laut.de-Kritik
Highspeed-Zungenschlag auf starker Sample-Architektur.
Review von Philipp KauseIm Fahrwasser der bis heute berühmten Queen Latifah errang 1989 die Duettpartnerin von "Ladies First" kurzzeitig Kultstatus: eine lebende Wortkaskade namens Simone voller Liebe - oder einfach: Monie Love. Der Ohrwurm "It's A Shame (My Sister)", ihr programmatischer Claim "Monie In The Middle" und das Titellied ihres Debüts, "Down To Earth", sind ihre großen Hits neben dem Anita Ward-Cover "Ring My Bell vs. Adeva". Die meisten anderen Tracks des übersprudelnden Albums hätten gleichfalls das Zeug dazu gehabt - hätte man auch sie ausgekoppelt.
Die Rapperin blieb "Down 2 Earth", ganz auf dem Teppich. Understatement bewahrt sie sich als ihr Markenzeichen. Ihr MC'ing flowt ohne jede Wichtigtuerei. Bis vor kurzem trat Monie über drei Jahrzehnte lang fast nur als Radiomoderatorin in Erscheinung - bis sie Ende Oktober 2025 ihre "Love Notes" vom Stapel ließ. Nach zwei wunderschönen Alben Anfang der Neunziger - eben "Down To Earth" und "In A Word Or 2" - stellt ihre neue EP erst den dritten längeren Release dar.
Die Londonerin - quasi "an Englishwoman in New York" hält bis heute einen besonderen, unangefochtenen Status in der Hip Hop-History: Als Engländerin zählt(e) sie zur eigentlich in der Bronx und in Queens beheimateten Native Tongues Posse - das heißt zur Traube um A Tribe Called Quest, De La Soul, Latifah, also der geballten Repräsentanz der Conscious-MCs. Ihre zweite Besonderheit: Ähnlich wie die Jungle Brothers rekurriert Monie in ihren Beats mehr als deutlich auf den House der Achtziger und liefert somit den Blueprint für heutige Acts wie Doechii, bei denen dieser Sound wieder boomt und als hip erscheint.
Schließlich weicht Monie dann noch in einer dritten Dimension von Merkmalen vieler ihrer Zeitgenossinnen ab. Sie geht mit 70 Minuten ins Rennen, nach Vinyl-Maßstab einer Doppel-LP. Zum einen hatte sie viel zu erzählen, zum anderen leistet sie sich zwei lange Remixes gegen Ende. Fragt und sucht man nach Frauen in der Musikgeschichte, die einen Abdruck mit Hardcore-Rap und relativ rauer Musik hinterlassen haben, landet man unweigerlich bei ihr.
Neben diesen formalen Gesichtspunkten stechen die superbe Qualität der unterlegten Beats, die Aggressionsarmut ihrer Texte und das Tempo ihres Zungenschlags hervor, z.B. In "Pups Lickin' Bone" oder "Don't Funk Wid The Mo", einem Tempo, bei dem 99,99 Prozent der Menschheit sich verhaspeln und tausend Mal versprechen würden. Monie, mit 14 an der Themse durchgestartet, ist eine echte Könnerin und lebt das Spitten ohne Fake-Schnickschnack aus - gemäß ihrer eigenen Liedzeile "Using no fakeness no frauds no gimmicks / tricks of the trade played-out" (aus "Race Against Reality"). In dem Veröffentlichungs-Monat, als der Milli Vanilli-Betrug auffliegt, steht sie mit "Down To Earth" in willkommenem Kontrast fürs echte Handwerk ein. Sie verkörpert das weibliche Pendant zum Ragga-Highspeed-Wunder Daddy Freddy, der damals an der Schranke zwischen Dancehall und Hip Hop das UK unsicher macht.
Ihr lyrischer Content nähert sich den verhandelten Themen von einer relativ ernsten, beinahe recherchefreudigen Seite und zeigt die während der Aufnahmen 20 werdende Rapperin reif und problembewusst und so genau und bildlich wie eine Drehbuchschreiberin oder Reportagen-Journalistin. Sie nimmt uns immerzu mit ins Geschehen und überlegt gründlich, wie sie den Platz in den Songs ausfüllt. Dabei hat sie meistens zu viel Material und Beobachtungsreichtum und Witz und muss die Masse in ein paar Minuten komprimieren. Die Lösung: Eben schneller rappen.
