18. März 2026

"Über kulturelle Aneignung denke ich gar nicht nach"

Interview geführt von

Im kalten Berliner Winter mit Deutschland warmwerden? Es scheint möglich. Ein Gespräch über das Entdecken neuer Kulturkreise, Respekt, sich verselbständigende Charaktere, unkontrollierbare Interpretationen, das Verhältnis von Gefühl und Perfektion, große Pläne und knappe Budgets.

2024, bester denkbarer Reeperbahn Festival-Abschluss: vollkommen unvorbereitet in eine Kabeaushé-Show reinlaufen. Ein mir offenbar wohlgesonnener Mensch hatte mir dringend dazu geraten, dafür meine Aversion gegen den Mojo Club zu überwinden, und, Hölle und Verdammnis, hat sich das gelohnt. Noch immer hab' ich keine Ahnung, was genau das für ein Inferno gewesen ist, das die dürre Gestalt in knallroter Fantasie-Uniform und blonder Pagenkopf-Perücke da entfesselt hat. Als aber zusammen mit dem aktuellen Album ein Gesprächsangebot reinflog, stellte sich die Frage gar nicht, ob ich das annehmen will, bloß wann. Zweieinhalb Nervenzusammenbrüche wegen aggressiv streikender Technik später steht die Verbindung endlich, die Aufnahme läuft, und offenbar ist mir die Erleichterung anzusehen:

Kabeaushé: (Lacht) Na, so fange ich doch am liebsten an: mit einem breiten Grinsen.

Frag' nicht. Danke für deine Flexibilität.

Nichts wird uns aufhalten.

Nicht einmal mein verrottetes Englisch. Wo bist du gerade? Bist du unterwegs?

Nein. Ich bin in Berlin, wieder zu Hause. Die Tour startet in knapp zwei Wochen.

Ich hab' dich vorletztes Jahr beim Reeperbahn Festival gesehen, das war schon Wahnsinn, dabei war das nur ein Festival-Showcase. Ich werd' mir wohl noch die richtige Show anschauen müssen.

Ja, unbedingt. Und: nein. Eigentlich ist das schon ziemlich nah beieinander. Für mich ist der Unterschied gar nicht so groß zwischen einem Showcase und einem Konzert, zu dem die Leute kommen, um speziell mich zu sehen, das, was wir repräsentieren. Für mich macht es auch keinen Unterschied, was da für Leute kommen, ob das Musikindustrie-People sind oder nicht: Für mich ist das alles einfach Publikum, so lange die Show gut ist. Wir spielen bei einer eigenen Show vielleicht ein paar Songs mehr, vielleicht hat das Ganze eine etwas andere Energie, wenn die Leute aus einem bestimmten Grund gekommen sind. Die Venues unterscheiden sich natürlich. Bei Festivals wirst du auf irgendeine Bühne gestellt, bei eigenen Shows hast du mehr Gestaltungsmöglichkeiten für den Raum, den ich jetzt mal meine kleine Kirche nennen will. Da kuratierst du den Raum, der deine Kirche sein soll.

Auf Festivals erreichst du natürlich ein viel größeres Publikum als bei einer kleinen Show. Was macht das mit der Energie?

Je größer die Crowd ist, die du bespielt, um so mehr musst du in Schichten arbeiten. Die größte Show, die wir bisher gespielt haben, war letztes Jahr entweder beim Trans Musicales oder beim Rio Loco-Festival in Frankreich. In Spanien haben wir auch vor wirklich vielen Leuten gespielt, um die 8.000, würde ich sagen. So eine Menge Leute kannst du nicht alle auf einmal gewinnen, das musst du irgendwie in Etappen schaffen. Man gewinnt die Leute ganz vorne, die überzeugen dann die Leute etwas weiter hinten, und so geht es weiter. Besonders als Newcomer, wie ich einer bin, muss man schichtweise vorgehen. Bei einer kleinen Location, in der du vielleicht 300 Leute auf engem Raum zusammengepfercht hast, da kannst du dagegen direkt alle einsammeln, die tanzen alle nach einer Pfeife. Die Dynamik ist da schon sehr anders.

Ja, dieses zweite Gefühl hatte ich damals in Hamburg. Ich stand da und dachte: Hö? Das klingt, wie viele Dinge, die ich schon gehört habe, aber zugleich hatte ich so etwas noch nie zuvor gehört.

Das ist genau der Punkt: Die Einflüsse kommen aus vielen unterschiedlichen Richtungen, viele kleine Dinge von vielen verschiedenen Orten.

