laut.de-Kritik
Schwere Riffs für dunkle Stunden.
Review von Emil DröllGreen Lung tun der Welt auch 2026 einen Gefallen: Sie quetschen ihre Horrorästhetik nicht in den dafür mittlerweile so beliebten Metalcore. Stattdessen bleiben die Briten bei dem, was ihnen schon immer gut stand: Stoner und Classic Rock, NWOBHM und Doom. Den okkulten Vibe klauben sie sich stellenweise bei Ghost zusammen, die Hammondorgel erinnert an Deep Purple, während die schwereren Gitarrenparts auch mal bei Iron Maiden vorbeischauen.
Die so gern bemühten Ozzy-Anleihen sind dagegen auch auf "Necropolitan" schwer zu finden. Und das ist gut so. Denn obwohl Green Lung immer wieder in den Doom abbiegen, haben sie längst genug Eigenständigkeit entwickelt, um nicht wie eine bloße Sammlung ihrer Einflüsse zu klingen.
"Open The Hellmouth" macht zunächst auf folkloristisches Hui-Buh-Intro, bevor mit "Dance To The Grave" die ausgewachsenen Schlechtwetter-Schauergeschichten beginnen. Wer sich nicht gerade intensiv mit Londoner Friedhöfen, Sagenwelt und Okkultismus beschäftigt, dürfte von den inhaltlichen Details einiges verpassen. Musikalisch ist die Sache dagegen ziemlich eindeutig mit Doom-Riffs, einer sparsam eingesetzten Mellotron-Spur und eine angenehm roher Schwere. Nichts klingt überproduziert oder nachträglich auf Hochglanz poliert. Green Lung lassen ihre Songs lieber knarzen und drücken, statt ihnen die letzten Ecken abzuschleifen.
Auch "Black Magick Radio" lebt vor allem vom Gitarrensound. Im Uptempo wird es deutlich rockiger, aber keinen Deut weniger schaurig. Überhaupt gelingt Green Lung auf "Necropolitan" etwas, woran viele Bands mit okkulter Ästhetik scheitern: Das Ganze klingt selten nach aufgesetzter Kostümierung. Selbst wenn die Texte von Friedhöfen, Hexen und finsteren Mächten erzählen, steht die Musik auf eigenen Beinen.
Auf "Necropolitan Line" wird es dann richtig rockig – und vor allem richtig rollig. Die Hammondorgel macht keine Gefangenen, während sich die Gitarren durch den Song wälzen. Das Stück ist gleichzeitig so wüst und so klassisch, dass es sich ziemlich zuverlässig im Gedächtnis festfrisst. "Evil In This House" zieht anschließend wieder die Zügel an und verbindet Stoner und Doom zu einer Mischung, die klingt wie eine schwerere, dreckigere Version der Berliner Kadavar.
"Together In Death" schlägt zunächst leisere Töne an und entwickelt sich zu einer angenehm nihilistischen Ballade. Natürlich bleibt auch hier die Hammondorgel nicht lange arbeitslos. Wenn sie gemeinsam mit den Doom-Riffs wieder Fahrt aufnimmt, zeigt sich erneut, wo Green Lung ihre eigentliche Stärke haben: Sie wechseln zwischen den Genres, ohne dass der rote Faden verloren geht.
"Ozymandias" ist der abwechslungsreichste Track der Platte. Orgel und Gitarrensoli kämpfen um die Vorherrschaft, ohne dass einer von beiden den Song komplett an sich reißt. Das sorgt für einen der spannendsten Momente des Albums. In "Alostrael (Be My Babalon)" übernimmt die Hammondorgel endgültig die Kontrolle.
"To The Gallows Born" beschließt "Necropolitan" basslastig und mit einer deutlichen Prog-Schlagseite. Ein ungewöhnlicher Abschluss für ein Album, das sich zuvor so gerne zwischen Doom, Stoner und Classic Rock bewegt hat, aber gerade deshalb ein passender.
Green Lung entwickeln ihren Sound weiter, ohne dabei ihre eigene Handschrift zu verlieren. "Necropolitan" klingt größer und abwechslungsreicher als vieles, was die Briten bisher veröffentlicht haben, ohne die dreckige Schwere ihrer frühen Songs komplett hinter sich zu lassen. Ihre Einflüsse sind weiterhin offensichtlich, doch Green Lung sind inzwischen weit davon entfernt, lediglich Ghost, Deep Purple, Iron Maiden und ein bisschen Ozzy durch den Fleischwolf zu drehen. Sie haben aus diesen Zutaten längst ihr eigenes Gebräu gekocht.


1 Kommentar
Für mich ein Anwärter fürs AOTY 2026. Ein sehr gutes Stück Musik.