laut.de-Kritik
Besser wird Metal dieses Jahr nicht mehr.
Review von Stefan JohannesbergFast 40 Jahre brauchten die Crimson Glory-Gründungsmitglieder Ben Jackson, Bassist Jeff Lords und Drummer Dana Burnell, um einen spirituellen Nachfolger für ihren Klassiker "Transcendence" aufzunehmen. Die Teilzeit-Legenden, denn anders lässt sich die bruchstückhafte Karriere und der überschaubare Output der US-Band nicht erklären, zelebrieren auf ihrem fünften Album "Chasing The Hydra" endlich wieder die leicht progressive Metal-Lehre.
Der neue Sänger Travis Wills setzt sofort beim Opener "Redden The Sun" seine beeindruckende Range ein, die, wie erwartet, in eher höheren Oktaven ihre Komfortzone findet. Ein Zahn wird jedoch zeitnah gezogen: Wills ist nicht so einzigartig wie der viel zu früh verstorbene Midnight, meistert die große Aufgabe aber überraschend sicher - obwohl er erst spät das Mic in die Hand nahm.
Trotz diverser musikalischer Experimente begann er erst in den frühen 2000ern, unter anderem in einer Dokken-Tribute-Band, ernsthaft zu singen. Fan von Crimson Glory war Wills schon als Teenager, vor allem seit ihm ein Freund das Album "Transcendence" gezeigt hatte. Der Kontakt zur Band entstand schließlich über Facebook: Crimson-Glory-Bassist Jeff Lords hörte Songs von Wills’ Progressive-Power-Metal-Band Infidel Rising und bat ihn, testweise "Painted Skies" einzusingen. Obwohl Wills zunächst zögerte, weil er sich nicht mit dem legendären Midnight vergleichen wollte, überzeugten seine Aufnahmen die Band. Nach weiteren Crimson-Glory-Songs wie "Where Dragons Rule" und "Azrael" fragte man ihn offiziell, ob er Sänger werden wolle. Der Rest ist "Chasing The Hydra".
Musikalisch startet "Redden The Sun" mit genügend Tempowechsel, Breaks und Hang zu Harmonien. Die Produktion lässt den beiden Gitarren genügend Raum, während die Rhythmussektion ein stabiles Fundament baut, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen. Auch der Titeltrack punktet mit ordentlich Druck auf dem Kessel, während Travis eher Rob Halford und Geoff Tate statt die Hydra verfolgt. Den ersten Höhepunkt bildet "Broken Together". Ruhig, aber bestimmt entwickeln Crimson Glory auf der Midtempo-Hymne eine fiebrige Spannung, die sich im gefühlvollen, fast zärtlichen Chorus entlädt. So würden Queensryches "The Warning" oder eben "Transcendence" im Jahre 2026 klingen. Beide Meilensteine verbanden ursprünglichen, leicht progressiven Metal mit starken Melodien, ohne in Poser-Rock oder Bombast-Metal-Gefilde zu rutschen. Es ist trotz Mitgliederschwund bis heute komplett unfassbar, wie Crimson Glory als drittes Album dieses unwürdige, in die Charts schielende "Strange And Beautiful" aufnehmen konnten.
2026 besinnen sich CG jedoch wieder auf alte Stärken, wie auch der Hit des Albums "Angel In My Nightmare" unabhängig vom peinlichen Titel beweist. Wieder startet die Band balladesk, zieht das Tempo aber bereits nach einer Minute an. Alles erinnert an "Broken Together", doch Prechorus und Chorus bohren sich als große Momente noch zwingender in Seele und Nacken. Besser wird Metal dieses Jahr nicht mehr.
