laut.de-Biographie
Monie Love
"Der Teil, der beim Musik-Rausbringen und Teenager zu sein am meisten Spaß machte, war das Touren. Denn das fühlte sich nicht wie Arbeit an. Es war mehr so: Wir richten uns in einem Bus ein, kommen in eine neue Stadt (...) und treten tatsächlich vor Tausenden Leuten auf. Das zählte für uns zum Vergnügen. Ich bin froh, dass ich das so erlebt habe, weil es mir gestattet, mir diesen Spaß-Aspekt bis heute zu bewahren." - Monie Love erinnert sich im Magazin Pop Sugar an eine bewegte Zeit, die für sie recht überraschend einsetzte.
"Als Kinder hatten wir das Gefühl, dass das unser Vehikel war, um alles, was uns traurig machte auszudrücken. Aber ich habe es mit 17, 18 gar nicht umrissen, als sich das alles ereignete - du musst in diesem und jenem Magazin abgedruckt werden und mitmachen. Ich dachte nur so: Wow, wirklich?"
Sie hat zwei Signature Tunes, die von ihr selber handeln, "Monie In The Middle" und "Ladies First". In "Monie In The Middle" erzählt sie aus ihrer Schulzeit. In "Ladies First" kritisiert sie zusammen mit ihrer New Yorker Kollegin Dana Owens a.k.a. Queen Latifah: "Einige meinen, dass wir Ladies nicht flowen, das sind Klischees, die verschwinden müssen."
Emanzipatorisch, empowernd und uplifting skandieren die beiden, dass Frauen in vielen Disziplinen punkten und bekanntlich bei der Vermehrung der Menschheit die Nase vorn haben: "Strong, steppin', struttin', movin' on, rhymin', cuttin' and not forgettin' / We are the ones to give birth to the new generation of prophets / 'cause it's 'ladies first'." Noch immer haben die USA keine Präsidentin gesehen, wie auch viele deutsche Großstädte noch nie in ihrer Geschichte eine Bürgermeisterin hatten.
"Jetzt ist der Moment, um klar Schiff zu machen / und dir klar zu machen, was für eine Frau ich bin: / Mich vergleichen zu müssen, ist nicht mein Style. / Wenn wir ein Wettrennen machen würden, weißt du, dass ich's meilenweit gewinnen würde, und nicht Susan. / Susan hier, Susan da, das ermüdet mich - mein Name ist nicht Susan. / Pass also auf, was du sagst! Wenn du meine Individualität nicht respektieren kannst / dann, mein Schatz, musst du dir jemand anderes suchen!" - Diese Statements sind Monie Loves Beitrag zu Whitney Houstons Megahit "My Name Is Not Susan". 15 offizielle Remixes erschienen mit dieser Nummer. Einer, der Power Radio Mix, featuret die Rapperin, die im Sommer 1970 im Süden Londons als Simone Gooden zur Welt kommt.
Als Jugendliche tanzt sie Ballett und Jazz. Mit 14 wird sie Breakdancer, B-Girl. Dann geht alles sehr schnell. Bevor sie im März 1988 mit 17 Jahren nach New York zieht, erwirbt die jamaikanischstämmige Wortakrobatin eine tiefgehende kulturelle und musikalische Sozialisation. Allerdings nicht mit Reggae. "Uns traf die Hip Hop-Kultur, würde ich sagen, um 1983. Ausgehend davon, hinkten wir dem Geschehen in den Staaten zehn Jahre hinterher. Aber von da an bauten wir unsere eigene britische, UK-Szene und eine europäische Szene auf. Dabei hatten wir Respekt vor dem, was sich in den US abspielte und hangelten uns quasi am Regelwerk der amerikanischen Hip Hop-Kultur entlang" resümiert Monie auf der Entertainment-Plattform BET.
