laut.de-Kritik

Sakrale Klänge treffen auf Synthpop-Experimente.

Review von

"Meine Musik wird immer in einen akademischen Zusammenhang gestellt – aber ganz eigentlich bin ich nur ein Messie", erklärte die US-Musikerin Julia Holter einst und entschuldigt sich damit sehr sympathisch für ihre intellektuelle Herangehensweise an neue Songs, die aus unterschiedlichsten Büchern und Epochen gespeist sind. Aber wozu entschuldigen, wenn Holters Sound derart schön und schwebend ist wie auf ihrem neuen Album "Materia".

Auch hier findet sie Inspiration bei einer eher ungewöhnlichen Musikerin, nämlich der Mystikerin Hildegard von Bingen. Mit Harmoniebögen wie aus einer anderen Welt baut Julia Holter hier ihren einzigartigen Kammerspiel-Pop auf, der sich von anfänglicher Zartheit hin zu Synthiegeschwängertem auswächst und mit Klarinette, Fretless-Bass und Drum-Computer dramatisch variiert wird. Auch wenn sie viel mit Improvisation und Impression arbeitet, wirkt die Musik niemals sperrig – fließend und fantasiereich spinnt Julia Holter ihr Netz aus filigranen Details und verflochtenen Schichten.

Auf der schwindelerregenden, gespenstisch schönen Hymne "My Lost One" ist dieses wagemutige Experiment besonders eindrucksvoll gelungen, während das ätherische experimentelle "Clepsycra" an Enya, Julee Cruise, Laurie Anderson und Cocteau Twins erinnert. Zusammen mit der experimentellen klassischen Sängerin Jessika Kenney lässt Holter ihre Stimme durch mysteriöse Melodien kreisen, mal minimal, mal opulent treffen so sakrale Klänge auf moderne Popmelodien.

Zwischen introspektivem Ambient-Fluss und exzentrischem Art-Pop entwickelt "Materia" seinen ganz eigenen Sog, seine ganz eigene Kraft und ist eng mit dem Titel selbst verbunden – das lateinische Materia bedeutet Stoff oder Substanz und ist ein Schlüsselbegriff in Hildegard von Bingens Philosophie, das eng mit Mater, also Mutter verbunden ist und damit der Formung von Allem. Aber Holters "Messie" steckt auch darin, schließlich ist das Sammeln von Allem auch nur ein Weg, die Welt fassen zu wollen.

Trackliste

  1. 1. The Laugh Is In The Eyes
  2. 2. My Lost One
  3. 3. Fantasy
  4. 4. Materia 2
  5. 5. Clepsydra
  6. 6. My Twin
  7. 7. Materia 3

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