"Indelible Ashes"ist ein Brückentrack, für den viele Bands sich eine haargesprayte Locke abschneiden würden. Danach marschiert "Beyond The Unknown" wie einst "Red Sharks" und gibt Sänger Travis neue Vorlagen für seine stimmliche Wucht. Überhaupt ist er ab Mitte des Albums nicht mehr wegzudenken. Seine Leistung - gerade neben diesen Veteranen und Könnern - kann man angesichts seiner überschaubaren Diskografie nicht hoch genug bewerten. Noch eine Schippe härter prescht "Armor Against Fate" voran. Fast fühlt man sich an Blind Guardian ohne die ganz großen Chöre erinnert.
"Pearls Of Dust" und "Triskaideka" schließen ein astreines Metal-Album gebührend ab. Wie antwortete Travis Wills damals auf die Frage seines Kumpels, ob er jemals daran gedacht hätte, sich an einem Crimson Glory-Song zu versuchen? "Dude, I am no Midnight." Zum Glück traute er sich dann doch und könnte seinen einstigen Helden zu einem güldenen Spätherbst verhelfen. Hoffentlich.


7 Kommentare mit einer Antwort
Tut mir leid, aber wenn ich jemanden sage, dass ein Album Genre xy dieses Jahr uneinholbar gut repräsentiert und der Person dann einen Track wie "Broken Together" vorspiele, werde ich doch ausgelacht. Erst beim Anblick des Covers und dann nach die erste Minute des Tracks angehört wurde.
Cheesiger Prog, handwerklich solide, mehr aber auch nicht. Fans von Queensryche könnten es mögen, der Rest braucht nicht mehr als einen Track hören. Headline völlig übertrieben.
Mag cheesigen Prog (und schwülstigen Power Metal sogar mehr). Ich höre mal rein. Die alten Alben der Band liebe ich.
"Besser wird Metal dieses Jahr nicht mehr."??
Bei vier Sternen, im April? Das heißt, es wird die nächsten achr Monate kein Metal-Album mit fünf geben?
Ich bin gespannt...
"Besser wird Metal dieses Jahr nicht mehr" und dann 4/5. Brillant.
mehr als 4 sterne wäre offensichtlich gelogen.
4 hält der eine oder andere leser für realistisch und tut sich den quatsch dann evtl an.
Die Veröffentlichung von Chasing the Hydra am 17. April 2026 markiert einen jener seltenen Momente in der Geschichte des Heavy Metal, in denen die Zeit selbst stillzustehen scheint. Sechsundzwanzig Jahre nach dem letzten Studio-Lebenszeichen, dem oft missverstandenen Astronomica, kehrt eine der einflussreichsten Entitäten des US-amerikanischen Progressive Power Metal aus der Versenkung zurück
Das Album umfasst neun Titel mit einer Gesamtlaufzeit von etwa 48 Minuten, was auf eine Konzentration auf das Wesentliche hindeutet, statt sich in endlosen progressiven Exzessen zu verlieren.
Redden The Sun Der Opener fungiert als elektrisierendes Portal in die rekonstruierte Klangwelt von Crimson Glory. Kompositorisch setzt der Song auf eine Kombination aus aggressiven, fast thrashigen Riffs und einer bombastischen Versstruktur, die sofort an die Energie von „Lady of Winter“ erinnert. Besonders brillant ist der Einsatz von zwei orientalisch angehauchten Brücken-Passagen, die eine direkte Verbindung zum Song „Touch the Sun“ herstellen und zeigen, dass die Band ihre Liebe zu exotischen Skalen nicht verloren hat. Das Lied nutzt eine komplexe rhythmische Verschiebung im Mittelteil, die den progressiven Anspruch unterstreicht, bevor es in einer melancholischen Kadenz endet. Die lyrische Auseinandersetzung mit der Apokalypse und Erneuerung spiegelt die eigene Geschichte der Band wider. Die harmonische Struktur folgt einer Progression, die oft zwischen Moll und phrygischen Skalen wechselt, was den typischen „Crimson-Vibe“ erzeugt. Bewertung: 9/10
