laut.de-Kritik

Was einst ihr Vorteil war, ist heute ihre Krux.

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Man ist von Blackpink gewohnt, dass sie sich rar machen. Eine Zeit lang waren Exklusivität und Kuration so etwas wie der Markenkern des Vierergespanns, deren imperiale K-Pop-Comebacks wieder und wieder Maßstäbe in Opulenz und Größenordnung setzten.

Aber was einst ihr Vorteil war, ist heute ihre Krux. Das Feedback auf ihre neue, jahrelang vorbereitete EP "Deadline" ist vernichtend, sogar aus den eigenen Fan-Reihen. Das hat nicht einmal per se mit der Musik zu tun, die wenn auch nicht gerade lodernd vor Inspiration doch ganz solide ausfällt. Es ist eher die Tatsache, dass "Deadline" eins der seltsamsten und unzeremoniellsten Enden eines Pop-Megaplayers markiert.

Da ist kein offenes Drama, da ist kein offener Beef. Blackpink zerfransen einfach. Alle vier Mitglieder sind längst etablierte internationale Promis, gebucht auf der ganzen Welt, Markenbotschafter, Models, Schauspieler, Solomusiker. Sie sind reich für zehn Lebzeiten, wunderschön und Ende zwanzig. Man möchte ihnen nachsehen, dass da kein fundamentaler Hunger mehr da ist, das K-Pop-Game zu rasieren.

"Deadline" fühlt sich mehr als alles andere wie ein weiterer wahrgenommener Pflichttermin an, zu dem niemand allzu starke Gefühle hat. So richtig miteinander zu hängen scheint man nicht mehr, sich nicht zu mögen scheint man aber auch nicht. Die Marke Blackpink in der Hinterhand zu haben - das scheint vor allem eine strategisch clevere Entscheidung. Dementsprechend hat man wohl ein paar Beats und Lyrics von gefragten, wenn auch nicht den allerinteressantesten (oder unproblematischen) Songmachern zusammengeschmissen und ein Projekt rausgebracht. Es ist 'na schön, da habt ihr' - das Musical.

Was macht man da musikalisch? Der Introtrack "Jump", den es schon vorab gab, hat mit einem Sample von Da Hools legendärem "Meet Her At The Loveparade" einen soliden Vorstoß geleistet. Der Track zirkuliert um das schöne Techno-Motiv, hat mit der Frage "are you not entertained?" immerhin einen soliden textlichen Aufhorcher. Denn: Es ist irgendwie eine gute Frage.

Wenn Follow-Up "Go" den ätherisch-opulenten Dupstep aus der Feder von Diplo nachstellt, bleibt der Eindruck der selbe: Das klingt hübsch, das klingt imposant, hier wurde ziemlich detailliert und effektiv produziert. Erneut: Stabiler EDM-Track, ziemlich anderes Subgenre als der Vorgänger, die Blackpink-Mitglieder segeln unaufgeregt und souverän in dessen Windschatten.

Die drei B-Seiten machen auch keine Luftsprünge: Man wollte sich ja fast über den New Wave-Sound von "Champions" freuen, käme er nicht vom absolut untragbaren Dr. Luke. "Me Any My" (... ihr werdet es nicht glauben, "... Girls") hat einen okayen Hip Hop-Beat, rückt das weiterhin ungelenke AAVE nur sehr tief in den Fokus. "Fxxxboy" (das "Fuck" auszuschreiben hat man sich dann doch nicht getraut, das wäre zu viel) markiert dann endgültig den Moment, in dem die eh schon nicht gerade mitreißende EP zum Rinnsal vertröpfelt. Es klingt wie ein Song, der für das letzte Rosé-Album zu schlecht war. Und leider Gottes waren schon auf diesem Rosé-Album ein paar Tracks, die für das Rosé-Album zu schlecht hätten sein sollen.

Zusammengefasst muss man sagen: Diese Blackpink-EP ist relativ mid. Aber es ist mid auf eine sehr frustrierende Art: Die Songs rangieren alle im durchaus vertretbaren Bereich, man merkt, dass sie das Budget haben, Beats in Auftrag zu geben, für die sich niemand schämen muss. Aber dass nach einer so langen Spanne, nach Jahren ohne Release, das hier das groß angekündigte Comeback sein soll, das macht schon eine Sache wirklich unausweichlich klar: Im Blackpink-Camp ist niemand mehr an Blackpink interessiert.

Da ist schlicht keine Vision. Und vielleicht muss man es einmal klar aussprechen: Das ist schade. Blackpink als Gruppe hat einen Eindruck hinterlassen, der mit ihrem imposanten Glamour und der Größe ihrer Tracks sogar über den K-Pop hinaus spürbar war. War es so absurd, dass ein paar Fans sich noch an die letzte Idee geklammert haben, dass sie hintenraus noch mal so richtig einen raushauen? Dass irgendjemand sich berufen fühlt, das immense Potenzial, gerade auch für Überraschendes, auf den letzten Metern der Gruppe zu aktivieren? Aber "Deadline" zeigt nur, dass niemand das Interesse hat, der Geschichte von Blackpink ein spannendes letztes Kapitel hinzuzufügen.

Blackpink ist an diesem Punkt eine Band in Halbrente, die auf absehbare Zeit so verwaltet werden wird, dass sie nicht ganz in Vergessenheit gerät. Und auch neben all den Gruppen, die mit Streit und Drama in Flammen aufgehen: Irgendwie ist das hier fast die würdeloseste Art, wie ein Kunstprojekt abtreten kann.

Trackliste

  1. 1. Jump
  2. 2. Go
  3. 3. Me And My
  4. 4. Champion
  5. 5. Fxxxboy

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