laut.de-Kritik
In den Fußstapfen von Wembley.
Review von Emil DröllThe Who haben vergangenes Jahr so ziemlich jede Restcoolness verspielt, die noch irgendwo existierte. Die Streitigkeiten um den Drummerposten wurden öffentlich ausgetragen, als würde das Internet einen privaten Raum darstellen. Und wo 2025 angeblich plötzlich ein Problem mit Zak Starkey aufgetaucht sein soll, schien 2023 noch alles ausreichend harmonisch getrommelt worden zu sein, oder zumindest harmonisch genug, um eine weitere Livescheibe zu Geld zu machen.
Recorded wurde im Eden Project in Cornwall, für die Audiofassung ist das letztlich aber relativ egal. Entscheidender ist die Begleitung durch das Heart Of England Philharmonic Orchestra, das hier die pompösen Wembley-Fußstapfen von 2023 weiter auswalzt.
Schon der Opener "Overture" macht klar, worauf der Fokus liegt: "Tommy". Live funktioniert der Track tatsächlich deutlich besser als auf Platte. Die Produktion ist grundsolide, gerät vielleicht sogar ein bisschen zu sauber. Natürlich wurde hörbar nachpoliert. Vieles klingt zu perfekt, um komplett live zu sein. Dennoch bleibt genug Bühnenatmosphäre erhalten, inklusive eines Publikums, das am Ende des Stücks freundlicherweise kurz applaudieren darf.
Auch "1921" wird durch Orchester und Backgroundgesänge merklich aufgewertet. Daltreys Stimme hat sich über die Jahrzehnte zwar grundlegend verändert, funktioniert hier aber überraschend gut. Rauer und weniger jugendlich, aber gerade dadurch gewinnt der Song an Gravitas.
Es folgen weitere "Tommy"-Brocken: "Amazing Journey", "Sparks", "The Acid Queen", "Pinball Wizard" und "We're Not Gonna Take It". Warum The Who das halbe Album am Stück durchspielen, wissen vermutlich nur The Who selbst, Spaß macht es trotzdem. Besonders Letzterer gerät mit seinen über acht Minuten zum energetischen Höhepunkt des ersten Teils.
"Who Are You" bricht den "Tommy"-Block endlich auf. Natürlich souverän performt, musikalisch ohnehin unangreifbar. Trotzdem kaum zu glauben, dass das Publikum bei einem Refrain dieser Größenordnung derart still gewesen sein soll. Ein paar mitgeschnittene Mitsingmomente hätten der sterilen Perfektion durchaus gutgetan. Die Zwischenansagen haben es schließlich auch auf die Aufnahme geschafft.
"Eminence Front" gehört glücklicherweise ebenfalls zur Setlist und profitiert enorm vom orchestralen Unterbau. Der Song bekommt so eine zusätzliche Schwere und Präsenz, die ihn fast größer wirken lässt als in der Studioversion. "The Kids Are Alright" schunkelt sich charmant weiter durchs Set, während "Anyway, Anyhow, Anywhere" live plötzlich wie ein komplett anderer Song wirkt, deutlich weniger geschniegelt als im Studio.
Nach einem guten "I Can't Explain" und "Substitute" folgt mit "My Generation" schließlich der Track, der den meisten tatsächlichen Livecharakter transportiert. Zwischen den berühmten Stotterern ist endlich mal so etwas wie Publikum zu hören, abgesehen davon, drückt der Song auch nach Jahrzehnten noch erstaunlich brutal nach vorne.
Zwei Tracks später liefert "Behind Blue Eyes" die obligatorische Verschnaufpause. Auch wenn der Song spätestens seit Limp Bizkit seine Würde eingebüßt hat, funktioniert er immer noch erstaunlich gut. "The Real Me" und "I'm One" folgen solide, auch wenn man sich anstelle des erneut etwas pflichtschuldigen "5:15" vielleicht lieber einmal das chronisch unterspielte "905" gewünscht hätte.
Ein weiteres Highlight liefert schließlich "Love, Reign O'er Me", ehe mit "Baba O'Riley" der letzte Pflichttermin ansteht und gleichzeitig beweist, dass manche Songs in der Studioversion schlicht unerreichbar bleiben.
Unterm Strich liefern The Who eine astreine Liveshow ab. Das Ding macht Spaß, die Band wirkt trotz aller Nebengeräusche erstaunlich eingespielt, und die Setlist ist mit 24 Tracks alles andere als geizig bestückt. Etwas mehr Abwechslung hätte trotzdem nicht geschadet. Das Album ist keine essenzielle Erweiterung zu "Live At Wembley", aber definitiv ein lohnender Mitschnitt für Fans.


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