laut.de-Kritik

Die meinen es wirklich so.

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Wenn ein Album mit einem Song namens "Zu Kurz" loslegt und dann nach etwas über 30 Minuten schon wieder freundlich winkend von der Bühne hüpft, ist das entweder ein bewusst gesetzter Gag oder ein verdammt gutes Selbstverständnis. Liedfett entscheiden sich auf ihrem äußerst kreativ benannten, mittlerweile siebten Studioalbum "Liedfett" für beides: Sie wissen, dass der Moment schnell vorbei ist, und machen ihn deshalb so voll wie möglich. Kein Längenproblem und kein Streaming-Füllmaterial, stattdessen eine wohlkonzipierte und abwechslungsreiche Platte, bei der beinahe jeder Song ganz individuell gehört werden kann – mal mit breitem Grinsen, mal mit Kloß im Hals, mal mit Augenzwinkern, mal tiefgreifend berührt, mal lauthals mitsingend, mal wild tanzend. Und einmal erwischt man sich sogar kurz dabei, zu etwas zu schunkeln, zu dem man eigentlich niemals schunkeln wollte.

Was bei Liedfett seit jeher Spaß macht, ist die musikalische Beweglichkeit der Frontmänner Daniel Michel und Lucas Uecker. Die beiden haben hörbar Lust, Dinge auszuprobieren, ohne dabei in einen Trend-Mainstream-Autopiloten zu kippen. Selbst wenn man nicht jeden Genre-Ausflug für eine gute Idee halten muss (dazu ganz am Ende mehr), wird deutlich, dass in diesem Album im Vergleich zu vielen anderen deutschen Indie-Pop-Releases heutzutage mehr steckt als billig zusammengeklebte Wegwerf-Kreativität. In "Liedfett" stecken Ideen, Melodien, Raffinesse und vor allem Authentizität drin. Wer die Band schon einmal live gesehen hat, weiß, wie leidenschaftlich und mitreißend ihre Konzerte sind, wie sehr sie dieses "wir und ihr jetzt zusammen"-Gefühl liebt. Genau das transportiert das neue Album ziemlich zuverlässig.

"Zu Kurz" ist ein starker Opener, geht sofort ins Ohr und hat einen interessanten inhaltlichen Kern: "Ist der Moment, den wir hier haben, viel zu kurz, / als das wir ihn versäumen, / als das wir uns nicht trauen, / als das wir nur träumen, / als das wir ihn versauen" – den Hör-Moment zum Einstieg in ihr Album hat die Band definitiv nicht versaut, ein guter Song.

Mit "Das War Ich" wird's rockiger, rhythmisch abwechslungsreich und melodisch so gebaut, dass man den Refrain nach dem ersten Durchlauf schon als Ohrwurm im Nacken sitzen hat. Inhaltlich trifft der Song einen Nerv, da er ohne die sonst weitverbreitete "Früher war alles besser"-Nostalgie auf die eigene Biografie blickt, beispielsweise mit "weil ich nicht verstanden hab, dass ich meine Gefühle zeigen darf". Wenn dann zur Vergangenheit eine klare Kante gezogen wird ("Das bin ich nicht mehr"), ist das nicht nur oberflächlicher Selbstreflexions-Pop, sondern wirkt wie ein authentisches Statement.

"Partybrille" macht danach genau das, was der Titel verspricht: (schnelle) Brille auf, Tempo hoch, Feelgood auf Anschlag. Das Feature ist ein Jackpot: Marlo Grosshardt bringt seine außergewöhnlich starke Stimme mit und wertet den Track enorm auf. Das Ding schiebt und treibt nach vorne, ohne inhaltlich übermäßig oberflächlich zu sein.

Und dann kommt "Einsamkeitsgefahr", plötzlich ist da keine Pose mehr, kein "alles cool". Stattdessen Nahbarkeit, Verletzlichkeit, dieses peinlich ehrliche Gefühl, das man normalerweise erst um 3:00 Uhr nachts nach ein paar getrunkenen Bier oder gezogenen Nasen zulässt: "Und du warst da, in meiner Einsamkeitsgefahr, gestern, als keiner bei mir war. Als ich wollte, dass du gehst, hab ich mich vor dir geschämt." Der Song geht schon fast als berührende Indie-Rock-Ballade durch, die nicht geschniegelt wirkt, sondern echte Emotionen zeigt. Liedfett können laut sein, aber sie können eben auch leise – und wenn sie leise werden, sind sie richtig stark.