Mit deinen Videos geht mir das genauso: Ich schau' mir das an und habe das Gefühl, alles irgendwoher zu kennen, aber in seiner Gesamtheit ist es dann etwa völlig Neues.

Das macht einfach Spaß, es ist die Herangehensweise: Es heißt ja immer, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Von irgendetwas ist man definitiv ja immer beeinflusst. Ich glaube, es kommt darauf an, Ideen zu sammeln und dann einen frischen Weg zu finden, um sie neu zu interpretieren.

Wenn du so viele verschiedene Einflüsse nutzt: Machst du dir Gedanken über kulturelle Aneignung

Nein, darüber denke ich noch nicht einmal nach. Ich meine, ich kenne sicher meine Grenzen. Ich weiß, was ich anfassen darf und wovon ich besser die Finger lassen sollte. Ich glaube, dieses Bewusstsein habe ich schon. Aber gleichzeitig denke ich nicht zu viel darüber nach, weil man sich sonst irgendwie selbst einschränken würde. Es gibt bestimmte Dinge, die man spielen kann, und bestimmte Dinge, die man nicht spielen kann, einfach aufgrund dessen, wo man herkommt. Zum Beispiel kann ich bestimmte Dinge nicht spielen oder mich nicht darauf beziehen, weil sie einfach zu meiner Geschichte gehören, oder zu meiner Kultur. Trotzdem kann ich mir aber interessante Aspekte davon herauspicken und in meine Arbeit einbauen. Der Gedanke, dass ich das nicht dürfte, kommt mir noch nicht einmal. Nein, glaube, eine gewisse Vorsortierung, die Awareness, passiert schon in meinem Kopf, und ich bearbeite das Material schon so, wie ich es gerne hätte, so dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt.

Ich denke, alles ist eine Frage des Respekts.

Auf jeden Fall. Natürlich muss man respektvoll vorgehen. Aber gleichzeitig macht mir auch einfach Spaß, verschiedene Dinge zu erkunden. Ich komme aus Nairobi. Als ich das erste Mal nach Berlin kam, nach Deutschland, war es Sommer, und es war so cool zu sehen, wie die Menschen völlig andere Leben führen als ich es von zu Hause gewohnt war. Einmal bin an einen See gefahren, und da liefen Leute einfach mit nacktem Oberkörper herum, auch Frauen. Für mich war das so: "Aaah, waaas?!" Aber dann gewöhnt man sich dran, du lernst: "Oh, okay, das ist normal." ["Normal" spricht er deutsch aus, Anm. d. Red.] Oder wenn Leute ins Spa gehen, ist das auch normal. Man gewöhnt sich daran, man integriert sich, und man fragt nicht mehr dauernd: "Warum ist das so?" Wenn Leute zu mir nach Hause kommen, ist das auch so. Da gibt es auch Dinge, die sie total faszinierend finden, so nach dem Motto: "Was? Warum ist das so?" Aber es ist interessant, sich von Orten beeinflussen zu lassen. Ich merke, wie ich überall Informationen aufsauge, einfach basierend auf der Natur, auf der Art, wie die Gesellschaft funktioniert, und wie alles ist. Hier [in Deutschland] mag ich zum Beispiel die Schriftarten sehr, besonders die Frakturschriften, die liebe ich wirklich. Mein Logo basiert momentan auf den Schriftarten von hier. Das liebe ich total. Oder auch die Einflüsse des deutschen Kinos. Und dann eben die Reaktion der Leute: Wie schauen die Leute in Nairobi darauf? Das finde ich so interessant.

Hast du schon Reaktionen auf deine Videos aus Nairobi bekommen? Wie nehmen die Menschen dort das auf?

Ja. Als ich das Skript geschrieben und ein Moodboard erstellt hatte, fragten die Jungs: "Wow, was ist das? Was ist das, wo kommt das her?" Ich erklärte es ihnen dann: "Okay, jetzt setzt euch mal hin, ich möchte, dass ihr euch das und das und das anschaut, und dann verarbeitet diese Informationen einfach." Das ist interessant, weil sie so etwas noch nie gesehen haben. Das ist alles neu für sie - und für mich ja auch! Das sind alles neue Informationen, das alles, und das ist einfach so cool. Das ist eigentlich immer mein erster Gedanke: Es ist SO COOL. Ich hätte gerne etwas, das genauso cool ist oder auch diese besondere Energie verströmt, die in einer Sache steckt.

Ich liebe deinen Enthusiasmus. Ich hoffe, du bereust deinen Umzug nach Berlin nicht. Wenn du im Sommer gekommen bist, und jetzt haben wir Winter ...