Monies Papa ist Jazzmusiker, Basil Gooden, und macht sie mit der Rastafari-Religion vertraut, auch die Mama stammt aus Jamaika. Monies älterer Bruder, Dave Angel, wird DJ und Techno-Produzent. Ihre jüngere Schwester Rosanna bekommt unter dem Namen Baz einen Plattenvertrag in der Heimat und bringt es auf ein Album. Monie selber wird in Übersee ganze zwei Longplayer releasen. Für den Umzug an die Atlantik-Eastcoast hat sie einen einschlägigen Literaturkanon über die Geschichte afroamerikanischen Unterdrücktseins gar nicht mal nur im Gepäck, sondern längst im Kopf abgespeichert. "Nur dank meinem Vater wusste ich, was in Sachen 'Schwarzer' Erfahrungen in den US im Gange war. Er ist tief im Afrikanismus verwurzelt und ließ mich etwa die Autobiographie von Malcolm X lesen, als ich 13 war und solche Sachen noch gar nicht ganz begreifen konnte", schildert die Rapperin dem Magazin Black Enterprise.
Erste Aufnahmen entstehen zwar bereits in England mit dem Jus Bad(d)-"Freestyle" unter Regie von DJ Pogo, und mit "I Can Do This", das später als Remix auf Monies Debüt-CD landet. Der Track "Freestyle" soll in je 2.000 Vinyl-Pressungen in Europa und in den USA verfügbar gewesen sein. Aus heutiger Sicht sind das Bandcamp-Verhältnisse und stellt sich das mikroskopisch dar, gegenüber der halben Million Exemplare von "Ladies First" ein Jahr darauf.
In New York findet der Teenager schnell Freunde. Es verschlägt Monie auf dieselbe High School wie MC Lyte, mitten in der Bronx - zu dieser Zeit gibt es von der Kollegin noch keine Aufnahme. Nach sieben Monaten in Ami-Land kehrt Monie mal kurz an die Themse zurück, verfolgt aber gebannt das Geschehen mehrere tausend Meilen über den Atlantik weiter. "Als dann eine Kassette kursierte, musste mir niemand sagen, wer das war - ich wusste es, weil ich ihre Stimme sofort erkenne", plaudert Monie in einem gemeinsamen Interview mi MC Lyte beim Sender NPR, und die beiden pflegen in ihren Anfangstagen (und auch heute wieder) stilistische Ähnlichkeit.
Zuhause war sie behütet aufgewachsen, "super-grounded", wie sie in einem Gespräch mit The Real Hip-Hop bekundet - sie sei froh, das sagen zu können, es habe sie geprägt. Zu ihrem 18. Geburtstag lassen sich die Eltern jedoch scheiden. Angesichts der zerbröselnden Familie und des Magneten Bronx hält die stürmische Jugendliche nichts zuhause fest. Abermals setzt sie sich ins Flugzeug Richtung Big Apple und lacht sich dort zwei neue Familien an, eine private und eine berufliche.
Wie eine Familie fühlt sich für sie das Netzwerk der Native Tongues Posse an. Aus deren Kreisen befreundet sie sich 1989 mit dem ein Jahr älteren Posdnuos von De La Soul, mit der gleichaltrigen Queen Latifah, beide bei Tommy Boy unter Vertrag, und mit Jungle Brother Nathaniel Hall a.k.a. Afrika Baby Bam, von Warlock Records, der auch so jung wie Monie ist. Zudem führt man sie mit dem acht Jahre älteren, bereits renommierten Beatmaker Marley Marl zusammen.
Die Londonerin stößt somit ins Epizentrum des damaligen Hip Hop-Bebens vor, ist mittendrin statt nur dabei. Im Herzen der Kultur aus Graffiti, Breakdance, Scratchen, Spitten und einem kontextuellen Wissen, für das ihr Vater ihr ja bereits die Grundsteine gelegt hatte, fühlt sie sich aufgehoben und angekommen. Hier könne sie sie selber sein, erinnert sie sich später. Die Begeisterung kulminiert in Beiträgen für die Jungle Brothers und im gemeinsamen Tongues-Tune "Buddy", den De La Soul für einen Remix mit den ganzen Kumpels teilen. Auch A Tribe Called Quest mischen mit, Frau Love lernt Ali Shaheed Muhammad kennen, und die ganze Crew lässt allerfeinsten Posse Cut-Style vom Stapel. Mental verbinden viele Dinge Monie und die anderen jungen Protagonist:innen: Der Netzwerk-Gedanke, der Afrozentrismus der Universal Zulu Nation, gegenseitige Unterstützung von Afroamerikanern und Afro-Caribbeans, "U.n.i.t.y.", wie Latifah buchstabiert, am Rande auch Solidarität zwischen Frauen untereinander, wobei Monie das erst später bewusst wird, als die Zeiten sich ändern, und: Positivität - das Gegenteil von Gangsta-Rap!
