laut.de-Kritik
Lang lebe die Drachenkönigin!
Review von Kai ButterweckDie Zeiten sind düster. Die freie Welt torkelt am Abgrund. Und während sich das Volk ängstlich unterordnet, ziehen eine Handvoll Diktatoren an den Strippen des Verderbens – immer und immer wieder.
Tori Amos beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. Auf ihrem neuen Album "In Times Of Dragons" begegnet sie den "diktatorischen Echsendämonen" unserer Zeit mit einem intensiven thematischen Konzept und dem dazu passenden Soundtrack. Dafür schlüpft sie in die Rolle einer unglücklich verheirateten Milliardärs-Gattin, die mit ihren Ängsten kämpft und ihrem energieraubenden Goldkäfig nur allzu gerne entfliehen würde.
Das Grundthema des Albums driftet immer wieder ab. Dem stillen Begleiter fällt es nicht immer leicht, ihrem fantasievollen Roadtrip durch die Schattenwelten zu folgen. Das stört aber nur am Rande. Auf der musikalischen Ebene fühlt sich der Hörer dafür um so schneller abgeholt – vorausgesetzt, er kann mit dem künstlerischen Ansatz der Verantwortlichen, Sinnlichkeit und Dringlichkeit in einem markanten Ganzen aus Pop und Klassik zu vereinen, etwas anfangen.
Trotz der komplexen Thematik und der langen Spieldauer präsentiert sich "In Times Of Dragons" sehr harmonievoll und zugänglich. Statt die inhaltliche Dramatik mit musikalischen Drehungen und Wendungen zu füttern, vertraut Tori Amos auf die Kraft berührender Melodien. Dabei steht das Klavier wie eh und je im Fokus. Im eröffnenden "Shush" nimmt das epische Klavierthema den Hörer mit auf eine dunkle Reise. "Put a finger on those beautiful lips - We both know what they're good for", haucht Tori Amos ins Mikrofon. Der schmierige Gatte spielt seine Macht aus.
Im Titeltrack verzückt die Sängerin mit einem ungewohnt lieblichen Refrain, der im Kontrast zum eher dunklen Grundthema des Songs steht. Schlagzeug und Bass, die beiden gängigen Begleitinstrumente, spielen gekonnt ihre Rollen aus und drängen immer genau zur richtigen Zeit in den Vordergrund. Was auffällt: Die Sängerin flüstert und spricht mehr als dass sie singt. Meist erst zum Chorus hin öffnet sich Tori Amos auch stimmlich und zeigt der Welt, dass sie auch nach mehr als dreißig Jahren im Geschäft noch zu großen Taten im Stande ist.
Wunderschön arrangierte Streicher ("Strawberry Moon", "Song of Sorrow", "Flood") hinterlassen genauso große Spuren wie der poppige Drive im Song "Gasoline Girls". Selbst wenn ein Song knapp zwei Minuten lang nicht wirklich aus sich rauskommt, etwas dahinplätschert und bis auf eine spannende Basslinie nicht viel mehr zu bieten hat, bleibt der Hörer gespannt vor den Boxen sitzen ("Veins").
In "Pyrite" übernimmt der Groove das Kommando. Kurz darauf fühlt man sich erinnert an große "Little Earthquakes"-Taten ("Tempest"). Tori Amos blüht stimmlich auf, wie eine Elfe schwebt sie über dem Notenblatt. Auf dieser Ebene, auf der sich Alternative-Pop mit Neo-Klassik vereint, kann ihr nach wie vor niemand das Wasser reichen.
Mit dem soundgewaltigen "23 Peaks" beendet Tori Amos ihren Kampf gegen die Drachen. Knapp sieben Minuten lang geht es um hoffnungsvolle Botschaften aus der Ferne. Irgendwo zwischen "Hey Jupiter" und "Into The West" markieren cineastische Synthesizer und das Rauschen des Windes das Ende einer nachhaltigen Soundreise.
Die bezauberndste Gesangsmelodie hebt sich Tori Amos Für den Schluss auf. "The truth is - You will suffer - They will grow back every time - You just need to accept that this will be - And you'll become a Dragon Queen", heißt es abschließend. Mögen die fiesen flatternden Echsen irgendwann alle in der Hölle schmoren. Und: Lang lebe die Drachenkönigin!


1 Kommentar
Tolles Album !