laut.de-Kritik
Eine Meisterleistung. Karevik sei Dank.
Review von Stefan JohannesbergMan konnte nach den ersten beiden Songs schon erahnen, dass ein echter Kamelot-Klassiker, einer ihrer besten Songs im Schatten des neuen Albums lauert. Der geschmeidige Ohrwurm "Sanctuary (feat. Clémentine Delauney & Ignacia Fernández)" bietet dann auch Melodic-Gothic-Rock vom Feinsten. Die symphonische Epik tritt etwas in den Hintergrund, der Refrain drängt Richtung Format-Radio und die Sängerinnen, Clémentine Delauney von und Ignacia Fernández von, duellieren sich wunderbar mit Thomas Karevik, der kurze Growls einstreut.
Noch Tage später wandert "Sanctuary / My shelter / My shine in the dark / You call my name / I was lost / Now I'm found again / Sanctuary / My home / My friend" durch die Synapsen wie Kamelots' Hauptfigur durch die Gänge des fiktiven RavenHills. "Dark Asylum" ist zwar kein Konzeptalbum wie zum Beispiel "The Black Halo", doch alle Songs drehen sich um besagtes RavenHill.
RavenHill war ursprünglich eine Kathedrale, die später jedoch in eine Anstalt umgewandelt wurde und nun alle Facetten des Leben beherbergt. Die Figuren leben und leiden in dem Gebäude und versuchen ihm zu entkommen. Der poetische Doppelboden liegt nahe: Die Anstalt symbolisiert den menschlichen Geist und mit ihm alle Aspekte und Gefühle der Seele. Karevik fasst den Kerngedanken sinngemäß so zusammen: Wir können Gefangene unserer eigenen Ängste, Erfahrungen und Überzeugungen werden; der Ausgang liegt letztlich schon in uns selbst.
Der Sänger selbst liefert in der Kathedrale des eigenen Ichs eine Meisterleistung ab. Nach seinen starken Gastauftritten der letzten Zeit lässt er eine noch stärkere Leistung folgen. Karevik dirigiert den Song, das Tempo, die Synthies und Riffs wie einst Karajan. Kraft, Gefühl, alles verschwimmt wie in der Geschichte zu einem irren Mix. Im Opener "Ashen World (feat. Ignacia Fernández)", der überraschenderweise nicht durchgehend in Hochgeschwindigkeit durch die Flure weht, dominiert er die melodischen Strophen mit den bombastischen Double-Bass-Phasen.
Das ganze Album stellt ihn – bewusst oder unbewusst – in den Fokus. So sauber die anderen Instrumente gespielt werden, nur Karevik sorgt für die großen Wow-Effekte auf "Dark Asylum." Der Rocker "One Last Masquerade (feat. Tobias Sammet)", die Folk-Ballade "Ivy, My Dear" oder die Hymne "Godlike Alchemy" funktionieren. Der Titeltrack schrammt mit klassischem Power Metal und großem Refrain knapp am Klassikerstatus vorbei. Die Story wird dunkler, die Figur verliert sich in der Anstalt und verrennt sich in den eigenen Gedanken.
Warum mir bei den Lyrics ausgrechnet immer wieder Udo Jürgens "Manchmal hass ich mich"-Bridge ins Gedächtnis kommt? Entscheidet selbst: "Manchmal muss ich mich / Mit meiner Seele seh'n, / In meinem wildverzweigten Bergwerk / Fremde Gefühle schürfen geh'n / Und vor den Teufeln steh'n, Die viel zu gefährlich sind für dich ...". Ich fand das Bild des Gefühleschürfens im seelischen Bergwerk immer erstaunlich on point.
Die zweite Albumhälfte schwächelt dann leider vor allem in Sachen Songwriting merklich. Bis auf "Cassandra's Disease", das Klavier-getrieben und böse stampfend beginnt, sich in einen wilden Ritt steigert und an Nighwish erinnert, verschwimmt alles zu einem netten, aber wenig zwingenden Brei. Auch Karevik hebt Songs wie "Kaleidoscope" oder "The Puppet King" nicht auf Klassikerlevel. Trotzdem ist Kamelot einmal mehr ein gutes Album gelungen, das keinen Fan enttäuschen wird. Karevik sei Dank.


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