laut.de-Kritik

Jede Menge Schaum vor dem Mund.

Review von

Anfang der Neunziger, als die Crossover-Bewegung so richtig ins Rollen kam, erfreute man sich auch im schwedischen Stockholm an der Mixtur aus harten Riffs und gesellschaftskritischem Sprechgesang. "Wir lernten uns damals in einem geriatrischen Krankenhaus kennen und fingen irgendwann an, zwischen Toilettengängen und Zahnersatzputzen musikalische Ideen auszutauschen", erinnert sich Clawfinger-Frontmann Zak Tell an die Anfangstage der Band. Vier Jahre lang mischte man im Konzert der Großen mit, ehe man, wie viele andere Bands des Genres, irgendwann wieder in der Versenkung verschwand. 18 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum "Life Will Kill You" melden sich Clawfinger nun mit "Before We All Die" zurück.

Und es dauert keine dreißig Sekunden, da tobt man gedanklich auch schon wieder durch die Gegend – auf der Tanzfläche irgendeines Alternative-Clubs, umgeben von schweißgebadeten Gleichgesinnten. 33 Jahre nach ihrem Meilenstein "Deaf Dumb Blind" machen Clawfinger soundtechnisch genau da weiter, wo sie aufgehört haben - als wäre die Zeit einfach stehengeblieben. Etwas monoton, aber mit viel Schaum vor dem Mund, rappt sich Zak Tell den Frust von der Seele, während der Sound der tonnenschweren Gitarrenriffs zwischen Nu Metal und Industrial pendelt.

Selbst der Klang der aufgeplusterten Drums erinnert an die gute alte Zeit, als die Band noch Branchenhits am Fließband produzierte ("Nigger", "The Truth", "Do What I Say", "Biggest & The Best"). Im Hier und Jetzt versetzt das alles aber keine allzu großen Berge mehr. Die Symbiose aus Rap und Metal hat nur noch wenig Neues zu erzählen. Und auch das neue Clawfinger-Album ändert an diesem Zustand wenig.

Auf der Suche nach der Tür zurück ins Glück, dort wo man vor mehr als dreißig Jahren noch musikalische Flächenbrände entzündete, drehen sich die Schweden im Kreis – wenn auch entschlossen und engagiert ("Scum", "Tear You Down", "Environmental Patients"). Allzu viel hängen ("A Perfect Day", "Kill The Dream") bleibt aber nicht – vom eröffnenden "Scum" oder dem titelgebenden Rausschmeißer mal abgesehen.

Die Haltung der Band ist dennoch lobenswert – wie immer. Clawfinger kotzen sich aus über eine Welt, in der es an jeder Ecke brennt, und über eine Gesellschaft in extremer Schieflage. Man nimmt dem sich in rage rappenden Zak Tell jedes Wort ab. Musikalisch aber bleibt viel liegen und am Ende zuckt der Crossover-Purist nur unaufgeregt mit den Schultern. Da greift man dann doch lieber ins Regal und entstaubt das einst für viel Furore sorgende Debüt. In diesem Sinne: "Truth! Tell me the truth! The Truth, motherfucker!"

Trackliste

  1. 1. Scum
  2. 2. Ball And Chain
  3. 3. Tear You Down
  4. 4. Big Brother
  5. 5. Linked Together
  6. 6. A Perfect Day
  7. 7. Going Down
  8. 8. You Call Yourself A Teacher
  9. 9. A Fucking Disgrace
  10. 10. Kill The Dream
  11. 11. Environmental Patients
  12. 12. Before We All Die

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