laut.de-Kritik
Der ungenierte Schlag auf die Kuhglocke.
Review von Jasmin LützDie Sterne sorgen seit der Pandemie für neue Euphorie: Die Hamburger:innen waren einer der ersten Bands, die man draußen und mit Maske live erleben durfte: Beim Open Air im Berliner Festsaal Kreuzberg im Sommer 2021 und einige Monate später mit 2G und digital verifiziertem Impfzertifikat im SO36. Es war einer dieser Nachholtermine zum selbstbetitelten Italo-Sommer-Album von 2020.
Band und Publikum endlich wieder vereint und happy tanzend together. Unvergessen auch, wie Sänger Frank Spilker nach einer Flasche Bier aus dem Publikum griff und daraus trank – und die erste Reihe hysterisch kreischte: "Nein, tu es nicht!" Das Coronavirus schwirrte doch noch immer durch die Gegend, aber hey: Irgendwie war das zwei Stunden lang mal kein Thema. Die Pop-Hymne des Abends: "Du Musst Gar Nix".
Seitdem pflastern viele Katastrophen, Kriege und schlechte Nachrichten unseren Alltag. Die Musik bringt da auf andere Gedanken, wird aber teilweise immer politischer. Bei den Sternen hieß das 2022 Hallo Euphoria. Zwei Jahre später folgte die Best-of "Grandezza". 2026 begrüßen die Indiepop-Größen nun mit dem neuen Album "Wenn Es Liebe Ist".
Und die neuen Songs versprühen wieder diese Dynamik und Qualität, die bei der Hörerschaft direkt ankommt. "Ich Nehme Das Amt Nicht An" beginnt mit einem Über-Riff und einer gut platzierten Saxophon-Fontäne. Das passt gut zu Frank Kiez-Dauerwelle, die man im Video bestaunt. Mit Atze Schröder-Gedächtnisfrisur analysiert er die gesellschaftliche Entwicklung, die immer gruseliger erscheint: Die Weigerung, sich auszutauschen, Ignoranz und Überforderung sowie das Einfach-nicht-mehr-Zuhören-Wollen.
Mit Rhythmusmaschine Jan Philipp Janzen (Von Spar, Urlaub in Polen) am Schlagzeug setzten Die Sterne gleich auf 100 Prozent Neujahrs-Energie. Das Herz pumpt, man kann nicht mehr stillsitzen: Der rasante Beat samt ungeniertem Schlag auf die Kuhglocke, die Spilker auch gerne live in die Hand nimmt. "Ändern Wir Je Den Akkord"? Bitte nicht! Seit 2020 stehen Janzen und Phillip Tielsch am Bass im Line-up, was diesen Schuss Krautrock-Energie in die Songs einbringt.
Spilkers prallgefüllten Lyrics, die oftmals im Sprechgesang landen und auch leicht anzüglich klingen können ("GNZRZND"), werden vom Team Rhythmus sowie dem Soundteppich von Keyboarderin Dyan Valdés getragen. Bei "Open Water" ist Dyan zum ersten Mal nicht nur im Background zu hören: Sie singt und schreibt die Hauptrolle – leider muss man sagen. Denn die Geschichte ist wahr: Sie lebte in einer gewalttätigen Beziehung. Der englische Song macht auf das Thema häusliche Gewalt aufmerksam.
"The thing about open water is the exposure / So when I saw you at my local swimming pool / And my swimsuit made my body visible / The same body which you touched / Never with your fingers or your lips / But with your words." Wenn sie diesen Song mit den Sternen auf der Bühne spielt und die Bandkollegen hinter ihr stehen, fühlt sie sich stark und kraftvoll. Obwohl sie über jemanden singt, der versuchte, sie klein und schwach zu machen. Dyan berichtet über ihre Erfahrungen auch offen auf Instagram.
Der Track stellt einen harten Bruch auf dem Album dar und lässt sich mit dem überwiegend lässigen Groove erst mal kaum vereinbaren. Dyans Stimme hört man auch in "Fan Von Irgendwas" prominent. Man liebt ihren Akzent, ob man den Inhalt nun irgendwie gut findet oder nicht ("Saufen auf der Reeperbahn"). Gerne mehr Valdés auf den kommenden Sterne-Platten.
"Wenn Es Liebe Ist" bietet auf "Ich Habe nichts gemacht (Außer Weiter)" auch Orgel-Sound und spacige Jazz-Sessions. Der Titelsong ist dann gleichsam der Kraftklub der Hamburger Schule. Spilker und Co. erschaffen aus einem krautigen Rockgerüst eine große Pop-Hymne. Vor dem inneren Auge sieht man sich bereits schweißnass gebadet auf dem nächsten Sterne-Konzert.
Und dann das große Finale. "Immer Noch Sprachlos" ist ein instrumentaler Ritt durchs Tonstudio: Sämtliche Knöpfchen, Tasten, Klänge und Beats fügen sich zu einem zwanglosen, zehnminütigen Neu!-Sound-Rausch zusammen. Herrlich übertrieben und bitte unbedingt live aufführen! Denn natürlich gehen die Sterne bald wieder auf Konzertreise.


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