Nein, nein, nein. Es ist ja jetzt schon mein dritter Winter. Ich bin daran gewöhnt. Es ist normal.

Du hast bisher drei Alben veröffentlicht. Wenn man sie nacheinander hört, kann man verfolgen, wie sich der Charakter Kabeaushé über die Jahre entwickelt hat. Kannst du diesen Prozess kontrollieren?

Ich glaube, es passiert einfach. Es passiert, und ich lasse es zu, weil es eben an den Einflüssen liegt. "The Comming Of Gaze" zum Beispiel war eher eine Compilation. Die Musik habe ich gemacht, während ich in Nairobi war. "Hold On To Deer Life ..." ist entstanden, als ich von Nairobi nach Kampala gezogen bin und meine allerersten Shows in Europa gespielt habe. Das war ein Hin und Her, dieses Gefühl: Oh, ich erlebe so viele neue Dinge! Und so viel neue Musik! Kenianische Radiosender spielen diese Art von Popmusik, jetzt komme ich hierher, und es gibt elektronische Musik, da ist dies, da ist das. Aus diesem Hin und Her ist "Hold On To Deer Life ..." entstanden. Jetzt arbeite ich mit der Komischen Oper zusammen, da gibt es plötzlich klassische Musik, und dann sind da so kleine Bruchstücke und das Tourleben, und man fängt wirklich an zu verstehen. Ich werde außerdem gerade richtig warm mit Deutschland und mit Europa im Allgemeinen. Auch da gibt es wieder ein Hin und Her. All diese Informationen fließen ein, man sammelt sie, man lässt sich einfach treiben. Meistens fühlt es sich mehr wie eine natürliche Entwicklung an als wie etwas, das ich in eine bestimmte Richtung drängen will.

Ich kenne Autoren, die sagen, die Charaktere in ihren Büchern machen einfach, was sie wollen, sie könnten nichts dagegen tun.

Ja, ja, ja, und ich glaube, so ist es am besten. Ich finde es jedenfalls so am besten. Man hält sich im Hintergrund, lässt die Dinge laufen und schaut, wohin sich alles entwickelt.

Wie viel von der echten Person Kabochi steckt in der Kunstfigur Kabeaushé?

Es ist ... (überlegt) Ich denke, Kabeaushé ist natürlich viel überspitzter. Aber im Großen und Ganzen ist der Unterschied gar nicht so groß. Die Figur Herr Iggy hatte ich zum Beispiel schon 2020 skizziert und aufgeschrieben, als ich wieder in Nairobi war. Die Skizze in meinem Kopf, die Idee, wie das sein sollte, hatte ich damals schon. Und dann geschieht diese Entwicklung, man lebt sein Leben, und viele Dinge passieren, die ganz normalen Höhen und Tiefen des Lebens. Man nimmt all diese Höhen und Tiefen wahr. Leute treten ins Leben, andere verlassen es. Der ganze Fortschritt, das Wachstum im Allgemeinen, du weißt schon, was eben passiert, wenn man sein Leben lebt. So viele Dinge passieren, und man hat keine Kontrolle darüber. Auf gewisse Weise beeinflusst das dann auch, wie sich ein Charakter entwickelt. Weil man nimmt, was im echten Leben passiert, und es dann in dieser Figur und in der Geschichte zu einer viel übersteigerteren Version satirisch verarbeitet. Im echten Leben würde man sich fragen: "Bin ich so? Ist es das? Ist es zu viel Ego? Ist es zu viel hiervon oder davon?" Aber das wäre ja nicht interessant. Also machen wir den Charakter zu einem König und führen ihn dann von Charme zum Ruhm, und dann vom Ruhm zum Fall, weißt du? Das ist viel interessanter, und auch für die Leute viel zugänglicher, es fällt leichter, sich darauf einzulassen.

Für mich fühlt es sich so an, als wären Iggy und Kabeaushé sehr unterschiedliche Figuren.

Hmm. Wo siehst du denn den Unterschied?

Kabeaushé fühlt sich für mich wie ein ganzes Universum an, Iggy wie eine bestimmte Perspektive darin.

Interessant. Welche Perspektive ist das denn, deiner Meinung nach?

Wenn man das Ganze wie einen Film betrachtet, wirkt Kabeaushé auf mich wie der Regisseur und der allwissende Erzähler, und Iggy wie der Schauspieler und die Hauptfigur, gesteuert von jemandem, der die Fäden zieht.

