laut.de-Kritik

Weg. Einfach nur weg!

Review von

Max Giesinger will vor allem eines: weg. Einfach nur weit weg. Je weiter, desto besser. In fast jedem Lied. Selbst wenn er, wie in seinem Hit "Wenn Sie Tanzt", die Perspektive seiner Mutter übernimmt, will diese weit fort. Er greift seine Zuhörer\*innen mitten im grauen Alltag auf, erwischt sie an einer ihrer verletzlichsten Stellen und gaukelt ihnen das bessere Leben in der Ferne vor. So wird "Die Reise" auch in der Akustik-Version zu einer Art Konzeptalbum. Doch wie weit man auch rennen mag, man nimmt sich selbst immer mit.

Aber wenn man immer auf und davon möchte, warum dann nochmal zum alten Album von 2018 zurückkommen? Natürlich: um die Kuh zu melken, solange sie noch Milch gibt. Mit Kreativität hat das äußerst wenig zu tun. Das ist in etwa, als würde ich meinem Chef den gleichen Text noch einmal vorlegen, diesmal aber in Kursiv.

Die Grundidee von Akustik-Alben war einst, den Liedern mit neuen Arrangements eine andere Richtung zu geben, herunterzufahren und so eine intime Stimmung zu kreieren, die einen näher an die Künstler\*innen bringt. Giesinger klatscht dieses Vorhaben gleich in den ersten Sekunden von "Bist Du Bereit" mit Kitschstreichern platt. Durch diese Zuckerschicht kommt niemand durch.

Auch ansonsten bringt die Neuauflage nicht viel Spannendes. Drei Songs des Originals fliegen raus ("Lieber Geh Ich", "Wir Waren Hier", "Sommer"). Erstmal ganz gut, aber leider treten mit "Auf Das, Was Da Noch Kommt", "Wenn Sie Tanzt" und "Nie Besser Als Jetzt" fix drei andere Stücke an ihre Stelle. Der "Es wird nie besser als jetzt"-Refrain im letztgenannten Track birgt im Corona-Sommer bittere Ironie. Bitte nicht!

Über gleichförmige Popakademie-Lieder singt Giesinger Texte wie aus einem feuchten Jack Wolfskin-Traum entsprungen. "Die Reise beginnt / Wir fahr'n in Richtung Sonnenlicht / ... / Ein erster Strich am Horizont, ein neuer Tag, ein neues Leben." ("Bist Du Bereit") "Du bist 'n Wanderer auf dem Weg nach Irgendwo / Unermüdlich kämpfst du dich die Berge hoch. ("Rucksack") "Vor uns 'ne Straße, die nie zu Ende geht / Hinter uns die Sonne, die im Westen steht / … / Weit und breit keine Menschen, nur Bon Iver und wir. ("Australien") Wer hier wahrhaftige Emotionen findet, darf sich ein Papierzelt draus falten.

Wer, wie der Max, die ganze Zeit unterwegs ist, der fällt natürlich immer mal wieder hin. Doch bereits die große Philosophin Tine Wittler teilte uns die Weisheit mit, dass das vollkommen okay sei, so lange man nicht liegen bleibt. Giesinger folgt ihr und lässt uns daran gleich mehrfach teilhaben. "Wir stolpern und fall'n und zieh'n uns wieder rauf", sinniert er in "Die Reise". In "Auf Das, Was Da Noch Kommt" lässt er im Duett mit Lotte ein "Es geht grad erst los, ich will so viel noch seh'n / Will gegen die Wand fahr'n und wieder aufsteh'n" folgen. Bereits auf ihrem Album "Glück" drängte sich der Sänger unangenehm in den Vordergrund des Songs. Von ihr blieb kaum etwas übrig. Nun hat die Lüge ein Ende und das Lied ist dort, wo es offenbar hingehört.

