laut.de-Kritik
Kumpelhaftigkeit, Krawallherz und tanzbare Sounds.
Review von Elias RaatzBest Of-Platten haben 2026 ungefähr denselben Ruf wie Faxgeräte: Irgendwo gibt es sie noch, aber eigentlich erledigt man das doch längst anders. Playlist bauen, "Best of Kapelle Petra" eintippen, fertig ist die Laube. Und trotzdem gibt's "Lübbe", eine 30-Jahre-Würdigung, eine Zeitkapsel, ein "Guck mal, was wir alles so angestellt haben"-Album. Mit 16 alten Tracks quer durch die Bandgeschichte und zwei neuen Stücken als frischem Lack obendrauf.
Der Titel ist weniger kryptisches Kunstwort als Selbstbeschreibung: Kapelle Petra definieren "Lübbe" sinngemäß als dieses Gefühl, mit tollen Menschen die beste Zeit zu haben – also genau das, wofür diese Band steht: Kumpelhaftigkeit, Krawallherz, tanzbare Sounds und ein Text, der gleichzeitig grinst und piekst. Und ja: Man hört dieser Zusammenstellung an, dass hier eine Band am Werk ist, die längst nicht mehr anarchisch durchs Proberaumleben stolpert, sondern ziemlich routiniert weiß, wie man einen Song so baut, dass er zündet. Das Schöne: Der Biss ist trotzdem nicht abhandengekommen.
Los geht's mit "Nr. 1 Hit" – einem der beiden neuen Songs auf dem Best-of-Album. Schon der Auftakt-Satz ("Ich mach jetzt schon so lange mit Musik rum, hab irgendwie nichts Richtiges gelernt.") setzt den Ton: selbstironisch, bodenständig. Musikalisch klingt das nach Kapelle Petra, aber in sauber: besser produziert, klarer, geraderaus – und trotzdem mit diesem typischen "Bock auf Bühne"-Funkeln. Gerade in Zeiten, in denen die Welt nach Dauerkrise schmeckt, wirkt die positive Haltung des Songs wie ein Trotzlächeln mit ordentlich Verstärker dahinter.
Direkt danach wird's mit "Geht Mehr Auf Konzerte" erstaunlich emotional. Fast balladig, zumindest im Gestus: ein Appell, der nicht geschniegelt wirkt, sondern nach echter Sehnsucht klingt. Dass Kapelle Petra auch Evergreen können, beweist "An Irgendeinem Tag Wird Die Welt Untergehen": war mal Hit, ist immer noch einer – wahnsinnig stabil, weil der Song genau diese Mischung trifft, die sie so gut können: catchy genug zum Mitsingen, klug genug, um nicht nach zwei Durchläufen zu zerbröseln.
"JA" steht zehn Jahre nach Release wie ein Lehrbuchbeispiel dafür, warum diese Band so oft funktioniert: eingängiger Groove, treibender Rhythmus, Bläser nach vorne – und eine Haltung, die nicht weltfremd optimistisch ist, sondern eher so: "Komm, wir probieren's halt. Wird schon." Tanzbar, ohne peinlich zu werden. Und das ist im deutschsprachigen Rock-Pop-Kosmos ja auch schon eine Kunst.
Dazwischen stapeln sich diese Kapelle Petra-typischen Alltagsminiaturen und Schrägschüsse, die schon im Titel klingen, als hätte jemand seine Notizen aus dem Leben laut vorgelesen: "Überall Diese Erfolgreichen Familienväter", "Der Eisenbahnromantiker", "Also Stoßen Wir An", "Freibad Pommes". Und die Message-Momente wie "Keine Lieder Für Böse Menschen" sitzen genau deshalb, weil sie nicht den Zeigefinger ausfahren, sondern ihn höchstens kurz an den Bierdeckel klopfen.
Der heimliche König dieser Zusammenstellung ist für mich "Protestlied". Das Ding bringt die Kapelle auf den Punkt: ein stabiler Text, der aus einer kleinen, sehr menschlichen Kränkung ein universelles "Na dann halt jetzt erst recht" macht: "Alle fahren in den Urlaub und keiner nimmt mich mit. Wieder einmal Grund genug für ein Protestlied."
Zum Schluss setzt die zweite Songneuerscheinung "Endlich Zuhause" den emotionalen Deckel drauf. Eine Hymne ans Ankommen, an Heimat, an diesen Ort abseits der großen Städte, an dem man plötzlich merkt: Ich passe hier rein. Und ja, hier darf man sogar kurz Erich Fromm in die Dorfstraße stellen: die Verwurzelung als menschliches Grundbedürfnis steht im Mittelpunkt, weniger "haben wollen", mehr "sein dürfen". Diese Idee von Zugehörigkeit als Zustand, nicht als Besitz – das trägt der Song mit erstaunlicher Wärme, ohne kitschig zu werden.
"Lübbe" braucht man im Streaming-Zeitalter nicht – aber man will es trotzdem haben. Nicht, weil Kapelle Petra hier das Rad neu erfinden (tun sie nicht), sondern weil diese Zusammenstellung wie ein sehr gut kuratiertes Fotoalbum wirkt: 18 Momente, die zeigen, wie konstant diese Band über Jahrzehnte ihre eigene Nische verteidigt hat. Ein Album als verdiente Würdigung des Alten, bei dem die beiden neuen Song aber nicht wie Bonusmaterial wirken, sondern wie: "Wir sind zwar 30, aber noch lange nicht fertig."


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