(Lacht) Das ist wirklich interessant. Man kann nicht kontrollieren, wie die Leute auffassen, was man tut. Ich liebe das total. Ich liebe es, wenn ich keine Kontrolle mehr über die Dinge habe. So mag ich es am liebsten. Weil es dann über das hinausgeht, was ich mir dabei gedacht habe. Das gefällt mir irgendwie.

Wenn die Leute etwas völlig anders verstehen, als du es meintest, kann das aber bestimmt auch ein Problem sein.

Aber das ist doch genau der Punkt, oder? Dass die Leute es auffassen können, wie sie wollen. Genau deswegen gebe ich mein Bestes, um eben nicht zu erklären, was das Cover bedeutet, oder der Albumtitel oder bestimmte Songs. Ich weiß, was ich gemeint habe, als ich die Sache geschrieben habe, es ist alles sehr durchdacht. Aber ich werde nichts erklären, auch nicht, wenn ich gefragt werde: "Warum heißt es also 'Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa'? Ich könnte dir den Witz dahinter erzählen, und genau den Moment, in dem es entstanden ist. Aber dann nehme ich dir weg, was du dabei fühlst, und ich denke, das ist viel interessanter als meine sehr einseitige Sichtweise.

Ich bin ziemlich sicher, dass deine Albumtitel einfach eine Methode sind, um Musikjournalist*innenen abzufucken, sie zu zwingen, sich zu fokussieren. Jeder einzelne hat einen Tippfehler oder Buchstabendreher, man muss sich dauernd konzentrieren. Bei diesem neuen Album musste ich jedes einzelne Mal die verdammten As und Es zählen. Also danke für nichts.

(Lacht) Um ehrlich zu sein, habe ich darüber gar nicht so nachgedacht, aber ja ... vielleicht war das nicht die allerbeste Idee. Besonders wenn man versucht, viele Leute anzusprechen, weil sie dann sagen: "Ah, der Albumtitel ist so nervig." Aber es macht einfach Spaß. Vielleicht wird der nächste viel kürzer und besteht nur aus einem Wort. Vielleicht.

"Ich wollte keine Kompromisse machen, nur weil ich nicht genug Geld habe"

Dieses neue Album hatte zum ersten Mal eine durchgehende Storyline. Schränkt es dich ein, wenn du dich einer Geschichte unterordnen musst?

Nicht wirklich. Lass' mich das umschreiben, statt es direkt zu beantworten: Einer meiner besten Freunde hat das Video zu "Untitled" gesehen, als es erschienen ist, und er sagte zu mir: "Genau das wolltest du schon so lange machen."

Er hat mich begleitet, seit der Zeit, als ich noch Beats online geklaut und gerippt habe, um darüber zu rappen, einfach, um meine Stimme zu finden. Er hat das alles verfolgt. Nachdem er "Untitled" gesehen hatte, sagte er: "Du hast das schon so lange machen wollen, und ich kann nicht glauben, dass du es tatsächlich getan hast. Vorher hast du immer die Geschichte dahinter erklärt, und ich konnte ungefähr erahnen, worum es geht. Aber hier musstest du nichts erklären. Ich konnte es sofort sehen, als ich es sah." Und ich dachte: Was für ein Kompliment. Noch nicht einmal ein Kompliment: Was für ein Statement. Ich glaube, besser kann ich das nicht beantworten.

Zu erreichen, was man immer wollte, ist aber auch ganz schön gefährlich. Wohin soll es von diesem Punkt aus weitergehen?

Ja (lacht). Aber ... nein. Zuvor schwebte alles in einer gewissen Mehrdeutigkeit. Bei diesem Projekt gab es aber sehr viel stärker als zuvor die Absicht, sehr spezifisch das auszudrücken, das ich sagen wollte, und ich habe es genau so gesagt, wie ich es sagen wollte. Auch die musikalischen Entscheidungen wurden sehr gezielt getroffen. Ich habe eine gerade Linie verfolgt. Ich wollte, dass es exakt so ist: Du siehst es, du weißt, was es ist, und das wars. Den Nagel auf den Kopf getroffen. Vielleicht schwirre ich beim nächsten Mal wieder herum, aber dieses Mal musste es ganz gezielt sein: Das ist der Anfang, und das ist das Ende.

Es fühlt sich also wie ein Film an. Es sieht wie ein Film aus. Es ist offensichtlich, dass du von Filmen beeinflusst und ein Film-Fan bist. Warum hast du nicht gleich Film daraus gemacht?

(Lacht) Weil ich kein Geld dafür habe!

Ah, okay. Da könnte der Weg also hinführen.