Chasing The Hydra Der Titeltrack ist ein kompositorisches Meisterstück der Selbstbeziehung. Die Einleitung zitiert die Aggressivität von „Red Sharks“, transformiert dieses Motiv jedoch in einen modernen Kontext. Musikalisch zeichnet sich der Song durch eine enorme Dynamik aus; die Wechsel zwischen den harten Strophen und dem melodischen Pre-Chorus sind fließend und zeugen von einer hohen Reife im Songwriting. Die Struktur bricht mit der traditionellen Strophe-Refrain-Formel und nutzt stattdessen narrative Brücken, um die mythologische Geschichte der Hydra zu erzählen. Es ist ein Song, der durch wiederholtes Hören wächst, da er nuancierte Details in den Gitarrenharmonien verbirgt, die erst nach und nach ihre volle Pracht entfalten. Bewertung: 9/10
Broken Together Mit „Broken Together“ betritt das Album emotionales Neuland. Die Komposition beginnt mit einer fragilen akustischen Gitarre und baut sich über sechs Minuten zu einem epischen Melodiebogen auf. Hier zeigt sich die Fähigkeit der Band, „subtile Virtuosität und tiefe, leidenschaftliche Atmosphäre“ zu kreieren, statt nur auf technisches Können zu setzen. Strukturell ist der Song der engste Verwandte zum Material auf Transcendence, insbesondere durch die Art und Weise, wie die Gesangsmelodien mit den Gitarrenlinien verwoben sind. Es fehlen zwar die offensichtlichen Hooks, doch die emotionale Schwere und die harmonische Komplexität machen diesen Mangel mehr als wett. Bewertung: 8/10
Angel In My Nightmare Mit 6:42 Minuten ist dies der längste und vielleicht ambitionierteste Track des Albums. Er beginnt mit einem atmosphärischen Intro, das Erinnerungen an „Azrael“ weckt, entwickelt sich dann aber zu einer eigenständigen dunklen Fantasie. Die Einbindung von Keyboards und orchestralen Texturen verstärkt die theatralische Wirkung des Songs massiv. Das Songwriting nutzt hier das Prinzip des Crescendos par excellence. Jede Sektion baut auf der vorangegangenen auf, bis der Song in einem gewaltigen Finale aus melodischer Wut und Anmut gipfelt. Es ist die Art von Komposition, die Crimson Glory von herkömmlichen Metal-Bands abhebt – eine Mischung aus Albtraum und ästhetischer Schönheit. Bewertung: 10/10
Indelible Ashes „Indelible Ashes“ ist die konsequente Weiterentwicklung der fernöstlichen Einflüsse, die bereits auf Strange and Beautiful und Astronomica angedeutet wurden. Die Einleitung mit Windgeräuschen, einem Gong und orientalischen Blasinstrumenten setzt sofort eine cineastische Stimmung. Musikalisch ist der Song von einer fast hypnotischen Beständigkeit geprägt, was einige Kritiker als Mangel an Dynamik empfanden, doch für den Kenner der Band ist es ein „exotisches Mysterium“, das perfekt zum Tagträumen einlädt. Der Refrain ist dennoch kraftvoll und bleibt im Gedächtnis, was den Song zu einem der „catchiest“ Momente macht, trotz seiner rätselhaften Natur. Bewertung: 8/10
Beyond The Unknown Dieser Song zeichnet sich durch einen starken Beat und eine fantastische Basslinie aus, die das kompositorische Gerüst trägt. Er ist etwas geradliniger als die vorangegangenen Epen und erinnert in seiner Struktur an klassische US-Power-Metal-Hymnen, ohne jedoch deren Simplizität zu übernehmen. Die lyrische Thematik – ein smartes und nachvollziehbares Konzept über Grenzerfahrungen – harmoniert perfekt mit der dunklen, gothisch angehauchten Atmosphäre des Stücks. Die Melodieführung ist hier besonders flüssig und beweist, dass die Band auch im mittleren Tempo eine enorme Präsenz entfalten kann. Bewertung: 8/10
