laut.de-Kritik
Vor uns steht die nächste Grande Dame der Folk Musik.
Review von Helen von DaackeVorhang auf! Das neue Album "Bloodhorse!" von Grace Cummings eröffnet mit "The Hills Are Alive With The Sound Of Morphine" mächtig. Cummings mit einer Portion Theatralik untermalte Stimme besitzt eine Kraft, die an die Roaring Twenties erinnert. Das Album verleitet zu stimmungsaufhellenden Substanzen, zu ekstatischer Hingabe und angstlösendem Empfinden. Auf "My God" sorgen Streicher für eine dramatische Untermalung, und Grace keucht, bis sie die Worte zum Singen findet. Nicht alles ist Materie, nicht alles braucht Verstand, so beschwört Grace Cumming neben den irdischen Genüssen auch das Transzendente.
"Paradise" ist ein absolut umwerfendes Stück, das mit Pausen und Ausdruck spielt, die Gänsehaut erzeugen. Hier zeigt Grace Cummings ihre fragile Seite, die Stärke in den leisen Tönen und dem Ungesagten. Dies trifft mit einer ungeahnten Wucht, so dass man ihr an den Lippen hängt, um zu erfahren, wo es denn ist, dieses Paradies. Doch gekonnt spielt die australische Singer/Songwriterin und Multiinstrumentalistin mit der Erwartungshaltung "I've seen it once. Yesterday". Lakonisch beendet sie den Ausflug nach 1:36 Uhr und man bleibt als Hörer:in mit einem süßen Schmerz zurück.
"Bloodhorse! (take two)" bricht das Album in der Mitte mit einem vulgären Country-Einschub auf, der wie ein Jingle oder eine Kunst-Pause der Performance funktioniert und einen ruckartig rausreißt. Ein geschickter Schachzug, um anschließend wieder die volle Aufmerksamkeit für die – zugegeben - an manchen Stellen leicht sperrige, aber sehr anmutige Musik in Anspruch zu nehmen. Nichts bei diesem Album ist dem Zufall überlassen, alles ist bewusst gesetzt und kunstvoll inszeniert. Immerhin hat Cummings mit dem Produzent von Father John Misty Jonathan Wilson zusammen gearbeitet.
Auf ihrem vierten Album spart die in Melbourne ansässigen Musikerin keine Emotionen aus. Das macht es so mitreißend und reizvoll, denn die zwölf Songs des Albums stellen nicht nur eine Reise in die eigene Gefühlswelt dar, sondern beweisen auch das große Talent Grace Cummings. Sie arbeitet mit den klassischen Stilmitteln, es kommen Streicher, Bläse und Piano zum Einsatz und auch ihre Stimme setzt sie als Instrument ein.
Als Erklärung für dieses Album zieht Cummings eine Aussage von Sinead O'Connor hinzu "The only reason a person should sing or make a record is because they'll go mad if they don't. That's how I experience the world". Mit Cummings Augen die Welt zu sehen, ist schmerzlich-schön, aber auch eine große Genugtuung, so viel kreatives Potenzial aus all dem Wahnsinn zu schöpfen. Und auch, wenn sie mit dem Song "See You In Fifty Years" und einem großen Knall das Album abschließt, möchte man hoffen, dass das nicht eintrifft. Vor uns steht die nächste Grande Dame der Folk Musik.


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