laut.de-Kritik

Eine Meisterleistung. Karevik sei Dank.

Review von

Man konnte nach den ersten beiden Songs schon erahnen, dass ein echter Kamelot-Klassiker, einer ihrer besten Songs im Schatten des neuen Albums lauert. Der geschmeidige Ohrwurm "Sanctuary (feat. Clémentine Delauney & Ignacia Fernández)" bietet dann auch Melodic-Gothic-Rock vom Feinsten. Die symphonische Epik tritt etwas in den Hintergrund, der Refrain drängt Richtung Format-Radio und die Sängerinnen, Clémentine Delauney von und Ignacia Fernández von, duellieren sich wunderbar mit Thomas Karevik, der kurze Growls einstreut.

Noch Tage später wandert "Sanctuary / My shelter / My shine in the dark / You call my name / I was lost / Now I'm found again / Sanctuary / My home / My friend" durch die Synapsen wie Kamelots' Hauptfigur durch die Gänge des fiktiven RavenHills. "Dark Asylum" ist zwar kein Konzeptalbum wie zum Beispiel "The Black Halo", doch alle Songs drehen sich um besagtes RavenHill.

RavenHill war ursprünglich eine Kathedrale, die später jedoch in eine Anstalt umgewandelt wurde und nun alle Facetten des Leben beherbergt. Die Figuren leben und leiden in dem Gebäude und versuchen ihm zu entkommen. Der poetische Doppelboden liegt nahe: Die Anstalt symbolisiert den menschlichen Geist und mit ihm alle Aspekte und Gefühle der Seele. Karevik fasst den Kerngedanken sinngemäß so zusammen: Wir können Gefangene unserer eigenen Ängste, Erfahrungen und Überzeugungen werden; der Ausgang liegt letztlich schon in uns selbst.

Der Sänger selbst liefert in der Kathedrale des eigenen Ichs eine Meisterleistung ab. Nach seinen starken Gastauftritten der letzten Zeit lässt er eine noch stärkere Leistung folgen. Karevik dirigiert den Song, das Tempo, die Synthies und Riffs wie einst Karajan. Kraft, Gefühl, alles verschwimmt wie in der Geschichte zu einem irren Mix. Im Opener "Ashen World (feat. Ignacia Fernández)", der überraschenderweise nicht durchgehend in Hochgeschwindigkeit durch die Flure weht, dominiert er die melodischen Strophen mit den bombastischen Double-Bass-Phasen.

Das ganze Album stellt ihn – bewusst oder unbewusst – in den Fokus. So sauber die anderen Instrumente gespielt werden, nur Karevik sorgt für die großen Wow-Effekte auf "Dark Asylum." Der Rocker "One Last Masquerade (feat. Tobias Sammet)", die Folk-Ballade "⁠Ivy, My Dear" oder die Hymne "Godlike Alchemy" funktionieren. Der Titeltrack schrammt mit klassischem Power Metal und großem Refrain knapp am Klassikerstatus vorbei. Die Story wird dunkler, die Figur verliert sich in der Anstalt und verrennt sich in den eigenen Gedanken.

Warum mir bei den Lyrics ausgrechnet immer wieder Udo Jürgens "Manchmal hass ich mich"-Bridge ins Gedächtnis kommt? Entscheidet selbst: "Manchmal muss ich mich / Mit meiner Seele seh'n, / In meinem wildverzweigten Bergwerk / Fremde Gefühle schürfen geh'n / Und vor den Teufeln steh'n, Die viel zu gefährlich sind für dich ...". Ich fand das Bild des Gefühleschürfens im seelischen Bergwerk immer erstaunlich on point.

Die zweite Albumhälfte schwächelt dann leider vor allem in Sachen Songwriting merklich. Bis auf "Cassandra's Disease", das Klavier-getrieben und böse stampfend beginnt, sich in einen wilden Ritt steigert und an Nighwish erinnert, verschwimmt alles zu einem netten, aber wenig zwingenden Brei. Auch Karevik hebt Songs wie "Kaleidoscope" oder "The Puppet King" nicht auf Klassikerlevel. Trotzdem ist Kamelot einmal mehr ein gutes Album gelungen, das keinen Fan enttäuschen wird. Karevik sei Dank.

Trackliste

  1. 1. Sanctorium
  2. 2. Ashen World (feat. Ignacia Fernández)
  3. 3. Dark Asylum
  4. 4. Sanctuary (feat. Clémentine Delauney & Ignacia Fernández)
  5. 5. Nocte Veritas
  6. 6. One Last Masquerade (feat. Tobias Sammet)
  7. 7. Ivy, My Dear
  8. 8. Godlike Alchemy
  9. 9. The Sleeping Mind (Orphic Paradigm)
  10. 10. Kaleidoscope
  11. 11. Enigma (Think of Me)
  12. 12. Cassandra’s Disease
  13. 13. Beneath the Moon (Tunglið) (feat. Rannveig Sif Sigurðardóttir, Sólveig Sara Leupold, Lea-Sophie Fischer)
  14. 14. The Puppet King
  15. 15. Sanctum Requiem

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3 Kommentare

  • Vor 15 Tagen

    Konnte ich früher mal, kann ich heute gar nicht mehr....

  • Vor 15 Tagen

    Hmm... finde das Album hat 2-3 nette Songs, und zwar immer dann, wenn die Band aus ihrem typischen Power Metal Muster ausbricht, aber insgesamt ist das Meiste genau so 08/15, wie die Cover von Kamelot, die auch irgendwie immer gleich aussehen. Wenn man genau das immer wieder haben will, mit nur dezenten Änderungen, dann kriegt man das volle Brett. Persönlich finde ich es etwas langweilig. Hätte tlws. auch einfach von einer KI stammen können. Power Metal hat mich früher mehr begeistert, aber hier ist irgendwie schon lange die Luft raus

  • Vor 15 Tagen

    Ich möchte die Band gern mögen (und tat es auch mal in den 90er Jahren), zumal ich schon einen Crush auf catchy Metalsongs mit fettem Zuckerguss und überladenen Arrangements habe. Aber dann erscheint in meinen Träumen Andrea Kiewel, trägt ein Kamelot-Shirt, formt eine Teufelsfaust und ruft mir entgegen: "Das ist ja der Wahnsinn! Ich hab Gänsehaut! Ich könnte euch alle knutschen!"

    Während die Strophen aufgrund der komplexen Arrangements oft noch im grünen Bereich sind und tatsächlich großartig gesungen werden, sitzen wir spätestens bei den kitschigen Refrains dann unterm Sonnenschirm im Fernsehgarten.

    Außerdem: Langsam reicht es mal mit den Orchesterarrangements aus dem Computer. "Orchestra Mixing" - schon klar. Das ist wie Green Screen im Marvel City Universe: Irgendwann ist das alles nur noch künstlich überladen und austauschbar. Man HÖRT ES EINFACH!

    Hier stehen großartige Momente neben totalen Bullshit-Harmonien, die nicht einmal der Flötenschlumpf hätte durchgehen lassen, und dann wird auch noch diese Pomp-Soße darübergekippt. Mich lässt das komplett ratlos zurück. Gegen Plastik in den Weltmeeren gibt es inzwischen Kampagnen. Wann fangen wir eigentlich mit Plastik im Metal an?