Bereits zu der Zeit hätten andere gerne ihre Texte, beispielsweise meldet sich Prince für sein Projekt Carmen Electra. Und auch unter Pseudonymen textet Monie auftragshalber. Ihre Stimme ist ebenfalls gefragt, sodass Label-Kollegin Adeva mit ihr eine teils gerappte Version des Knallers "Respect" festklopft.
Monies eigenes Debüt "Down To Earth" landet auf Platz 32 in der Schweiz und rangiert ähnlich hoch in anderen Ländern, so auch in ihrer britischen Heimat. Rundum die LP kursieren mehrere Single-Hits, von denen "It's A Shame (My Sister)" unter Verwendung einer Stevie Wonder-Komposition der souligste wird. Dafür sorgt auch ein harmoniesatter Background-Chor namens True Image. Der bunte, durchtanzte Videoclip zaubert augenblicklich gute Laune. Die Newcomerin tourt im Vorprogramm für Keith Sweat und Bell Biv Devoe - und das bis in den siebten Monat ihrer Schwangerschaft hinein. Denn auch privat scheint sie ihr Glück gefunden zu haben, heiratet. Solange sie gesund bleibe und die Vorsorgeuntersuchungen nicht verpasse, ziehe sie die gebuchte Tournee durch, entscheidet sie. Denn sie lässt sich ungern beirren, getreu dem Slogan "Down To Earth".
Tochter Charlena kommt zwischen dem ersten und zweiten Album zur Welt. Schnell ist die frisch gebackene Mama wieder zurück im Geschehen, 21, belastbar, motiviert. Doch der US- und Kanada-Vertrieb ihrer Scheiben, Warner Brothers, mischt sich zunehmend in die künstlerischen Entscheidungen ein und will die junge Frau unter Druck noch höher pushen, insbesondere mit Image-Veränderungen und dem Medium Video. Die Tatsache, dass Prince - der sich in dieser Zeit in Symbol/TAFKAP verwandelt und sich selbst von Warner eingeengt fühlt - ihre Beats bauen soll, verschreckt Monie Love. Zu ihrer Identität als Rapperin passe das nicht. Letztlich sammelt sie aber interessante Erfahrungen im Paisley Park. Sie bewundert die dortige Arbeitsatmosphäre.
Zwei Tracks stammen dann tatsächlich von Prince und dem damaligen Gitarristen der New Power Generation, der eine wird in Deutschland sogar ein kleiner Hit: "B.R.E.E.D." Die anderen Songs schreibt sie mit Marley Marl. Heraus kommt am 23. März '93 ein erstaunlich Elektronik-lastiges Gesamtwerk. Für die Geschichte von Hip-House hat "In A Word Or 2" durchaus einen hohen Stellenwert, dennoch wird die Platte rückblickend in Fan-Portalen und seinerzeit auch vom Plattenvertrieb als eher mau bewertet. Sie klingt deutlich anders als die erste. Es ist ein völlig anderer Stil, nichtsdestotrotz eine ernst zu nehmende CD. Allerdings verströmen die Lyrics nicht mehr die Leichtigkeit und Unverkrampftheit des Erstlings. Der Native Tongues-Charakter dringt kaum durch. Der Track "Full Term Love" findet Verwendung im Soundtrack zur Kinokomödie "Class Act" und erreicht dadurch ein sehr großes Publikum.
Weitere Aufnahmen erscheinen jahrelang nicht, außer "Saturday" mit Cunnie Williams. Ansonsten zieht Monie sich ratlos zurück, will sich nicht verbiegen. 1997 wird sie erneut Mutter. Über ihrer Ehe ziehen dunkle Wolken auf. Drei Jahre lang schlägt ihr Mann sie, gaslightet sie. Sie entscheidet sich schließlich fürs Alleinerziehen ihrer Kinder. Die Single Mum braucht aber Geld dafür, aus den Verkäufen ihres einzigen weiteren Hits "Slice Of Da Pie" (2000) lässt sich kein Lebensunterhalt bestreiten. 2004 wird sie für drei Jahre lang Radiomoderatorin bei Beat 100,3 FM. Der Sender beschallt eine große Region von Washington bis Philadelphia im UKW.
