laut.de-Kritik

Kindheitserinnerungen in einem ihrer besten Alben.

Review von

An der Wiege des Rock'n'Roll befindet sich Sun Records. Hier ist nun Melissa Etheridge angedockt. "Rise" umfasst elf neue Songs ohne viel Tam-Tam. Es gibt kaum Werbung, der PR-Text umfasst vier schlichte Sätze, und die Lieder könnten geradliniger und unkomplizierter kaum sein.

In "Matches" erinnert sich die weltberühmte Gitarristin an ihre Kindheit. Mit acht war sie Johnny Cash-Fan, und sie macht jetzt trotzdem kein Nashville-Crossover-Album. Die Country-Ikone Cash war selbst einmal bei Sun, kam in ihre Gegend und spielte - weithin bekannt - für Gefängnis-Insassen, exklusiv. Die kleine Melissa wäre so gerne dabei gewesen, hatte aber keinen Zutritt. "Matches" ist eine so kristallklare Ballade wie auch das Titelstück "Rise", das eine Akustik-Klaviatur mit Wurlitzer, Western-Gitarre und Piano atmosphärisch stark ausspielt.

"Rise" heißt ja (unter anderem) 'wachsen', und im Laufe der Lieddramaturgie schwillt die Lautstärke von Vocals und Instrumenten massiv an. An der Balladen-Front gibt es mit "Davina" auch einen Hybrid aus kuschligen Streichern in den Strophen und lebhaftem Rock'n'Roll-Refrain mit allegro geklimperten Tasten. Relativ gleichmäßig entwickelt sich das langsame, cellolastige "More Love" übers Heranwachsen vom Laufenlernen bis zu den Lehren, die man in der sozialen Interaktion, aus Rückschlägen und aus ungestilltem Bedürfnis nach Liebe zieht. Crescendo gibt es auch hier, allerdings steigert sich dieser Song gemächlicher als die anderen.

Etheridge fiel immer wieder mit Klimaxbögen mit kathartischen Entladungen auf und mit Hooks, die deutlich gesalzen waren, während die Strophen gern Ruhe vor dem Sturm signalisierten, schon als sie Hits wie "Bring Me Some Water" hatte, vor nunmehr vier Jahrzehnten. Dieses explosive Aufspielen lässt sie sich auch jetzt nicht nehmen und veranstaltet mehrmals, zum Beispiel in "Don't You Want A Woman", einen entsprechenden Ritt. Nummern, die leise starten, laufen sich rasch warm und platzen dann fast vor lässigem Herausschleudern von geballter Energie. So zündet das queere Liebeslied "If You Ever Leave Me", das leave und believe reimt und auch sonst recht simpel und direkt in der Wortwahl bleibt: "You are the light in my eyes / you are the sweet in my coffee / you are the secret surprise / and I always wanted you!"

Als Cash-Fan liegen natürlich biblische Formulierungen nahe. Aus dem zugehörigen Sprachregister setzt die 64-Jährige ihr Stück "To Be A Woman" zusammen, in dem sie uns unter choraler Ausschmückung erläutert und illustriert, wie sich das Dasein als Frau anfühlt. Wiederum - dieses Mal ganz extrem - spielt und singt sie sich von still und ruhig zu intensiv, massiv, exklamierend, laut, fortissimo hoch. Ihr lyrisches Ich stellt Hoffnung der Leere entgegen, fühlt sich nach Leid und überwundener Furcht gesegnet.

Eine weitere Ikone für Melissa war James Dean, dessen Look sie auch als Mädchen nachahmte und sich zu Eigen machte. Folgerichtig trug sie Kurzhaarfrisur und ausgeleierte Jeans, fand Benzingeruch sexy und appetitlich. Der Song, in dem sie das ausrollt, heißt "Tomboy" und macht klar, dass es "Tomboy"-Mode und Verhalten nicht erst in den Achtzigern bei Salt'n'Pepa und eben auch nicht nur im Hip Hop-Kontext gab. Bei Melissa gehörte dazu, mitten auf der Straße Kickball zu spielen. Ihr Lebensgefühl: "Little girls felt strong." Das Lied endet mit fröhlichem Pfeifen.

Der rockenden Singer/Songwriterin ist ein sehr stringentes, facettenreiches Werk ohne Firlefanz gelungen, mit dem sie sich selbst gegenüber treu, authentisch wirkt. Innovativ ist es im Umkehrschluss gar nicht. Die Zugangsschwelle zum Album liegt niedrig: Es ist schnell eingängig und angenehm produziert. Die meisten Stücke sind wertvolle Aufnahmen. Insgesamt legt sie eine ihrer besten LPs vor.

Trackliste

  1. 1. Bein' Alive
  2. 2. Matches
  3. 3. Rise
  4. 4. Don't You Want A Woman
  5. 5. Other Side Of Blue
  6. 6. If You Ever Leave Me
  7. 7. Davina
  8. 8. To Be A Woman
  9. 9. Tomboy
  10. 10. Call You
  11. 11. More Love

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