laut.de-Kritik
Ein verlangsamter Herzschlag in der Einsamkeit des Winters.
Review von Rinko HeidrichDa draußen ist es gerade nicht schön, ganz allgemein, und jetzt kommt auch noch das eklige November-Wetter. Andererseits ist es die Jahreszeit, in der man ohne Reue das Sofa aussuchen darf und ohne das Spaß-Diktat des Sommers endlich die melancholische Herbst-Playlist hören kann. Daughters "If You Leave" gehört da schon mal rein, "Youth" bleibt ohnehin der beste Breakup-Song aller Zeiten. "And if you're in love, then you are the lucky one / 'Cause most of us are bitter over someone": Nie hat jemand die unendliche Single-Traurigkeit nach dem Ende einer Liebe besser zusammengefasst. Außer Elena Tonra selbst mit ihrem Soloprojekt Ex:Re, bei dem die warme Herbststimmung von Daughter in minimalistischer Dunkelheit endet. Auffällig: Die Britin meldet sich mit Ex:Re immer dann zu Wort, wenn es in ihr besonders finster aussieht. Ein zweites Soloalbum (nach "Ex:Re") war eigentlich gar nicht geplant. Tonra wollte nur ein paar Songideen mit Produzent Fabian Prynn ausprobieren, am Ende wurde daraus "Save As".
"Language of Love" steht thematisch vielleicht noch der Hauptband nahe, unterscheidet sich im stark reduzierten Downtempo-Arrangement aber deutlich vom Indie-Pop von Daughter: ihr sphärischer Ambient-Dream-Pop wirkt wie eine Geistererscheinung. So habe sie sich nach der Trennung von ihrem Freund gefühlt, sagte Tonra über ihr Debütalbum, und auch dieser Song schwebt irgendwo im Übergangsstadium zwischen Wachzustand und dem endgültigen Abschied von der Realität.
Die Stücke auf "Save As" folgen keinem übergeordneten Konzept und wirken manchmal, etwa in "Healing (Slow)", kaum greifbar. Es braucht wenig Mühe, aber Geduld, um sie wirken zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit den Alben von PJ Harvey, an die Tonras Solo-Ausflug häufig erinnert. Melancholie beschrieb die Daughter-Alben noch ganz gut. Auf "Save As" ist Tonra ein Stadium weiter und erstarrt in "Two Chords" mitunter förmlich in Schwermut. Genau diesen emotionale Tiefe erreichte auch mal Bon Iver mit "For Emma, Forever Ago", bevor sie bei jedem Album immer zur Pose verkam. "Wasp" ist genau dieser reduzierte Winter-Folk, der einen die Einsamkeit wieder spüren lässt.
Das spartanische arrangierte "Frozen Aisle" ist praktisch nur noch ein verlangsamter Herzschlag, in dem das Schlagzeug alle paar Sekunden fast unmenschlich maschinell den Takt vorgibt. Das ist keine ganz angenehme, aber eine ziemlich intensive Erfahrung. Denn was ist einsamer als ein Abendeinkauf im Supermarkt, in dem SB-Kassen selbst die letzte Möglichkeit zur Kommunikation ersetzen, die meist ohnehin nur aus erzwungenem Small Talk bestand? "No one's at the checkouts, seems just machines / Well, I’ve no good things to say / These days / Anyway". Ja, Elena Tonra ist nicht unbedingt ein Sonnenschein, das ist hinlänglich bekannt.
Der Soundtrack für die nächste Betriebsfeier wird "Save As" nicht. Aber das Album zündet genau in dem Moment, in dem der Winter dich endgültig bricht und du dich mit dem allerletzten Lebenswillen in die Wohnung schleppst. Es trägt dich durch genau diesen Abend, an dem du schnell durch die laute Menge gegangen bist und deine Wohnung eine Mauer gegen alles da draußen bildet. Musik für die dunklen Stunden, am Tiefpunkt der Depressions-Sinuskurve, und extrem authentisch in ihrer schonungslosen Offenheit. Tonra versucht nichts zu überspielen und imitiert nicht auf Krampf eine gut gelaunte Person.
Das wunderschöne Goth-Folk-Finale "Healing (Slow)" verarbeitet den Tod ihrer geliebten Großmutter und macht klar: Es wird alles wieder besser, aber Heilung braucht Zeit, manchmal sehr viel Zeit. Ein oft zitierter Satz sagt, Trauer sei der Preis, den wir für die Liebe zahlen. "Save As" zeigt vor allem, was für eine große, empfindsame Seele Elena Tonra besitzt, und lässt uns tief in sie hineinblicken. "Speichern unter" heißt eben nicht überschreiben, sondern neu ablegen: Der Schmerz wird nicht gelöscht, er bekommt nur einen anderen Namen, wird leiser, weicher, ein klein wenig heller. Draußen ist November. Aber drinnen, wenn die letzten Töne von "Healing (Slow)" im Zimmer verklingen, brennt doch noch ein Licht.


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