laut.de-Kritik
Zehn Jahre später klingen sie subtiler und - wen wundert's - reifer.
Review von Christian Schmitz-Linnartz'Der ewige Geheimtipp' ist eine Plattitüde, die der gemeinen Musikjournaille gern die Nüstern bläht, fünf Euro ins Phrasenschwein bitte. 'Dann sind sie halt einfach nicht gut!' möchte man dem Äußerer dieser Floskel entgegen brüllen. Möchte man, besser wollte man, denn dann kamen Herrenmagazin, und man hielt die Fresse, denn man verstand es nicht, damals von 2006 bis 2015, dieses geringe Feedback auf eine Band, die in einer gerechten Musiklandschaft in den Charts hätte landen müssen.
Denn Herrenmagazin bewegten sich nie in einem musikalisch schwer unzugänglichen Kosmos, sie waren nie sperrig; bei vielen ihrer Songs war es leicht, mit dem Fuß zu wippen und in leichte Tanzbewegungen zu verfallen. Ihre Melodien hatten seit jeher Popappeal und der Sänger Deniz Jaspersen eine Stimme, die in der deutschen Musiklandschaft ihresgleichen sucht, denn sie hält die perfekte Balance aus der poppigen Eingängigkeit, die (auch) an Retortenbands der deutschen Poplandschaft erinnert, und disharmonischen Facetten, die ihr diesen außergewöhnlichen Charakter verliehen.
Poppigkeit? Ich kann die Messerwurfblicke der Indie-Fans förmlich spüren, ja, Poppigkeit, jedoch im besten Sinne und nicht ausschließlich und außerdem inhaltlich konterkariert durch melancholische Texte und die schönsten gedanklichen Schnipsel, die man zum Abgleich mit sich selbst nachmalen konnte. Wer aufmerksam war, hat gemerkt, dass die letzte Sätze in der Vergangenheit geschrieben sind, denn die Bandtätigkeit von Herrenmagazin hat fast zehn Jahre geruht. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, Songideen habe man gesammelt, heißt es.
Zwangsläufig sucht man als Herrenmagazin-Fan somit Songs auf "Du Hast Hier Nichts Verloren", die man im ersten Durchlauf sofort umarmen möchte, weil sie sofort ins Gemüt diffundieren wie "Landminen" oder "Lang Nicht Mehr Da", einen sofort einlullen wie "Halbes Herz" oder "Dein Wort" oder einen mit der Wucht von "Früher War Ich Meistens Traurig" umreißen.
Und kurzer Spoiler, die gibt es, "Fragment" ist ein solcher rasanter Mitwipper, "Ich Bin Für Dich Da" geleitet uns genau so, wie es der Titel verspricht, mit dem absoluten Gefühl aus der Platte heraus.
Dennoch ist die Platte zumeist subtiler, klingt - wen wundert's - reifer.
Die vier Songs, die schon erschienen, vermitteln ein falsches Bild von "Du Hast Hier Nichts Verloren", da sie die eingängigsten des Albums sind. Für die meisten der elf Songs scheint es opportun, dem Pressetext zu widersprechen, der von durchgängiger Unverkrampftheit spricht.
"Es ist wahr, dieses Jahr war das allerschlimmste Jahr, ich wollte nur nach Hause, doch das war nicht mehr da" ("Letzte Ausfahrt") oder "Da ist so viel Musik in mir. Da ist so viel Musik, die mich nicht interessiert" ("Kontext") klingen eher nach Depression und Dilemma als nach Gelöstheit. Gleiches gilt für die Klangfarbe von "Mehr Als Ich Versteh".
Man kann es nur erahnen, da aber einige Songs laut Band schon etwas länger auf Halde liegen, ist zu vermuten, dass sie in den Ohren der Zuhörenden länger bis zur Entfaltung brauchen, wie guter Rotwein. "Alter Debütant" ist ein bittersüßes, desillusioniertes Resümee, "Alles, was mir meinen Blick verstellt, ist mir so lange schon bekannt, ich stolper' jeden Morgen in die Welt wie ein alter Debütant."
Im Gegensatz zu Herrenmagazin bzw. zum Texter Deniz habe ich nur Musik in mir, die mich interessiert und ich bin zuversichtlich, dass ich da in nächster Zeit einen Großteil dieses Albums hinzuzählen werde und dass die anderen Songs noch in mir wachsen, denn auch wenn das Ganze noch nicht so groß erscheint wie seine Vorgänger, zu den besten Popalben mit Anspruch der letzten Zeit gehört es allemal.
1 Kommentar
Ich wusste gar nicht, dass Herrenmagazin noch aktiv ist und freue mich über den neuen Output. Musikalisch fühlt es sich an wie vor 15 Jahren schon: Gute Texte, ansonsten bleibt es weitgehend überrachungsfrei, ohne große Höhen, aber auch ohne Tiefen. Sehr solides Album.