist es einfacher.

Es gibt diese ungeschriebene Regel, dass man nie seinen Lieblingssong covern sollte. Du hast "Life On Mars" aber genau mit diesen Worten angesagt, als dein Lieblingssong. Setzt dich das nicht unter Druck?

Ach, meine Lieblingssongs ändern sich so oft, dass ich mir da eigentlich keinen Druck mache.

Die Frage aller Fragen: Was macht eine Coverversion zu einer guten Coverversion?

Wenn du die Bedeutung des Songs verinnerlicht hast und sie mit deinen Erfahrungen anreicherst, um dadurch etwas Neues hinzuzufügen. So dass die Hommage an das Original erfahrbar wird. Ich tendiere dazu, Songs nahe am Original zu belassen, aber wenn es sich wie dein eigener Song anfühlt und du eine Verbindung zum Text hast, dann wird es gut.

Bowie ist jetzt nicht der Name, der einem einfällt, wenn man dein Album hört, auch wenn es viel 60er- und 70er-Jahre-Vibe hat. Man denkt eher an Roy Orbison, Van Morrison oder Nick Drake. Die Presse überschlägt sich bereits. Wie gehst du mit dem ganzen Lob von allen Seiten um?

Es ist schön, dass die Leute es genießen und dass es sie an Dinge erinnert, die sie lieben. Als wir die Platte machten, wollten wir genau diesen klassischen Sound einfangen. Ich glaube, als Künstler ist man das, was man hört. Man kannibalisiert das Bekannte und gibt es in anderer Form zurück. Ich wollte, dass man die Sachen erkennt, die ich gerne höre. Das Ergebnis fühlt sich authentisch nach mir an, aber gleichzeitig auch sehr vertraut.

Würdest du sagen, dass du eine selbstbewusste Person bist?

Ja, zumindest jetzt in meinen 30ern. Ich würde es als gesunde Mischung aus Selbstvertrauen, Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung bezeichnen.

"Got A New Car" ist einer meiner Lieblingssongs. Ich musste irgendwie an Jim Sullivan denken, den Singer/Songwriter aus den 70ern. Kennst du ihn?

Nein.

Er hat zwei Alben aufgenommen und ist 1975 über Nacht verschwunden. Light In The Attic Records hat seine Musik wiederveröffentlicht. Sullivan hat eine wundervolle Stimme, ähnlich wie deine, aber eher eine traurige Cat-Stevens-Stimme. Vielleicht hörst du mal rein.

Auf jeden Fall, das klingt nach meinem Ding.

"Got A New Car" ist auch einer deiner älteren Songs aus deiner Zeit an der Ostküste, richtig?

Ja, er ist wahrscheinlich von 2020 oder 2021. Ich habe ihn zu Hause in Rhode Island geschrieben, als ich mein Leben und das gefühlte Scheitern meines letzten Projekts verarbeitete. Ich legte viel Gewicht auf die Veröffentlichung von Musik und konfrontierte mich mit den Problemen in meinem Kopf. Der Song behandelt diese Zeit, als ich mich in einer Art spirituellem Erwachen befreit habe.

Worauf beziehst du dich, wenn du von deinem letzten Projekt sprichst?

Ich habe damals Songs unter dem Namen Ralph Waldo veröffentlicht, Bedroom-Music. Das war, bevor ich meinen aktuellen Charakter gefunden habe.

Glaubst du, dass noch mehr Songs aus dieser Zeit veröffentlicht werden?

Ich glaube nicht. Es ist gut, nach vorne zu schauen. "Got A New Car" hatte ich mehrmals aufgenommen, seit ich nach L.A. gekommen bin, und Jonathan Rado mochte ihn sehr und wollte ihn unbedingt machen. Aber ich freue mich jetzt darauf, Neues zu schreiben.

"Leider war ich beim Reeperbahn Festival erkältet"

Ich muss deine Band erwähnen. Es ist unglaublich, wie die Musik um deine Stimme herumfließt. Wie lange spielt ihr schon zusammen?

Seit etwa drei Jahren, den Kern bilden Wayne Whittaker am Bass und Amy Wood am Schlagzeug. Amy ist einzigartig, sie spielt auch für Fiona Apple. Mit Wayne spielt sie schon seit zehn Jahren in verschiedenen Bands. Diese Drum'n'Bass-Connection ist immer extrem wichtig für eine Band. Wayne stammt aus der Nachbarstadt in Rhode Island. Als ich nach L.A. zog und noch meine Ralph Waldo-Songs im Gepäck hatte, stellte uns ein Produzent vor und wir wurden sofort Freunde. Über Wayne kamen dann Amy und die anderen zur Band.