Sie weiß um ihren reichweitenstarken Namen, der Sender belohnt ihre zugkräftige Prominenz und Szene-Kenntnis jedoch beim Aushandeln einer Vertragsverlängerung nicht. Als sie sich bei einem Interview mit Jeezy über Jay-Z, Lil Wayne und Nas' Album "Hip-Hop Is Dead" live in die Haare gerät, prallen Trap-Youngster und Boom Bap-Legende frontal aneinander. Young Jeezy verlässt mitten im Wortgefecht das Studio, und Monie steht kurz vor Weihnachten 2006 ohne Job da.
Dass Hip Hop klinisch tot sei, findet sie aber weiterhin, und greift zu Wiederbelebungsmaßnahmen. Als Host der True School Corporation zieht sie gemeinsam mit 9th Wonder, The Roots-Drummer Questlove, Spinderella und einem Dutzend weiterer Altgedienter zwecks Rap-Wurzelpflege durch die Lande. Live-Performances ergänzen die tief in die Plattenkiste greifenden DJ-Events, klassischen Schmuse-Soul und R'n'B inklusive. "True School leistet großartige Erinnerungsarbeit (...) weil man das Zeug dort sonst anderswo gar nicht mehr zu hören bekommt", freut sich Monie Love, als sie das Konzept bei NPR vorstellt.
Von den Jüngeren bewundert Monie die Kollegin Jean Grae, Eve und auch (die mit Nelly liierte) Ashanti, der sie zum Karrierestart Tipps gegeben hat. Trotzdem sieht sie sowohl ein Geschlechter- als auch ein Generationenproblem. "Das hat wohl zum Teil auch damit zu tun, wie Frauen in ihren Videos wahrgenommen werden, wenn sie so vermarktet werden, als wären sie einfach Video-Komparsinnen, selbst wenn sie die eigentlichen Personen am Mic sind."
Das Internet beginnt Monie als MySpace-DJ für sich zu nutzen. Dem Radio hält sie die Treue, um ihre Brötchen zu verdienen. Auch wenn sie zugibt, im Studio oft die Lautstärke herunter zu drehen und sich mit der gesendeten Musik nicht zu identifizieren.
Privat findet die Frühaufsteherin ihr neues Glück mit dem jamaikanischen Sänger Tony Tuff. Ihn heiratet sie 2008, mit ihm hat sie die beiden Kinder Nekhi und Lacy, die sie 2007 und '08 gebärt. Mit ihrem Ex-Mann und Vater ihrer ersten beiden Kinder bricht sie zum Wohle ihrer seelischen Gesundheit vollständig den Kontakt ab.
Ihre nächste Radio-Station heißt bis 2015 SiriusXM - ein Satellitenradio -, wo sie ihre Show 'Ladies First' sendet. Dann weckt sie mit 'Monie In The Morning' täglich bei Boom 107,9 in Philadelphia die Leute. Seit Mai 2019 sendet sie aus Atlanta, Georgia, bei Kiss 104,1 WALR. Einen weiteren Wohnsitz hat sie in Miami und bleibt der Ostküste somit treu.
Zwischendurch meldet sie sich mit einer Projektgruppe namens Heresy 2015 in kritischen Tönen zurück und attackiert stereotype Übersexualisierung im Business. Dies sei eine grassierende Krankheit im Genre, wie sie im Song "Da Call Out" darlegt. Sie flankiert den Release durch ein Interview, in welchem sie sowohl Medien als auch Labels die Schuld zuweist, von denen man für den Zugang zu Studios und fairer Vermarktung abhänge.
Im Lockdown und zum 50. Geburtstag des Hip Hop im Sommer 2023 meldet sie sich endlich als Künstlerin wieder zu Wort. Mit T3 von Slum Village, ihrem mittlerweile Manager gewordenen Tony Tuff, Amil, Premier und einigen jüngeren Artists veröffentlicht sie ihren dritten Longplayer "Love Notes" im Herbst 2025, eine schöne EP. Für die Zukunft plant sie ihre Memoiren zu veröffentlichen und weiterhin für althergebrachte Skills und für Message im Hip Hop statt fluktuierender Trends einzustehen.


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