laut.de-Kritik
Eisig und schwarz: Der letzte Akt von Deutschlands "Blackstar".
Review von Michael SchuhFreigeist, Egozentriker, Selbstzerstörer: Dennoch wurde Kiev Stingl irgendwie 80 Jahre alt. Gekannt hat den Dichter kaum einer, den singenden Dichter erst recht nicht, Stingl schuf gerade mal vier Alben in 50 Jahren und nun, genau an seinem zweiten Todestag, liegt das fünfte vor.
Bis zu seinem letzten Atemzug arbeitete er mit Musiker und Arrangeur Niklas David an den Songs, "nach seinem Ableben habe ich keine weiteren Dinge hinzugefügt oder entfernt, die Arrangements sind alle exakt derart, wie wir es in unserer Zusammenarbeit erarbeitet haben", betont der Wahl-Hamburger, der mit der Electronic-Band Audiac Bekanntheit erlangte. Sein Name mag nun nicht denselben Klang haben wie ein FM Einheit oder Dieter Meier, mit denen Stingl bereits kooperierte. Für sein Abschiedswerk hätte "Frank Sinatras European Son" aber keinen geeigneteren Partner finden können. Feinfühlig färbt der Klangmaler Stingls eigenwillige Prosa mittels Gerätschaften wie Minimoog und Mellotron in ein rauschhaftes Schwarz.
"Meine Sterne Fallen" verbreitet eine eisige Melancholie und spiegelt damit wohl die späte Figur Kiev Stingl, wie sie jahrelang eremitisch im Stillen vor sich hin altert. Dass er David Zutritt zu seinen Messi-Gemächern in Berlin-Steglitz gewährte, hieß selbstverständlich nicht, dass er im gehobenen Alter seine kooperative Ader entdeckt: Stingl blieb das nervige, unberechenbare Genie, das seine Umgebung zur Verzweiflung bringt. So reagierte er auf Davids Bitte, Melodien für die Aufnahme mal ohne Gitarrenbegleitung zu singen, nur halbherzig bis komplett unwillig, "oder er sang völlig neue Melodien, die allein unbrauchbar waren", erinnert sich David. Es gilt, was der frühe Förderer Achim Reichel schon in den 70er Jahren feststellte: Man konnte mit Stingl immer am besten in seiner Abwesenheit zusammenarbeiten. Umso großartiger das Ergebnis.
"Mich schick zurück in mein House of Drinks", knurrt er zur Begrüßung - Alkohol und die in Zeile vier auftauchenden Frauen - Fixpunkte seines Schaffens. Stingl klingt abgekämpft, die tumultösen Jahre der Flaschenwürfe, Beleidigungen und antifeministischen Tiraden sind lange her, er singt zittrig, gewohnt eindringlich: "Down in Marseille / war ich fies / zum süßesten Baby / das mich ließ."
Nicht nur aufgrund der Sterne im Albumtitel gehen von der Platte reichlich "Blackstar"-Vibes aus. Wie Bowie raffte sich auch der lungenkranke Stingl ein letztes Mal für seine Kunst auf, wenn auch als ein von Mainstream-Deutschland verschluckter Provokateur. Lieder für ein Publikum bestehend aus Niklas David, denn alles darüberhinaus war ihm immer herzlich egal.
Stingls Themesong, sein "Blackstar", ist zweifellos "Rosenblatt", das später noch einmal als Coda auftaucht. Ein Cembalo mit "Abbey Road"-Zug eröffnet, dann setzt der Maestro ein. Seine Stimme durchdringlich und hell: "Ein Schmerz wie ein Schrei / Wenn ein Rosenblatt fällt". Später übernehmen Streicher und Piano und tauchen alles in noch dunklere Gefilde, Stingls Stimme derweil über allem Irdischen thronend wie ein ganz weit entfernter Mahner, der er nun ja auch ist. Davids Instrumentierung schlicht meisterhaft mit einem Hauch des späten Nick Cave und der Schwerelosigkeit von Radiohead. Spätestens das Distortion-Solo schnürt einem am Ende die Kehle zu.
Fünfeinhalb Minuten Perfektion, die sich in den Stingl-Klassikerkanon neben "Lila Diva" (auf "Hart wie Mozart", 1979) und "Der Sommer ist längst vorbei" (auf "Teuflisch", 1975) einreiht. Kaum zu glauben, dass diese finale Version mehr als 15 Jahre (!) auf dem Buckel hat, denn alle weiteren Versuche fanden nicht die Zustimmung des Duos. "Ökonomisch gesehen ein absoluter Wahnsinn, pure Verschwendung aller Ressourcen", gesteht David.
Ungeahnt zärtlich dann sein Geständnis vieler "Tränen In Kissen", die David dramaturgisch perfekt mit tröpfelndem Moby-Klavier à la "Porcelain" verziert, dazu Stingl über die spürbar gezählten Tage seines Hallodri-Daseins: "Gefangen im Zimmer / eine Zelle im Keller."
Wie sein Idol Jim Morrison nimmt er in "Gypsy Queen" Bezug auf Brecht/Weill und zeichnet ein Selbstportrait als wiedergeborener Surabaya Johnny, als untreuer Herzensbrecher im Nachtleben Berlins. Wo Bowie noch die Nürnberger Straße und den Dschungel aufzählt, belässt es Stingl bei finsterer Nostalgie: "Ich war ein Dieb (...) Ich war die dunkle Gypsy Queen." Direkt danach das knisternde "Sei Mein", laut David ein Text, den Stingl vor vielen Jahren an seine letzte, langjährige Partnerin Uta schrieb.
Und ganz am Ende notwendigerweise ein Text über das Ende: Stingl, der Künstler und der Mensch, zwischen Himmel und Erde, "Unter Sternen": "Bin im Licht ich / Bis die Schatten zu mir drehn." Nur eine von vielen faszinierenden und bleibenden Zeilen des Dichters, dem hoffentlich dank dieses finalen Meisterwerks noch einmal größere Aufmerksamkeit zuteil wird. Hans Joachim Irmler von der legendären Krautrock-Band Faust ist gerne behilflich und vertreibt die Platte über sein Klangbad-Label.
Für Ruhm wäre Stingl dann nicht nur im Leben immer zu früh dran gewesen, sondern auch im Tod. An seinem 80. Geburtstag erzählte er meinem Kollegen Maximilian Schäffer: "Wenn ich tot bin, ist mir eh scheißegal, was über mich erzählt wird. Das kriege ich ja nicht mehr mit - so behaupten es jedenfalls mittlerweile die meisten Lebenden. Ausnahmsweise bin ich da erstmals auf der Seite der Mehrheit."


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