Ohne die Songs deiner letzten Band zu kennen: Es ist schwer vorstellbar, dass damals in den Bars von Rhode Island niemand deine einzigartige Stimme entdeckt hat.

Ich singe in vielen verschiedenen Stimmen, es war nicht immer das, was man jetzt auf der Platte hört. Ich musste diese Stimme erst finden. In Bars kommt es auch immer auf den Rahmen an, dort erwartet man oft nicht viel von einer Band.

In L.A. hast du auch eine Weile Anlauf benötigt. Was war der entscheidende Faktor für den Sprung vom unbekannten Bar-Musiker zum Profi?

Ich denke, es war Rado, der mit mir jammen wollte und dann sagte: "Lass uns eine Platte machen". Das machte mir Mut. Wir sind uns in unserem Geschmack und unserer Herangehensweise an Musik sehr ähnlich, fast wie Seelenverwandte. Der erste Song, an dem wir arbeiteten, war "Sing How I Feel". Ab da hatte ich die Stimme dieses neuen Charakters gefunden.

Wusstest du sofort, wer Rado ist, als der Kontakt zustande kam?

Ich kannte ihn vom ersten Whitney-Album "Light Upon The Lake", das für mich im Sommer des Jahres 2016 sehr wichtig war. Ich kannte auch einige Foxygen-Songs und hörte von ihren oft chaotischen Liveshows. Es ist toll, wenn man dann solche Menschen trifft und merkt, dass sie überhaupt nicht prätentiös sind. Jonathan ist einfach ein Musik-Nerd, der nie erwachsen geworden ist.

Ich war leider nicht bei deiner Show beim Reeperbahn Festival in Hamburg, aber ich glaube, es war deine erste Show in Deutschland überhaupt, oder?

Ja, genau. Mein Bruder liebt Deutschland und hat Deutsch studiert. Leider hatte ich an dem Tag eine Erkältung und nach dem Flug auch noch schlimmen Schwindel. Ich wollte den Gig einfach nur hinter mich bringen, denn danach wartete ein 14-Stunden-Flug nach L.A. auf mich. Ich konnte mich also gar nicht auf die Gegend einlassen. Deshalb freue ich mich darauf, im April wiederzukommen.

Spürst du Unterschiede, wie das Publikum deine Musik in verschiedenen Ländern aufnimmt?

Definitiv. Das ist so ein Thema, über das man vor allem mit anderen Künstlern spricht. Ich empfinde das amerikanische Publikum als sehr laut und offen hinsichtlich seiner Gefühle. Wenn man die Leute einmal gepackt hat, dann hat man sie. Wenn nicht, dann quatschen sie einfach das ganze Set über durch. Das sagt man auch dem holländischen Publikum nach. In Brüssel war das Publikum dagegen wie tot, es war einfach wahnsinnig ruhig. Ich war danach völlig fertig, weil ich dachte sie hassen uns. Ein paar Wochen später höre ich, dass wir dort auf Radio One laufen und bei unserem zweiten Auftrtt dort war die Halle ausverkauft.

Du hast gesagt, dass es dir wichtig ist, auf der Bühne eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Wie schwierig ist das, wenn die Hallen immer größer werden?

So lange man ein paar Gesichter sehen kann, kann man eine Verbindung aufbauen. Es ist eine kraftvolle Sache, persönliches Material vor Tausenden von Menschen zu singen. Es fühlt sich manchmal an wie eine Beichte oder etwas Spirituelles. Ich versuche, die technischen und geschäftlichen Aspekte auszublenden und mich auf die menschliche Verbindung zu konzentrieren.

"Mit Stuart sind zehn oder elf Songs entstanden"

Ist die Botschaft deiner Musik, dass man sich selbst treu bleiben und an sein Inneres glauben soll?