Armor Against Fate In „Armor Against Fate“ kehrt die technische Versiertheit in den Vordergrund zurück. Die Arrangements sind hochgradig komplex und fast schon chaotisch, was den Song zu einer Herausforderung für den Hörer macht. Die Gitarrenarbeit orientiert sich hier an den „Prog-Groove-Meistern“ wie Nevermore, was dem Track eine moderne, aggressive Kante verleiht. Obwohl der Song droht, sich in seinen eigenen Windungen zu verlieren, rettet ihn ein brillant strukturiertes Gitarrensolo, das melodische Tiefe mit technischer Brillanz verbindet. Es ist ein „Banger“, der zeigt, dass Crimson Glory auch 2026 noch Zähne zeigen können. Bewertung: 7/10
Pearls Of Dust Dies ist möglicherweise der schwerste Track, den die Band je geschrieben hat. „Pearls of Dust“ ist geprägt von einer „grimmigen Wildheit“ und einem hämmernden Rhythmus, der an die frühen Tage der Band erinnert, als sie mit Anthrax und Celtic Frost tourten. Kompositorisch ist das Stück weniger progressiv, dafür aber umso fokussierter auf die Erzeugung von purer Energie und metallischem Druck. Es dient als notwendiges Ventil auf einem ansonsten sehr atmosphärischen und dichten Album. Die Einfachheit der Struktur ist hier ein bewusster Kontrapunkt zur vorangegangenen Komplexität. Bewertung: 8/10
Triskaideka Das abschließende „Triskaideka“ (griechisch für 13) ist ein würdiger Epilog. Es balanciert Melodie, Zorn und Gnade in einer Weise, die nur Crimson Glory beherrschen. Der dunkle und vielschichtige Charakter des Songs lebt von seinen wechselnden Strukturen und einer fast schon theatralischen Unheimlichkeit. Besonders der Refrain hat sich als einer der stärksten des Albums erwiesen und setzt sich sofort im Gedächtnis fest. Der Song endet auf einer verwirrenden, fast schon bedrohlichen Note, was das zyklische Thema des Albums – die Jagd nach der Hydra, die nie wirklich endet – perfekt abrundet. Bewertung: 9/10
Crimson Glory haben mit Chasing the Hydra ein Wagnis gegen ihre eigene Geschichte gewonnen. Das Album ist eine „resoundingly return to vintage form“, die zeigt, dass die Band immer noch eine führende Rolle im Genre einnehmen kann. Es ist ein Werk für den anspruchsvollen Progressive-Power-Metal-Aficionado, der keine einfachen Verse-Refrain-Strukturen sucht, sondern sich auf musikalische Reisen einlassen möchte. Die kompositorische Qualität ist über die gesamte Laufzeit hinweg bemerkenswert hoch. Es gibt keine „Filler“, sondern nur unterschiedliche Schattierungen eines sehr dunklen, sehr majestätischen Klangspektrums. Auch wenn das Album einige Durchläufe benötigt, um seine volle Tiefe zu offenbaren, ist es letztlich eine „belohnende Erfahrung mit erstklassiger Musikalität“. In einer Metal-Landschaft, die oft von gesichtslosen Kopien und technischer Sterilität geprägt ist, wirkt Chasing the Hydra wie ein organisches, atmendes Wesen. Es ist die Stimme einer Legende, die endlich wieder etwas zu sagen hat. Crimson Glory sind zurück, und sie haben ihre künstlerische Integrität nicht nur bewahrt, sondern gestärkt.
Bewertung Gesamturteil 8.9 / 10
Dieses Album ist ein Manifest der Ausdauer und ein Beweis dafür, dass großartige Musik niemals wirklich stirbt. Chasing the Hydra ist zweifellos eines der wichtigsten Metal-Releases des Jahres 2026 und ein Meilenstein für die Diskografie einer Band, die schon immer mehr war als nur eine Gruppe von Musikern mit Masken. Es ist reine, unverfälschte Kunst.