laut.de-Kritik

K wie Kind, Kaffee, K-Pop.

Review von

Homeoffice ist eine Möglichkeit für Singer/Songwriter:innen, Producer:innen und Musiker:innen. Joanna K ist all das. Und auch Mama. "Play In Case Of Emergency" handelt von diesem Spagat, wenn sich die Erwerbsarbeit in den heimischen Räumen mit der Kindererziehung vermischt. Auch ihr Ehemann werkelte von Zuhause aus: Er war an der Scheibe beteiligt, die in Zeiten der Pandemie entstanden ist. Die Platte verpackt das Chaos der eigenen vier Wände in frischen Sound, schneidert einen Soundtrack zum schnöden Alltag und verquirlt dafür wie im K-Pop Bestandteile, die nach gängiger Lesart aus kontrastreichen Szenen stammen, etwa tanzbaren R'n'B mit schepperndem Alternative-Rock ("Big Kid Energy").

Oder um einen alten deutschen Popkultur-Konflikt der 1980er aufzuwärmen: Pop versus Punk. Mondäner Dance-Pop tritt in eine Symbiose und Synthese mit rüpelhaften Gitarren. Wo das längst geht, ist in Südkorea. K-Pop wird freilich bislang eher selten in Niedersachsen gefertigt. Neben dem Sound bezieht Joanna dort die visuelle Ästhetik des Genres ein, um in ihre Fotos, Videos und ihren Ansatz vor allem zwei Vertriebswege zu bespielen: die Fan-Box im eigenen Webshop sowie Social Media.

Mit der gängigen Plattenindustrie sammelte sie ernüchternde Erfahrungen und veröffentlicht nun lieber auf eigene Faust. Unter dem Namen Jobassa stehen bereits zwei Longplayer zu Buche, zuletzt "Aquarium", das sich deutlich elektronischer zeigte. "Play In Case Of Emergency" lotet nun einen wesentlich breiteren Radius aus. Das Album steigt mit dem eingängigen "Baby Mama" ein. Hier versprüht das Pärchen Y2K-Vibes der Marke Aaliyah oder Sugababes und integriert Baby-Glucksen und Kindergeschrei. Der fluffige Bounce-Dance "Girl" handelt vom Traum als Mutter kein Geld verdienen zu müssen, sondern selber wieder Kind zu sein und "Bridget Jones" zu gucken. Die Nummer klingt frisch, die Beats sind cute, Janet Jacksons frühe Solo-LPs klingen an.

Neben dem hyperpoppigen "F.U." mischt "Muffin Much" entsprechende Hyperpop-Verzerrung mit Funkiness, einer Prise New-Age und Afrohouse-Beats zwischen Amapiano und Kizomba. Hier grenzt die teils autobiographisch vorgehende Songwriterin die Lebensphase der Thirties von den Twen-Jahren ab: Zwischen 20 und 29 ist das Zeitempfinden verzerrt bis gedehnt, und so wirkt eine Heirat für die Ich-Figur weit weg. Obwohl sie dann jenseits der magischen 30 doch auf den Geschmack kam. Und auf einmal stattet sie die Küche mit allerlei praktischen Dingen von Pfeffermühle bis Kaffeevollautomat aus, vorher kam sie problemlos ohne aus. Zwischen Kind und Job bleibt kaum noch Spielraum für anderes, fasst das Lied zusammen.

Der Spagat der pink verpackten CD erstreckt sich von frischem Surf-Garage mit Sixties-Flowerpower-Leichtigkeit im Stile der Shangri-Las in "Adorable" über Elton John-Dramatik und Musical-Style in "The Thing About Parenting Is That Everyone's An Expert", einem satirischen Song übers Windeln der Kleinsten, bis zur schrofferen Seite in "Smilewhore" mit Avril Lavigne-Avancen. Schön ist immer wieder der Kunstanspruch in den Lied-Dramaturgien.

"Pumps" startet sanft und arbeitet sich entlang dezenter Snare- und Becken-Tuschs bis zu einem groben Space-Rock-Finale vor. "Adorable" schaltet nach einer Ruptur in der Mitte schlagartig auf hüpfenden japanischen City-Pop im Stil der frühen Eighties um. "The Thing About Parenting Is That Everyone's An Expert" referiert auf Doris Day und "Que Sera, Sera" sowie auf Paolo Contes Kazoo-Sound.

Das Album bleibt auf zweierlei Ebenen haften: Einmal, weil es diese typischen Helikopter-Eltern mit ihren Vorzeige-Kindern karikiert, und auch den Kampf mit der Banalität der Waschmaschine, wie ihn schon Kate Bush als "Mrs. Bartolozzi" kreativ ausfocht. Zum anderen, weil es musikalisch eine hohe Dynamik entfaltet.

Trackliste

  1. 1. Baby Mama
  2. 2. Girl
  3. 3. Big Kid Energy
  4. 4. Adorable
  5. 5. Pumps
  6. 6. The Thing About Parenting Is That Everyone's An Expert
  7. 7. F.U.
  8. 8. Smilewhore
  9. 9. Muffin Much
  10. 10. Seesaw

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