Ja, einfach versuchen im Jetzt zu sein und auf sein Bauchgefühl hören. Als Künstler darf man sich nicht von äußeren Faktoren oder Manipulationen kontrollieren lassen. Sonst fühlt man sich schlecht. Es geht darum, in diesem reinen Licht zu sein, diesem inneren Licht, das in uns allen leuchtet. Musik hat diese heilige Schwingung, die uns befreit. Wenn der Verstand zur Ruhe kommt und man da ist, um Musik und Schönheit zu empfangen, das ist ein Mysterium. Ich sehe mich als Diener dieses Geheimnisses.

Stören dich dann Handys im Publikum?

Nein. Das ist einfach der Lauf der Welt. Es zeigt mir, dass die Leute interessiert sind und den Moment teilen wollen. Wenn ich selbst im Publikum bin, nehme ich oft nichts auf, um präsent zu sein, aber ich verstehe es als Andenken.

Neben "For The First Time, Again" hast du noch ein Album mit Stuart Murdoch von Belle & Sebastian aufgenommen. Wie kam es zu dieser Kollabo?

Über seinen Verlag, er ist bei BMG, und ich bin bei Rough Trade, was zu BMG gehört. Er wollte für andere Leute schreiben und sie schickten ihm einige Titel vom Album, die ihm gut gefielen. Also hatten wir einen Zoom-Call wie diesen hier, und Stuart war einfach so süß, aufrichtig und bodenständig. Man merkte sofort, dass er ein ganz normaler Typ mit einer besonderen Gabe und einer besonderen Geschichte ist.

Wir wurden dann für eine Weile zu virtuellen Brieffreunden, und nach meiner Europatournee hatte ich die Chance, für ein paar Wochen nach Schottland zu gehen, in der Nähe ihres Studios zu wohnen und jeden Tag mit Stuart zu arbeiten. Wir hatten ein paar Ideen im Kopf und hatten am Ende zehn oder elf Songs in zwei Tagen. Es ist also alles ziemlich spontan und DIY. Aber es sind wirklich gute Demos. In manchen Songs hört man mehr Stuart, in anderen mehr Tyler, ein Zusammentreffen unserer Stile. Ich liebe es einfach.

Wann dürfen wir es hören?

Gute Frage, ursprünglich sollte Rado es produzieren. Es liegt die Idee in der Luft, es noch einmal in L.A. aufzunehmen, wenn Stuart vorbeikommt. Aber du weißt ja, wie das ist: In der ersten Aufnahme steckt ein gewisser Zauber. Also werden wir uns wahrscheinlich einfach Zeit lassen, es besteht kein Grund zur Eile. Ich werde wohl einen der Songs für mein nächstes Album aufnehmen. Er passt einfach gut zu dem, was wir live spielen, aber man wird sie sicher irgendwann alle hören.

Welches andere deiner Idole würdest du noch gerne treffen?

Joanna Newsom, die Harfenistin. Sie ist eine unglaubliche Songschreiberin, ich halte sie für eine der besten lebenden Künstlerinnen. Ich würde auch gerne Robin Pecknold von Fleet Foxes treffen und eines Tages mit ihm zusammenarbeiten. Ach, es gibt so viele tolle Leute. Ultimativ wäre natürlich Paul McCartney. Ich genieße es tatsächlich sehr, diese Leute zu treffen und zu erleben, dass sie auch nur Menschen sind. Es zieht irgendwie den Vorhang beiseite vor dieser ganzen Ikonografie und Heldenverehrung, und es fühlt sich einfach wie eine gute Sache an.

Ich denke nicht, dass reine Verkaufszahlen für dich die Währung für einen Erfolg ist. Wie würdest du anlässlich der Veröffentlichung deines Debütalbums Erfolg für dich definieren?

Ich denke, die Platte ist bereits ein Erfolg. Es ist Musik, die sich echt anfühlt. Für mein Empfinden haben bereits genug Leute die Songs gehört und darauf reagiert. Diese typischen Kennzahlen für Erfolg sind am Ende wirklich nur Zahlen auf einem Bildschirm. Sie zielen auf diesen egoistischen Teil in uns allen ab, der einfach so hungrig und nie zufrieden zu stellen ist. Wenn man anfängt, Wert darauf zu legen, ob man 100.000 Platten verkauft oder eine Million, dann bekommt man ohnehin nie genug. Was wirklich zählt, ist, dass ich und meine Freunde gemeinsam Musik gemacht haben und einige Leute diese Musik jetzt hören und zu ihrer eigenen machen können. Niemand weiß, welche Reise diese Musik noch vor sich hat, aber das liegt nicht mehr in meiner Hand.

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