Aber weißt du was? Gleichzeitig denke ich, dass das hier die Version ist, die meiner Vorstellung von einem Film am nächsten kommt. Wenn ich einen Film drehen würde: Ich glaube nicht, dass ich ihn auf die gewöhnliche, lineare Weise erzählen würde. Ich denke, ich würde ihn auf eine etwas Theater-mäßigere Art machen, irgendwo eine Mischung aus beidem. Es wäre etwas zwischen dem, das es jetzt ist, nur vielleicht noch viel präziser ausgearbeitet. Hätte ich ein paar Millionen gehabt, wäre ich definitiv noch viel weiter gegangen. Mein Ziel war eigentlich ein komplettes Ding von Anfang bis Ende, so ein 30-minütiger Streifen, den man sich ansehen kann. Aber ich wollte keine Kompromisse machen, nur weil ich nicht genug Geld habe. Also war es für mich viel interessanter, es eher wie ein Theaterstück zu inszenieren, statt einen Filmweg zu gehen, bei dem man dann das Gefühl hat, nirgendwo anzukommen.

Kannst du dir vorstellen, Filmmusik zu machen?

Ja, auf jeden Fall. Unbedingt. Ich würde das liebend gerne machen. Ich würde auch liebend gerne einen Film drehen und ein Theaterstück inszenieren, weil ich daraus gerne ein Buch machen würde.

Da steht uns ja noch einiges bevor. Ich hab' bei deinen Videos zum ersten Mal gesehen, dass jemand den Schneider*innen Credits gibt.

Oh, ja! Ohne die könnte ich das alles doch gar nicht machen. Mit einem meiner Kostümdesigner arbeite ich schon seit meinen allerersten Anfängen zusammen. Er macht alle meine Klamotten und hat alle meine Kostüme gestaltet, er kriegt immer Credits. Schau dir dieses Musikvideo zu "These Dishes ..." an: Er ist immer dabei. Dieses Mal hatte er allerdings ein größeres Team, weil alles ein bisschen aufwändiger war. Es macht aber immer Spaß. Ich hab' immer irgendeine Idee, und er nimmt sie und interpretiert sie auf seine eigene Art und Weise. Was ich auch im Kopf habe: Er liefert immer etwas, das noch viel stylisher ist. Er denkt ganz anders als ich, weil er einen anderen Background hat, aus ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen stammt. Er kommt aus Kenia, er ist Luo, er denkt ganz anders über Dinge nach, als ich das tue. Wenn wir uns Ideen zuwerfen, kommt immer etwas Unerwartetes dabei heraus. Viele Leute würden vieles, das mir so einfällt, gar nicht erst anfassen, weil es ihnen zu kompliziert ist. Sie würden sagen: Wir müssen dies und jenes streichen, weil es zu aufwändig ist. Er nicht. Er hat so viel Geduld und ist immer Feuer und Flamme und hat Spaß daran, etwas auszuprobieren. Er arbeitet mit seiner Frau zusammen, und sie haben ein ganzes Team, das in endlos durchgenähten Nächten dafür sorgt, dass am Ende immer alles fertig ist.

Wenn du durchgeknallte Ideen hast, musst du einfach die richtigen Durchgeknallten finden, um die auch umzusetzen.

(Lacht) Ja, genau. Inzwischen arbeiten wir auch schon so lange zusammen, dass wir ein ganz besonderes Verständnis entwickelt haben. Es ist, als sprechen wir eine eigene Sprache. Ich muss ihm gar nicht mehr sagen, was er tun soll. Ich geb' ihm einfach den Entwurf, und wenn ich dann sehe, was er daraus gemacht hat, geht es meistens noch weit über das hinaus, was ich mir vorgestellt habe.

Interessierst du dich denn auch für Mode? Oder nur, wenn es Kostüme betrifft?

Mich interessiert einfach alles Visuelle. Ich kann da nicht eine Sache anfassen und die andere ignorieren. Wenn die Kostüme nicht ausgesehen hätten, wie sie aussehen, wäre das ganze Video Mist gewesen. Dann hätte es gewirkt, als versuche es, irgendwas zu sein. Für mich gehört das alles zusammen: Mode, die Art, wie etwas aussieht, wie es gefilmt ist, was überhaupt zu sehen ist, wie die Musik klingt, das Colourgrading ... für mich ist das alles sehr wichtig. Ich liebe jeden einzelnen Aspekt daran.

Ich habe gehört, dass du auch früher gezeichnet hast. In einem deiner neuen Videos sieht man, wie Iggy vor zwei Wandbehängen steht und ein imaginäres Orchester dirigiert.