"Froh Dass Es Dich Gibt" hält diesen ehrlichen Ton, packt ihn aber grooviger, rauer, druckvoller ein. "Herzlich Willkommen Im Club" nimmt danach den Club wörtlich: elektronischer Einstieg, technoide Ästhetik, dann verwandelt sich das Ganze in einen treibenden Stimmungssong, irgendwo zwischen Rock, Indie und Pop. Inhaltlich geht's ums Zusammenkommen, um Gemeinschaft, um Familie. "Bei dir weiß ich genau, woran ich bin", heißt es später im Song "Du Erkennst Mich", der genau das tut, was ein guter Album-Track tun sollte: im Ohr kleben bleiben und inhaltlich emotionalisieren.

"Feierabend" ist inhaltlich eher Mitsing-Hymne als textlicher Tieftauchgang – "wir lieben das Leben, schön einen heben", man kennt's. Nicht mein Lieblingsmoment der Platte. Aber selbst hier spielen Liedfett den Track besser als die x-te "Prost, Wochenende!"-Kapelle. Denn musikalisch hätten sie das Ding auch als stumpfe Drei-Akkord-Kreativitätsverweigerung servieren können. Machen sie aber nicht. Stattdessen bauen sie einen vergleichsweise komplexen Song, mit schönen solistischen Instrumental-Fillings und kleinen Details, die zeigen, dass auch eher quatschige Songs durchaus ernst genommen werden, was irgendwie ja wieder charmant ist.

Mit "Alles Wird Gut" wird's dann schon sehr Deutsch-Pop – so sehr, dass die Hook im letzten Drittel problemlos auch auf einem Sarah-Connor-Album hätte stehen können, ohne dass jemand die Stirn runzelt. Zwischen "Jetzt sind wir hier, irgendwie müssen wir da durch" und "Alles wird gut, besser wird's eh nicht" ist der Track einprägsam und wirkt mit simpler Direktheit. Ebenfalls simpel und direkt, aber auch ein bisschen plump, schiebt sich danach ein Skit mit einem Feature von Comedy-Content-Creator TheSukOne ein, zum "Anheizen" des Albumfinales.

Als Abschluss steht "Brich Das Eis" auf der Tracklist und ließ mir beim ersten Hören den Mund offenstehen. Sind wir gerade wirklich im Oldschool-Schlager gelandet? Ja, sind wir. Und während ich Daniel Michel und Lucas Uecker sofort glaube, dass sie musikalische Multitalente sind, bleibt die Frage erlaubt, ob ausgerechnet dieser Ausflug wirklich noch nötig war. Andererseits: Der Song geht leider wirklich gut ins Ohr. Und schlimmer noch – ich habe mich dabei erwischt, wie mein Körper ganz automatisch den Schunkelmodus anschalten wollte. Das ist der Moment, in dem man sich selbst kurz anwidert, aber dem Groove dann trotzdem Respekt zollen muss. Ich schäme mich also ein wenig – und Liedfett lachen wahrscheinlich genau jetzt.

"Liedfett" ist ein Album, das vor allem über seinen Charakter gewinnt. Und durch seine Vielfalt, aber nicht als zielloses Zappen, sondern als Band, die auch in unterschiedlichen Genre-Klang-Korsetten immer noch nach sich selbst klingt. Nicht alles trifft meinen Geschmack ("Partybrille" eher so, "Brich Das Eis" persönliche Krise), aber die Platte hat Herz ("Einsamkeitsgefahr" oder "Froh Dass Es Dich Gibt"), Ideen ("Feierabend") und diesen Live-Drive, der einem beim Hören schon die verschwitzte Venue-Luft in die Nase weht ("Alles Wird Gut" oder "Das War Ich"). Unterm Strich ist das Album vor allem ein ehrliches: Die meinen und fühlen es wirklich so – das hört man einfach.

Trackliste

  1. 1. Zu Kurz
  2. 2. Das War Ich
  3. 3. Partybrille (feat. Marlo Grosshardt)
  4. 4. Einsamkeitsgefahr
  5. 5. Froh Dass Es Dich Gibt
  6. 6. Herzlich Willkommen Im Club
  7. 7. Feierabend
  8. 8. Alles Wird Gut
  9. 9. Du Erkennst Mich
  10. 10. Anheizen (feat. TheSukOne)
  11. 11. Brich Das Eis

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