laut.de-Kritik
Historische Größe in Playlist-Ästhetik.
Review von Emil DröllWenn man sich von "EPiC: Elvis Presley In Concert" ein reines Elvis‑Konzert erhofft, wird man schnell enttäuscht. Statt eines klassischen Live‑Albums bekommt man ein Klang‑Konglomerat: restaurierte Live‑Fragmente, Remixe, Medleys und cineastische Sequenzen, die sich eher wie ein Soundtrack zum Film als wie ein echtes Konzert anhören. Vielleicht war beim Titel tatsächlich das Akronym wichtiger als das Versprechen.
"EPiC" ist der offizielle Soundtrack zum filmischen Projekt von Baz Luhrmann. Und schon der Einstieg macht klar, wo die Reise hinführt: "Can't Help Falling In Love (EPiC Intro)" ist mehr atmosphärische Andeutung als Song, cineastisch, eher Soundtrack‑Stimmung als echtes Konzertmoment. Wer rohe, ungefilterte Live‑Energie erwartet hat, wird hier in die filmische Erzählung eingebettet statt auf die Bühne gesetzt.
Und genau darin liegt der Knackpunkt: Dieses Album ist Soundtrack statt Live‑Dokument. Viele der Klassiker sind mit zusätzlicher Instrumentierung versehen, mit orchestralen Einsprengseln oder Remix‑Beats verbunden, die polarisch wirken. In manchen Fällen wie bei "That's All Right (EPiC Version)" oder "Tiger Man (EPiC Version)", entsteht ein erstaunlich moderner Klang, der Elvis' Stimme in ein 21. Jahrhundert‑Gewand kleidet. Doch genau dieser Pimp‑Faktor lässt Authentizität manchmal zugunsten von Stil über Bord gehen.
"Wearin' That Night Life Look" bewahrt immerhin noch einen Rest seines ursprünglichen Charmes, doch der Handschrift von Jamieson Shaw kann man sich nicht entziehen. Hier wird Atmosphäre gebaut, nicht eingefangen.
Es gibt jedoch auch Momente, in denen das Konzept aufgeht. "Hound Dog (EPiC Version)" prescht energisch nach vorne und transportiert zumindest ansatzweise jene Live-Wucht, die Presley einst zur Naturgewalt machte. "Polk Salad Annie (EPiC Version)" profitiert von seinem Makeover: Der Groove bleibt schmutzig genug, um authentisch zu wirken, während die klangliche Restaurierung dem Stück neue Präsenz verleiht. Besonders stark gerät "You've Lost That Loving Feeling (EPiC Version)". Hier wird die klangliche Klarheit zum Vorteil: Die Instrumente stehen sauber im Raum, Presleys Stimme wirkt lebendig, nicht überrestauriert, fast intim. Das ist einer der wenigen Momente, in denen Filmästhetik und musikalische Substanz wirklich harmonieren.
"Burning Love (EPiC Version)" bleibt ebenfalls gelungen, auch wenn der Song eher nach Studio-Performance klingt und der Konzertcharakter nur punktuell durch eingestreute Publikumsreaktionen angedeutet wird. Deutlich besser balanciert wirken dagegen "Suspicious Minds (EPiC Version)" und "Walk A Mile In My Shoes (EPiC Version)", die trotz moderner Bearbeitung noch genug vom ursprünglichen Live-Impuls transportieren, um nicht völlig im Sounddesign zu versinken.
Anders verhält es sich bei den Remixen. "Love Me (Jamieson Shaw Remix)" und "In The Ghetto (Jamieson Shaw Remix)" wirken wie Versuche, historische Größe mit zeitgenössischer Playlist-Ästhetik zu versöhnen – ein Spagat, der nicht immer gelingt. Spätestens bei "Don't Fly Away (PNAU Remix)" kippt das Konzept: Hier überdecken absurde elektronische Elemente die emotionale Substanz so deutlich, dass man sich fragt, wem diese Version eigentlich dienen soll.
Mit "American David (EPiC Version)", das einen Auszug aus einem Gedicht von Bono integriert, wird endgültig klar, dass man sich in einem filmischen Kontext befindet. Der Moment ist pathetisch, bewusst bedeutungsschwer inszeniert und rückt den Mythos Presley noch einmal ins Scheinwerferlicht, was immerhin als dramaturgischer Baustein gut funktioniert.
Was man diesem Werk zugutehalten muss: Es ist ambitioniert. Es will Presleys Live-Kraft ins 21. Jahrhundert übersetzen, seinen Mythos neu rahmen, sein Vermächtnis klanglich vergrößern. Doch dabei gerät die Balance ins Wanken. Zu oft steht die Produktion im Vordergrund, zu selten der Mensch auf der Bühne. Und vor allem bleibt ein seltsames Gefühl der Orientierungslosigkeit: Man weiß nicht immer genau, was man da eigentlich hört. Eine Studioaufnahme, ein restaurierter Mitschnitt, ein zusammengeschnittenes Medley aus verschiedenen Shows? Die Grenzen verschwimmen so stark, dass die historische Verortung der Songs nahezu unmöglich wird.


1 Kommentar
Ich hör kein Elvis, weil's cool ist. Ich hör Elvis, weil ich den gerne höre. Abgesehen davon höre ich kein Elvis.