Der Titeltrack "Die Reise" klingt im Refrain immer noch putzig nach Tokio Hotels "Durch Den Monsum". "Philipp wurde Anwalt, nur Hannah ist geblieben / ... / Manu wollte Tänzer werden, jetzt macht er BWL / ... / Clemens reist durch Frankreich, sucht immer noch sein Glück", singt Giesinger. Aber klassische Berufe wie Bäcker oder Schreiner, die will natürlich wieder keiner von seinen von der Wohlstandsgesellschaft gepamperten Buddys ausüben.

Einzig das im Original an den großartigen Klaus Lage erinnernde "Ultraviolett" bietet Abwechslung. Mit neuer Rhythmik, Cello, Teufelsgeiger und einen Trompetensolo erhält es eine feurige Ausrichtung. Wäre da bloß nicht der Gaga-Refrain: "Doch Glück ist ultraviolett / Wo wir's nicht seh'n könn'n, liegt's versteckt / Wer hat's zum ersten Mal entdeckt?" Phillipp? Manu? Oder doch Johann Wilhelm Ritter? Wer weiß, wer weiß. Wer darüber hinweg sehen kann, findet hier zumindest ein kleines musikalisches Highlight.

Trackliste

  1. 1. Bist Du Bereit
  2. 2. Auf Das, Was Da Noch Kommt
  3. 3. Nie Besser Als Jetzt
  4. 4. Die Reise
  5. 5. Rucksack
  6. 6. Wenn Ich Leiser Bin
  7. 7. Leerer Raum
  8. 8. Australien
  9. 9. Ultraviolett
  10. 10. Legenden
  11. 11. Die Ausnahme
  12. 12. Wenn sie tanzt
  13. 13. Zuhause

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7 Kommentare mit 51 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Ich finde es immer sehr amüsant, wie versucht wird, einem Titel einen tiefsinnigen Anstrich zu verleihen, dieser Titel dann aber selbstentlarvend (zwar gut klingend) auf die intellektuellen Ressourcen des Interpreten hinweist:

    "Leerer Raum"
    "Wenn Sie tanzt"
    "Nie besser als jetzt"

    Es geht aber auch "profan":

    "Auf das, was da(!) noch kommt" :lol:

    • Vor 5 Jahren

      Vielleicht überschätzt er seine intellektuellen Ressourcen ja ein wenig. Scheint gerade so ein Symptom unserer Zeit zu sein.

    • Vor 5 Jahren

      Ich vermute er hält sich für einen großartigen Dichter/Lyriker bzw. sogar für denjenigen, der das alles "mit ein bisschen Hilfe" selbst schreibt.
      Und alle anderen, die das nicht so sehen hält er für Neider, die nach seiner Anerkennung trachten bzw. nach den weiblichen Fans. Im Grunde geht es ja auch für viele Männer darum. Im Ergebnis brauch er sich ja nichts vorwerfen :)

    • Vor 5 Jahren

      Der Typ ist dermaßen langweilig, er wird mit den Groupies vermutlich Tatort-DVDs bingen.

    • Vor 5 Jahren

      :D Das war jetzt aber sehr frech, Ragism.

    • Vor 5 Jahren

      @7KoRnMueSli: Ja, auch mein Gedanke vorhin. :D

  • Vor 5 Jahren

    Klingt so spannend wie der Golden Retriever vom Nachbarn, wenn der den Hermes-Boten freudig anbellt, weil der ihm einmal vor fünf Jahren Mal einen neuen Fressnapf mitgebracht hat. Das Gejaule braucht kein Mensch und keine Katze.

  • Vor 5 Jahren

    um noch mal den anspruch zu untermauen, auf die liste der meistgehassten alben 2020 zu gehören: u n e r t r ä g l i c h.

    es sollte mit waffengewalt verhindert werden, dass giesinger jemals wieder ein album veröffentlicht. für den schießbefehl an der grenze des akzeptablen geschmacks.

    • Vor 5 Jahren

      Seit dem Psycho weg ist, drehen nomansrap und Schwinger ganz schön auf :D

    • Vor 5 Jahren

      "Seit dem Psycho weg ist..."

      Witzig.