Man sieht die Musiker nicht, aber auf den Bannern sind welche gezeichnet. Stammen die von dir?

Nein, das war ich nicht. Jemand anderes hat das gemacht, aber ich sag' dir was: Zwei Nächte vorher hab' ich mich noch gefragt, wie sich dieser Teil am besten umsetzen lässt. Wie kann ich die Bläser zeigen, auf die typischste Nairobi-Art? Was ist der extremste Gegensatz, wie kann ich sie zeigen, ohne sie wirklich zu zeigen? Ich freu' mich so, dass du mich danach fragst, das hat vorher noch niemand getan. Dabei ist das eine meiner allerliebsten Einstellungen, genau, weil sie so viel Interpretation erlaubt. Ich weiß noch, wie ich darüber nachgedacht habe: Ich will an dieser Stelle keine Leute mit Blasinstrumenten, das ist so erwartbar. Was wäre das komplette Gegenteil davon? Dann fiel es mir ein: zwei Vorhänge, die herunterhängen, und darauf handgezeichnete Leute, die Instrumente halten. Das wird cool, und es wird sich mehr wie Handarbeit anfühlen. Die Idee hinter dem ganzen Projekt ist, dass man spürt, dass es von Hand gemacht wurde und nicht perfekt ist. Man kann die Unbeholfenheit der Form spüren.

Ich fand diese Szene super. Wenn du an dieser Stelle eine echte Bläsersektion gezeigt hättest, wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, mich zu fragen: Gibt es diese Musiker wirklich? Oder existieren sie nur in Iggys Kopf? Der fortschreitende Wahnsinn wird für mich in dieser Szene so, wie sie ist, viel sichtbarer.

Ganz genau. Du hast Recht. Und auch die Schlusseinstellung, wo er da in diesem übergroßen Kostüm dasitzt, und um ihn herum ist alles dunkel und es fliegen Dinge in seine Richtung. Als ich den Schnitt davon gesehen habe, hab' ich mir gedacht: Mann, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ist dieser Typ so von sich eingenommen, dass er denkt, die Leute würden ihn vollkommen vergöttern, oder er ist unendlich einsam. Ich weiß noch, wie ich das sah und dachte: Er ist entweder so, so einsam, oder er denkt in seinem Kopf, die Leute bewerfen ihn mit Zeug, weil sie ihn verehren, und fühlt sich wie Cäsar.

Was am Ende so ziemlich auf dasselbe hinausläuft: Wenn du so absolut und restlos von dir selbst überzeugt bist, bist du der einsamste Mensch der Welt.

Ganz genau. Ich bin so froh, dass dir das aufgefallen ist, danke. Im selben Video gibt es auch eine Szene, die in einer Art kleinem Museum spielt. Da hängen ein paar Bilder an der Wand, ein paar kleine Zeichnungen: Das sind Kopien von zum Beispiel früheren Albumcovern, und die stammen von mir. Nichts Kunsthochschul-mäßiges, keine irgendwie erlernte Technik, wie man schraffieren sollte oder so. Das kam einfach so, ganz natürlich, und so fühlt sich auch die Musik an. Ich wollte da niemanden haben, der technisch weiß, wie man zeichnet. Ich wollte, dass das Leute machen, die eigentlich nicht wissen, wie das geht. Das ist gar nicht böse gemeint, ich wollte einfach, dass es sich ehrlich anfühlt. Das spricht mich oft mehr, auch wenn etwas nicht perfekt ist. Das macht mir einfach mehr Spaß. Wenn man sich diese Zeichnungen anschaut: Sie sind bestimmt nicht perfekt, aber du siehst, dass da jemand dahintersteht. Das liebe ich. Und das zieht sich irgendwie durch alle Musikvideos: Die fühlen sich alle so an.

"Ignoranz kann ganz nice sein"

Gefühl sticht Handwerk?

Ja. Ehrlichkeit und die Reinheit der Absicht gehen mir über alles andere. Für mich muss sich alles vollkommen ehrlich anfühlen. Wenn man das anhört, darf man nicht das Gefühl haben, dass irgendeine Absicht dahintersteckt. Es wurde einfach gemacht. Alles andere kommt danach. Kennst du Jack White von den White Stripes?

Ja, klar.

