laut.de-Kritik
Zwischenwelt aus Aufruhr und Einkehr.
Review von Sven KabelitzDing Dong, der Herbst ist da. Die Alben werden wieder dunkler. Erst kommt Chelsea Wolfe mit "The Dark", dann Emma Ruth Rundle mit "These Killing Times". Einem für sie so typisch aufmunternd betitelten neuen Werk. Erstaunlicherweise klangen beide trotz dieser Alben-Titel schon einmal deutlich düsterer als 2026. Denken wir nur mal zurück an Rundles Zusammenarbeit mit Thou ("May Our Chambers Be Full").
"These Killing Times" soll in diesen unseren vermaledeiten Zeiten nicht einfach die nächste Runde Schwermut ausstrahlen. Viel mehr will das Album Tatendrang, Zuversicht und Widerstand verbreiten. Etwas, was mit einem Blick auf die zeitweise arg dystopischen Texte nur mittel gut gelingt. All dies geschieht mit Emma Ruth Rundles typischen Mitteln: Alternative Rock, Slowcore, Doomgaze und dem ewigen aufeinanderprallen von Ruhe und Lärm. Wobei die Ruhe immer deutlich mehr im Vordergrund steht. Rundle schlägt uns mit dem Zustand unserer Welt schonungslos auf die Fresse, um uns dann gelegentlich in den Arm zu nehmen. Also alles wie im Alltag, nur mit Trost und ohne endgültige Kapitulation.
Der Kontrast zum zurückgezogenen "Engine Of Hell" (noch so ein freudiger Titel) fällt deutlich aus. Im Vergleich zu 2021 hat Rundle eine ganze Band im Rücken, steht ihr ein Ozean an Arrangements zur Verfügung. Wellen voll verzerrter Gitarren, Bass, Schlagzeug, Saxofon, Synthesizern, die sich immer wieder auftürmen, um sich langsam zu glätten. Dennoch bleibt ihre Stimme stets der Mittelpunkt auf "These Killing Times".
Nach einem nur vom Klavier begleiteten Einstieg stellt "Powerless" den Unterschied zu "Engine Of Hell" sehr schnell klar und gibt die Richtung für den Longplayer deutlich vor. "We run like rabid rabbits over your plate / The craven habits hammer, madness, I am ashamed", fasst sie ihre Wut in Worrte über jene Politiker:innnen, die uns in den Abgrund führen, lässt später ein desillusioniertes "You said you'd do better, but power corrupts" folgen. Ein starker Auftakt voller Zorn, im Gegensatz zwischen ruhigem Klavier und einer aufbrausender Gitarre und empörtem Schlagzeug lebend. "Let me die here with a hammer in my hand / One for smashing, one for making something better".
"God's Picture" zeigt mit akustischer Gitarre, Klavier und Jazz-Saxofon die zerbrechlichere Seite von "These Killing Times" auf. "God's got a picture of the whole world burning / Down to the details of its hot white ash." Klingt erst einmal unschön, aber vollkommen realistisch. Sollte es das Gott tatsächlich geben, sollte man in dieser Position auf diesen Fall vorbereitet sein.
In dem nach einem mittelalterlichen Folterinstrument benannten, melodischen und im Alternative Rock verankerten "Catherine Wheel" stellt sich Rundle gegen Faschismus und christlichen Fundamentalismus und den daraus entstehenden Hass. Die bedrohliche Dynamik von "Human Kindness" fasst über acht Minuten noch einmal die dunkelsten Ecken des Longplayers, verbunden mit einem kurzen, aber wie Flammen aus der Hölle aufsteigendem Gitarrensolo.
Selbst nach dem kurzen letzten Song "Oceans Of Time" hallen Musik und Texte von Emma Ruth Rundles sechstem Album nach. Nur langsam lassen uns Stück und Album gehen. Ein atmosphärisches Werk, das geschickt mit den Zwischenwelt aus Aufruhr und Einkehr spielt und uns leider vor allem die Welt vor Augen führt, wie wir sie auch außerhalb von "These Killing Times" vorfinden.


2 Kommentare mit 4 Antworten
"Rundle schlägt uns mit dem Zustand unserer Welt schonungslos auf die Fresse, um uns dann gelegentlich in den Arm zu nehmen. Also alles wie im Alltag, nur mit Trost und ohne endgültige Kapitulation."
Meines Erachtens tollster Teil einer echt formidablen Rezi. Rechne dir selber aus, was nach Abzug meines fröhlich-erquickten Fanboi-Herzens vom Lob noch übrig für dich bleibt.

Vinyl hab ick geordert, aber seit sie ja anscheinend nicht mehr via Sargent House distribuiert (?) halt bei jpc und spääät, so dass ich jetzt wohl noch paar Tage warten muss, bis sie die zweite Ladung der L.E. am Lager haben
Kommt nun über Evil Greed. Die waren auf Zack, hatte das Vinyl vor Release im Briefkasten. Dafür sparst du bei JPC Versandkosten. Die Wartezeit lohnt sich, denn das Splatter kommt ziemlich cool.
Geez, hätte ich DAS gewusst, dann hätte ich ne Freundin aus Lichtenberg gefragt, ob sie am Releasetag in der Mittagspause schnell ma bei denen am Lager vorbeischaut...
...und dabei vermeintlich noch paar echt fesche Shirts weit überm monatlich eingeplanten Kulturbudget in den Einkaufskorb geschmissen und mitbringen lassen! Ich dachte im letzten Evil Greed-Einkaufsrausch, dass die sich nur für die einfach fantastisch gewählten EER-Designs (u.a. EER, wie sie verpennt unter der Decke in ihrem Bett den Tag verlümmelt) auf Shirts/Longsleeves ne Lizenz bei ihr/Sargent House geholt hätten!
*ERR
...regt mich echt auf, bei denen in den letzten 10 Monaten gut und gerne nen Taui "versenkt" zu haben aufgrund des geilen Merchs, aber wenn es um die Wur... ähm, Musik geht, nicht selber mal darauf gekommen sein, vor Release nochmal nen Blick bei EG zu riskieren.
Es tut mir Leid, das zu lesen und ich fühle mit dir
.
Ja, gefällt mir besser als "The Dark" von Chelsea Wolfe. Etwas kantiger.
Wer Emma Ruth Rundle mag, sollte mal hier ein Ohr riskieren:
https://youtu.be/f3szRcBF_sg?si=g_8jfsDZqw…
Da habe ich beim hören ziemliche Emma Ruth Rundle Vibes bekommen. Etwas mehr Post-Rock, Shoegaze. Das ganze Album ist grandios.