laut.de-Kritik
Man kann jetzt schon auf einen Duett-Grammy wetten.
Review von Philipp KauseBei Marcus Mumford und seinen beiden Mitstreitern, den angeblichen Sons, bricht die Ära des Fusionierens an. Mit einer heterogenen Gästeliste von außerhalb des Fiedel-Purismus wird der Familienkreis größer, nachdem man den Sohnemann am Banjo vor einigen Jahren an Fox News, X und rechte Meinungsmache verloren hat. Die neue Musik wirkt überraschender als auf "Rushmere". Gleichwohl dieser Vorgänger letztes Jahr weder in Staunen versetzte noch irgendeinen Funken Reibung auslöste, schlug er chartstechnisch wie eine Rakete ein, auch bei uns. "Prizefighter" holt die ätherische Gracie Abrams an Bord, begrüßt Justin Vernon (Bon Iver, yMusic), bindet Aaron Dessner von The National ein, integriert TikTok-Viral-Star Gigi Perez und setzt auf den Iren Hozier.
Zunächst einmal fällt auf, dass Riffs, Taktschläge und Konturen wieder eine größere Rolle spielen und die Wässrigkeit des stagnierenden Flickwerks "Delta" 2018 und die gleichgültige Kompakt-Format-Flauschigkeit von "Rushmere" hinter sich lassen. Die neuen Songs wirken fast durchweg konzentrierter, wärmer, intensiver, filigraner arrangiert und teilweise sogar authentischer. Gleichwohl bleibt nicht jeder stark haften - manches ist dann doch textlich flach wie "Run Together" oder vorhersehbar und konventionell wie beispielsweise "Stay". Aber auch so etwas kann sich natürlich nett, gemütlich und schön anfühlen, wie sich beim Schlusslied "Clover" kaum bestreiten lässt.
Ein bemerkenswerter Höhepunkt zeigt sich bei der angenehm entschlackten Lagerfeuer-Ballade "Conversation With My Son (Gangsters And Angels)". Die Mumfords erlauben sich hier den Mut zur Lücke und lassen Abschnitte unausgefüllt, so dass einfach Saiten kristallklar zu hören sind oder es wabert wie bei Springsteen in seinen besten Intros. In einem spannenden Aufbau schraubt sich die Gruppe zum Höhepunkt hinauf, auf dem der Song unaufgeregt verklingt.
Auch das transparente "Alleycat" gibt den Blick auf seine Zutaten frei. Die Aufnahme lässt der Wahrnehmung Luft, damit Synth-Loops und Gitarren-Töne als solche identifizierbar sind. Inzwischen kann man das als ungewöhnlich auf dem oft honigverklebten Folk-Pop-Markt bezeichnen. Gerne wird eher überproduziert und verfremdet, vermischen sich Tonspuren zu einem Brei: Ein Schritt, den auch Mumford wiederholt ging. Publikum gibt es dafür zweifelsfrei. Emotionaler wirken aber solche Zupf-Nummern wie der hier dargebotene Titelsong "Prizefighter" oder ein so schnuckliges Chor-Stück wie "Rubber Band Man ft. Hozier" - der Gummimann. Cooler Songtitel! Wo sich die Vocals nicht gegen unbezwingbare Klangwände behaupten müssen, können sie reiner klingen, auch in der Steigerung.
Mumford hat traditionell ein Problem, wenn er aus voller Kehle seine Refrains posaunt und Töne lang zieht. Dieses Verfahren kann funktionieren, wie in "Shadow Of A Man" und handwerklich solide sein. Ob man darauf steht, ist dann die nächste Frage. Oft missglückt das Prozedere der gedehnten Vokale und des Lautwerdens aber. Dann überstrahlt der Barde rücksichtslos alles andere, was so ein Song sonst noch für Komponenten hat. Da hört er sich bisweilen aufgesetzt, hysterisch, anstrengend, manchmal moralisch an. In "Begin Again" übertreibt er jedenfalls und führt vor, wie man es besser nicht machen sollte, in einem Michael Patrick Kelly-Liedformat - Sirenen für Arenen. Andererseits besteht in diesem überkandidelten Gesang auch ein Markenzeichen. Im Direktvergleich mit Marcus steht zum Beispiel Justin Currie von Del Amitri für Gleichmäßigkeit und Understatement.
Eine Strömung des Folk handelt ja im klassischen Sinne viel vom Kommen und Gehen, von Natur und davon, wie wir sie erleben, von Selbstzweifeln und -analyse, Reflexion und dem Erkennen der eigenen Unzulänglichkeit. Entsprechend fügt sich das Duett "Icarus ft. Gigi Perez" in dieses Modell. Es bereitet die antike Geschichte vom fliegenden Ikarus auf, der im Übermut der glühenden Sonne zu nahe kommt und ins Meer abstürzt. Auch "I'll Tell You Everything" handelt vom Einräumen eigener Fehler.
Eine perfekte Paarung, als hätten sie schon immer zusammen musiziert, ertönt im hellen und sakralen "Badlands ft. Gracie Abrams". Zwei Stimmen, die beide eher luftig und arm an Nachdruck sind, ergeben hier merkwürdiger Weise, übereinander gelegt, einen grandiosen Paargesang. Man kann jetzt schon auf einen Duett-Grammy wetten. Die stärkste Darbietung überrollt uns gleich beim Opener, "Here ft. Chris Stapleton". Das satte, fetzende und nah am Ohr des Hörers gesungene Duett lebt sowohl vom Kontrast zwischen dem eher non-chalanten Country-Bariton Stapleton und dem schnell verzweifelt klingenden, leicht näselnden Mumford in seiner Alt-Stimmlage. Als Star des Stücks schält sich aber schnell Stapletons gewittrig klingende Elektrische heraus. Was die LP letztlich vernachlässigt, ist jeglicher Anspruch auf etwas Innovatives. Aber bevor so etwas wie "Delta" dabei herauskommt, belassen wir es lieber bei gewöhnlichen Ideen, teils außergewöhnlich gut performt.


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