    • Vor 5 Jahren

      Jetzt fantasiert schon wieder die autoritäre Linke vom Schießbefehl, das hatten wir alles schon mal! lol

    • Vor 5 Jahren

      Grundsätzlich würde ich dir ja eine Therapie für deine Paranoia empfehlen, Elbo.

      Jedoch gibt es in diesem Land eine einfache Faustformel, um nicht als Zielscheibe zu fungieren: Keinen Dönerladen, Wettbüro, Shishabar oder ähnliches betreiben. Dann ist man auch sicher in Deutschland.

    • Vor 5 Jahren

      "Keinen Dönerladen, Wettbüro, Shishabar oder ähnliches betreiben." Das ist kein Problem für mich, ich erachte mich der arabischen Hochkultur sowieso als unwürdig. lol

    • Vor 5 Jahren

      Oh man. Das ist doch exakt die Implikation, die sich aus meinem Beitrag ergibt. Eumel, du.

    • Vor 5 Jahren

      Ja eben, deshalb ist es auch kein Problem für mich.

    • Vor 5 Jahren

      Aber schön, dass wir damit übereinstimmen, was die arabische Hochkultur angeht.

    • Vor 5 Jahren

      Es gibt nur eine Hochkultur oder Religion: die des Geldes. Alles andere ist Fassade. Egal, wer welche Machtstrukturen für sich in Anspruch nimmt. Von daher ist die Feindschaft zwischen Kulturen oder Religionen völlig unsinnig. Darüber laufen die Fäden zusammen. Siehe USA und SA.

    • Vor 5 Jahren

      Du Labertasche. Bis vor wenigen Jahren gab es diese "Kultur" in Dresden nicht und ich habe nichts vermisst. Jetzt machen die sich breit, machen auf Macker, sind dominant. Es gibt Ecken in der Neustadt, dem linken Szene- und Ausgehviertel der Stadt, wo man sich nicht mehr aufhalten kann, ohne beklaut, bepöbelt oder sogar körperlich angegriffen zu werden. Ich kann sagen, dass ich das Scheiße finde.

    • Vor 5 Jahren

      Das darfst du, da geb ich dir völlig Recht. Und ich glaube dir das auch. Aber darum geht es nicht. Du solltest mal deine Rolle in diesem System reflektieren bzw. dir die Frage ehrlich beantworten was du an deren Stelle tun würdest. Deine Regierung ist gekauft, deine Zukunft fürn Arsch und du hast die Chance in Dresden zu chillen und hast die Wahl zwischen dem bequemsten Weg und dem unbequemen. Scheisse darf man das durchaus finden, auch als "linker". Aber das System kommt in deinen Überlegungen halt überhaupt nicht vor. Du machst ausschließlich die Menschen verantwortlich, die aber einfach nur den "einfachsten" Weg gehen, der ihnen möglich ist - so wie konzerne bei der steuervermeidung auch. Regst du dich über die genau so auf? Das ist dein Geld, was die dir nehmen. Und du wirst von den Politikern, die all das Jahrzehnte unter den Teppich gekehrt haben, benutzt. Denn Hass macht blind und steuerbar. Die simplen Mechanismen funktionieren bei dir. Wer Krieg sät, wird die Konsequenzen ernten.

      Wie oft hast du dich in den letzten Jahrzehnten gegen Krieg und Konsum engagiert? Auch einfach nur am Kuchentisch bedient, wie "die", die jetzt kommen"? Take A look in the Mirror.

    • Vor 5 Jahren

      "Bis vor wenigen Jahren gab es diese "Kultur" in Dresden nicht und ich habe nichts vermisst."

      Und bis zur Afd haben rechte Würste wie Du die Schandfresse gehalten!

      Bitte umgehend verpissen!

    • Vor 5 Jahren

      "rechte Würste", "Schandfresse", "Bitte umgehend verpissen" ... wenn das nicht fürs Bannen reicht.

    • Vor 5 Jahren

      Gereicht hatte es ja schon. Nur wenn du dich hier gleich wieder neu anmeldest, ist das halt recht wenig wert.