laut.de-Kritik

Zwischen Welthit und Weltraum, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Review von

2001, was für ein Jahr. Das erste Jahr nicht nur eines Jahrzehnts, sondern sogar eines neuen Jahrtausends. In den großen Metropolen entstand ein nervöses Grundrauschen, der unbedingte Wunsch, auf diesem neuen Feld des Milleniums das erste große Ausrufezeichen zu setzen. Radiohead gingen mit viel Mut voran und dekonstruieren mit Kid A die Regeln der Rockmusik, The Strokes brachten eine gammelige Post-Punk-Lässigkeit zurück, und das chaotische Experimentierfeld Berlin löste London als coolste Stadt des Planeten ab.

Nur irgendwo in Norwegen, am Fuße des Fløyen und idyllisch am Byfjord-Fjord gelegen, schien diese große Aufregung nicht anzukommen. Norweger*innen sind nicht unbedingt ein Volk der großen Worte, noch schätzen sie den Smalltalk mit den vielen Touristinnen, die von Kreuzfahrtschiffen her in die Stadt einfallen. Über dieser Stadt - und noch mehr weiter nordwärts in den arktischen Gefilden von Tromso und Alta - liegt eine sanfte Ruhe. Bergen war sogar so ruhig, dass ein Journalist sie als "die unrockigste Stadt überhaupt" verspottete. Harte Aussage über eine Stadt, die im Bereich Black Metal eine sehr bedeutende Rolle spielte. Torbjørn Brundtland und Svein Berge von Röyksopp waren keine desillusionierten Kids, eine Kirche zündeten sie auch nicht an. In der kleinen, aber vitalen Indie-Musikszene lief man sich häufig über den Weg, die Vorbilder stammten aus der Jazz- und der elektronischen Club-Szene.

Die Möglichkeiten der bekannteren Djs, die ab und zu in Bergen auflegten, besaßen Torbjon und Svein gar nicht. Sie schraubten an Vintage-Gerätschaften wie Atari-Computer oder alten Akai-Samplern herum - nicht aus einem minimalistischen Ethos heraus, sondern weil einfach das Geld und die Möglichkeiten für mehr nicht reichten. Ein Umstand, den Svein Berge Jahre später sogar als Glücksfall bezeichnete: "Durch die Einschränkung entstand Kreativität." "Melody A.M." hätte mit damals gängigen DJ-Tools generischer und cleaner geklungen.

"So Easy", der wohlig-einfache Einstieg ins Album, läuft also geschmeidig analog langsam ins Ohr hinein. Es sanfte Melodie zum Aufwachen – ganz so, wie es der Albumtitel bereits ankündigt. Musik für den behutsamen Start in den Tag. Easy Listening-Jazz, und doch umweht den Song auch etwas Unwirkliches. Das quietschig-vergnügte "Eple", zu deutsch Apfel, perlt dagegen auch heute noch so frisch wie Eisbergwasser. Lustig, wie der Apple-Konzern begeistert nach Selbigem griff und das schmackhafte Stück für eine Werbe-Kampagne nutzte.

Torbjørn Brundtland und Svein Berge verfolgten trotz der späteren kommerziellen Nutzung ihrer Songs keinen großen Businessplan, ebenso wenig entwickelte die Plattenfirma ein marktgerechtes Image. Röyksopp sahen aus wie prototypische Studenten aus: Scheitelfrisuren, ein komplett unprätentiöses Auftreten. "Melody A.M." sollte kein lauter Aufschlag in der Electronica-Szene sein und nicht unbedingt den großen Hit produzieren. Woher hätten sie auch ahnen sollen, dass ihnen ausgerechnet ein bekümmerter Ohrenschmeichler einen weltweiten Clubhit bescheren würde.