Er hat mal erzählt, als sie gerade aufkamen, haben sie diese ganzen Punk-Bands aus Detroit gehört. Ich hab' mich dann voll in diesen Kaninchenbau gestürzt, hab' mir die ganzen Drummer angeschaut und die Art, wie sie gespielt haben, weil Meg White ja diesen ganz speziellen Stil hatte und die Leute immerzu drüber gestritten haben, ob sie jetzt eine gute Schlagzeugerin ist oder nicht. Dabei hab' ich erst kapiert: Oh, diese Leute haben nie richtig gelernt, was sie da tun, sie hatten keinen formellen Unterricht, sie wussten eigentlich gar nicht, wie man Schlagzeug spielt. Oder die Einstürzenden Neubauten, das ist doch das beste Beispiel! Die haben einfach irgendwelche Instrumente genommen, und dann sind Songs wie "Fütter Mein Ego" dabei herausgekommen, so ehrlich und so ein genaues Zeugnis davon, was sie damals gerade gemacht haben, und die sind absolut unkopierbar. Das bedeutet viel mehr, so etwas zieht mich viel mehr an als handwerkliche Perfektion.

Och, ich finde, das sind halt komplett verschiedene Sportarten. Ein handwerklich absolut virtuoser Drummer wie Stewart Copeland kann dich umblasen. Aber eben auch die rohe Energie von jemandem wie ... keine Ahnung … Keith Moon.

Keith Moon, genau!

So wie der hat ja niemand getrommelt. Weil er das ja auch nicht gelernt hat. Niemand auf der Welt wird je so seine Drumsticks halten.

Ja, das stimmt. das sind zwei völlig verschiedene Dinge, und beide sind auf ihre Art absolut grandios.

Ich bin zum Beispiel Rap-süchtig. Ich hör' seit Jahrzehnten Rap. Es gibt MCs, die sind technisch perfekt. Sie rappen schnell, auf den Punkt, haben komplizierte Reimschemata. Ich kann das wertschätzen. Aber was mich wirklich zu Rap hinzieht, sind die Texte. Es passt einfach viel mehr Text in einen durchschnittlichen Rap-Track als in einen durchschnittlichen Popsong. Wenn ich dann das Gefühl habe, jemand hat eine Geschichte zu erzählen, oder hat den Drang, irgendetwas ausdrücken zu müssen, das gibt mir viel mehr, als wenn jemand 24 Silben pro Sekunde rappen kann. Außerdem, wenn ich nicht das Gefühl habe, jemand hat mir auch wirklich was zu sagen: Warum sollte ich mir das dann eigentlich anhören?

Etwas zu sagen zu haben, das ist schon sehr wichtig, ja.

Apropos: Nachdem ich irgendwann zwischendurch meine Notizen weggeschmissen habe, weiß ich jetzt gar nicht mehr, ob ich noch irgendetwas Wichtiges fragen wollte.

(Lacht) Na, ich schätze, so sollte es doch laufen. Mir macht ein Interview viel mehr Spaß, wenn man wirklich ins Gespräch kommt, und ich lern' dann auch noch was. Ich hab' zum Beispiel auch eine Frage an dich: Wenn du deutschen Rap hörst, findest du darin dieselbe Energie, im Vergleich zu Rap aus Amerika oder Großbritannien oder sonstwoher?

Ich glaube, ich höre anders zu. Weil Deutsch meine Muttersprache ist, verstehe die Texte natürlich viel besser und vor allem, ohne darüber groß nachdenken zu müssen. Wenn ich deutsche Texte höre, kann ich zum Beispiel sexistischen oder rassistischen Bullshit nicht einfach überhören. Es fällt mir leichter, so etwas zu ignorieren, wenn die Lyrics auf Englisch sind. Wenn ich US-Rap höre, oder Rap aus Großbritannien, brauche ich immer ein Mindestmaß an Konzentration, um das Gesagte zu verstehen. Wenn ich mich nicht konzentriere, kann ich einfach genießen. Das funktioniert bei deutschem Rap fast nie. Wenn der Text dämlich ist, killt mir das den Vibe. Ich kriege das mit, ob ich will oder nicht.

Verstehe. Du schnappst es einfach auf.

Manchmal hör' ich zum Beispiel türkischen Hip Hop und finde das kolossal entspannend. Ich versteh' kein einziges Wort, muss mich also auch nicht drum scheren, ob mir da vielleicht gerade jemand Scheiße erzählt. Die Gefahr besteht dann aber natürlich, dass mir gerade jemand Scheiße erzählt, das ist dann wohl das Risiko.

Ignoranz kann da aber ganz nice sein. Du hört was und denkst dir: Mann, das ist ein guter Song! Und dann kommt jemand und macht deine Seifenblase kaputt, indem er dir erzählt: Du weiß schon, dass es in diesem Song um dieses oder jenes geht? Und du dann so: Was WIRKLICH?!