Kings-Of-Convenience-Sänger Erlend Øye, der in diesen Tagen zu der kleinen Bergen-Szene gehörte - sang in "Poor Leno" mit Vocoder-Effekt wie ein trauriger Roboter aus der Sicht eines Vaters, der seinen Neunjährigen vor dem Bösen solange beschützen möchte, wie es eben nur geht. In der Mitte des Songs setzt ein lauter und hallender Schlagzeug-Effekt ein. "Poor Leno" sticht mit seinem leichten Upbeat aus der reduziert-langsamen Atmosphäre heraus, war aber der schlechteste Repräsentant für das Album. Das dänische Safri Duo griff fast zeitgleich ebenfalls auf einen Schlagzeug-Sound zurück, galt aber mit seinen Radio-freundlichen Trance-meets-Drums-Sound nicht unbedingt als willkommene Referenz. Etwas Hilfe kam auch durch das niedlich-schaurige Video von Sam Arthur: Ein kleines Wesen entflieht auf Skiern einem Zoo-Labor, stürzt sich Abhänge runter und wird letztendlich doch wieder eingefangen.

Video und Song verbreiten sich langsam über den Erdball und überstrahlten etwas den Rest des Albums. "Melody A.M." war in introvertierten Herzen kein treibender Trommel-Beat für die Apres-Ski-Saison. Es funktionierte viel besser als zeitloses Zusammenspiel aus Mood und Mensch: perfekt für Spaziergänge durch jahrtausendealte Wälder, für Orte, die ihre Besucher vollständig vom Alltag abkoppeln. Es war ein Stück aus einer analogen Welt - ohne permanente Verbindung zum Weltrhythmus, ohne Algorithmen-Zwang, ohne Allgegenwärtigkeitsdruck. Das Album pluckert und schwebt luftig dahin, als würde man die Realität nur noch streifen. Musik wie ein regnerischer Tag in Bergen - und dort regnet es wirklich viel. Wie geschaffen für den Rückzug in das traute Heim, in der Wohligkeit der Thermosocken, den heißen Tee und Hafer-Kekse griffbereit. Wunderschöne Wehmut und die Hoffnung, dass die Sonne nach einem garstigen Winter endlich wieder länger vorbeischaut.

Doch zu viel Frieden erzeugt auch Stress, weil man ihm nie ganz traut. Die Unterstimulation des jazzigen "She's So" mag am Anfang mit seinem sphärischen Krautrock-Sound den Puls-Schlag nach unten korrigieren, die dunklen Monotonie des Song vermittelt aber schnell ein beklemmendes Gefühl. Wer wünscht sich in Zeiten der Überforderung nicht in den schwerelosen Ort. Das Gefühl des unendlichen Schwebens, die Erkenntnis der eigenen Winzigkeit: Der Song transportiert genau diese existenzielle Verlorenheit.

Am Ende pulsiert nur noch "40 Years Back Come" schwach in den Raum, zunächst wie eine Fehlfunktion, dann lösen sich die Rhythmen in temporären Reflexionen und schließlich in Stille auf. Vielleicht waren Röyksopp zu weit draußen, die Einsamkeit zu erdrückend. Mit den folgenden, technoideren Alben ließen sie das Image der entschleunigten Downbeat-Bastler hinter sich. Auch der Freundeskreis um Erlend Øye verließ das beschauliche Bergen in Richtung der flirrenden Hauptstadt Berlin. Dort wartete damals die nächste große, aufregender Geschichte. Heute, wo Berlin selbst seine Unschuld verloren hat, ist die Rückkehr zu "Melody A.M." umso tröstlicher.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. So Easy
  2. 2. Eple
  3. 3. Sparks
  4. 4. In Space
  5. 5. Poor Leno
  6. 6. A Higher Place
  7. 7. Royksopp's Night Out
  8. 8. Remind Me
  9. 9. She's So
  10. 10. 40 Years Back Come

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2 Kommentare

  • Vor 4 Minuten

    Nicht schlecht; nette alte Sounds, straight, teilweise gute Songs wie der Einstieg, Higher Place, Remind me aber mir gefällt The Understanding etwas besser. Deutlich besser ist dagegen Inevitable End- welche eine derart hohe Songdichte aufweist, dass man es zum Reinhören nur empfehlen kann.

  • Vor 2 Sekunden

    Bin auch eher Fan des Debüts. Klingt schön fluffig aus den Boxen und kann man gut weghören. Gab zuvor zwei Alben als Teil von Aedena Cycle, die auch absolut klasse sind.