Es gab vor vielen Jahren mal einen Fernseh-Werbespot für eine Sprachenschule, ich glaube, der kam aus Holland: Vater, Mutter, zwei Kinder, sehr biedere Familie, sitzt im Auto, schaltet das Radio an, ein Song läuft, und alle wippen begeistert mit, und die Lyrics des Songs gingen: 'I wanna fuck you in the ass!' Die Message war klar: Lern' Sprachen, damit du weißt, was abgeht.

(Lacht) Waaas?! Ja, Unwissenheit ist manchmal echt ein Segen. Ich muss diesen Spot finden.

Der ist bestimmt schon zwanzig Jahre alt. Ich such' dir den raus. [Bitteschön, d. Red.] Du hast mal gesagt, du willst so viele Länder wie möglich bereisen?

Ja, ich will so viel von der Welt sehen, wie es irgend geht. Ich hab' jetzt schon ein bisschen vom Westen Europas mitbekommen, vor allem Frankreich und Deutschland und ein bisschen von der Schweiz, aber ich würde gern noch viel mehr sehen. Gerade die östlicheren Teile. Slowenien, Tschechien, diese Richtung, darauf bin ich wirklich neugierig. Natürlich auch auf die ganz andere Seite: Was geht in Fiji, in Neuseeland? Und dann zurück nach Hause, da will ich auch noch eine Menge sehen. Ich war bisher nur in zwei oder drei afrikanischen Ländern, Schande über mich! Ich will da noch viel mehr kennenlernen. Warst du schon mal in Afrika?

Leider nicht. Das "Fremdeste", wo ich bisher war, war China. Das war interessant, weil alles so, so anders war und dich so schnell aus deiner westlichen Überheblichkeit rausgeholt hat, aus dieser Illusion, man käme mit Englisch schon irgendwie durch. Nö, kommst du nicht. Wenn man dann noch von den Kulturtechniken Lesen- und Schreiben-Können abgeschnitten ist, wird das ganz schnell ziemlich krass. Ich glaube, U-Bahn-Fahren in Shanghai war das Abenteuer meines Lebens. Und es war eine gute Erfahrung, mal festzustellen, dass man nicht der Nabel der Welt ist.

Genau das mag ich so. Auf Swahili gibt es ein Sprichwort, "kutembea kwingi ndio kuona mengi". Übersetzt bedeutet das: Je mehr du reist, desto mehr siehst du. Wenn du immer nur in Europa unterwegs bist, fühlt sich im Großen und Ganzen alles gleich an. Das System ist überall dasselbe. Wenn man dann in Nairobi landet, ist man schlagartig in einer völlig anderen Welt, es gelten ganz andere Regeln. Wenn du denkst, dass Autos an einer Ampel anhalten oder an einem Zebrastreifen ... na, du wirst geschockt sein! Die Menschen im Allgemeinen agieren auch völlig anders, als man das gewohnt ist. Man könnte sich da leicht verloren fühlen, weil alles so fremd ist. Aber es ist auch irgendwie nice, sich so orientierungslos treiben zu lassen, weil es einen, glaube ich, daran erinnert, dass man nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Es dreht sich alles nicht um einen selbst, und man nimmt viele Dinge und vor allem sich selbst nicht so wichtig wie zu Hause. Ich finde das also ziemlich schön. Alle sollten unbedingt reisen, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

Absolut. Ich bin auch recht sicher, dass die Dinge in den USA gerade etwas weniger am Arsch wären, wenn mehr Leute dort mal über ihren Tellerrand hinausgekommen wären.

Ja. Weil man dann realisiert, dass es noch ganz andere Dinge gibt als das, was man so kennt und gewohnt ist. Ich glaube, jedes Land und jede Gesellschaft hat ihre guten Seiten, und die auszukundschaften, wenn sich eine Möglichkeit bietet, ist eine gute Sache. Es ist natürlich auch ein Privileg.

Absolut. Was für ein perfektes Schlusswort. Es war schön, mit dir zu sprechen. Ich wünsch' dir viel Erfolg mit dem Album und der Tour.

Wenn du in der Nähe bist: komm' vorbei. Danke, danke! Genieß' den Rest des Tages!

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Kabeaushé

Stellt euch vor: Ein Kind namens Kabochi sitzt einsam an den Gestaden des Flusses Kagera, im Sinn nur eine einzige Sache: Es gilt, das weichste Material …

Noch keine Kommentare