Ihre filigrane Milieustudie "Read Between The Lines" auf einem dissonanten und stoischen Funk-Riddim sammelt sehr ordentlich eine Fülle an Details, um eine Familie zu skizzieren, die aus einem Drogendealer, einem anorektischen Mädchen, einem Typen, der seine Frau schlägt und immer besoffen ist, der überforderten Mutter, dem stets abwesend gewesenen Vater, Messietum und Unorganisiertheit besteht. Das Muster aus Bassline und Schlagabfolge an der Electro-Snare von Minute 0:39 bis 2:03 entlehnt Monies Producer-Crew der Funk-Band Young & Company, die mit ihrer Sängerin Jacqueline 1980 den Song "I Like What You're Doing To Me" produziert hatte. Das Dissonante in der Melodie entstammt einem bis heute nie auf CD erschienenen Album der Detroiter Gruppe (The) New Birth. 1974 hatte Berry Gordys Schwager, Harvey Fuqua, das produziert worden, es taucht hier als Sample auf.
"Pups Lickin' Bone" erweist sich zwar bisweilen als böser Song, erschöpft sich aber nicht in flachen Floskeln, sondern stellt sehr genau illustriert ein Fremdgeh-Szenario dar. Die Betrogene, deren Typ ihr fast ausgespannt wird, zeigt ein reduziertes Männerbild ("Men are dogs, so come on honey / don't tease them / They don't need you licking on their bones for you to please them."). Der Fokus liegt aber darauf, wie sich die Nebenbuhlerin selbst zum Objekt erniedrigt und auf der Frage, ob sie dies nötig habe. Hier referiert Monie auf ihren anderen Song "Ladies First" und postuliert: "Ladies First is the move". Am Ende warnt sie die "Sister" und "Twin" genannte Geschlechtsgenossin vor Tripper und AIDS, wenn sie in zu vielen Betten herum springe - der Zeitgeist der späten Achtziger und die allgegenwärtige Angst vor HIV-Infektionen lassen grüßen.
In "Race Against Reality" gräbt sich Monie Love zu manchen Forefathers der Native Tongues (im Geiste) zurück, zu den Last Poets wie auch zu Gil Scott-Heron und redet ihrer Community ins Gewissen. Womöglich fällt ihr das in ihrer jugendlichen Unverbrauchtheit und ihrer Londoner Distanz zu den amerikanischen Großstadt-Problemen leicht: "Why's it so hard to understand, black man, his needs and demands?!", fragt sie forsch und geht damit schon arg aufs Ganze. "Even more so brothers and sisters be dissin' themselves", legt sie den Finger auch in die Wunde des Gangsta-Rap und seiner Eigenschaft, sich im Klein-Klein persönlicher Selbstdarstellungen und Fehden zu verzetteln, anstatt für eine Gemeinschaft ein besseres Standing zu erwirken.
"Going alone with the stasis throne / the ignorant tone is in a class of its own", so beklagt die Conscious-Rapperin das Verharren im Status Quo, das Problem, dass sich nichts ändert, solange man sich der Selbstkritik verweigert. Die enervierende Bassline stammt vom New Yorker Fusion-Freejazz-Septett Byron Morris & Unity aus den Siebzigern. (Die wenigen verfügbaren Vinyl-Exemplare weltweit werden inzwischen dreistellig gehandelt.)
Das Raritäten-Level der erlesenen Sample-Quellen macht einen der vielen attraktiven Reize von "Down To Earth" aus. Hier lernt man en passant so manches über Musikgeschichte, und zwar vor allem hinsichtlich Jazz- und Funk-Ensembles, die jeweils ihrer Zeit ein paar Schritte voraus waren oder in ihrer Ära absolut hundertprozentig den Zeitgeist trafen. Einen prominenten Schnipsel gibt es freilich auch, womit wir bei einem anderen Meilenstein-Kandidaten wären, Roy Ayers. Dessen LP "Everybody Loves The Sunshine" schlachteten viele aus, meist den Titelsong - einige aber auch "Hey Uh-What You Say Come On", aus dem sich der Titelsong "Down To Earth" bedient, und zwar in diesem Falle fürs markante Intro mit dem mehrmals ausgerufenen Slogan "hey, you, what you say?! Come on!".
Für einen weiteren Meilenstein sorgten die Herren Cox & Steele, auch bekannt als Instrumentalisten der Fine Young Cannibals. Andy Cox erfand die Gitarren-Riffs, David Steele war der Multiinstrumentalist, in dessen Aufgabenbereich die oft genutzten Drum-Machines der Kannibalen fallen. Gleich zu Beginn der ewigen Schaffenspause des Trios FYC ergatterten Cox & Steele etliche Produzenten-Jobs in der House-Szene und gerieten so auch an Monie Love, die bei einem House-Label unter Vertrag war. Die beiden ersten Tracks auf "Down To Earth" und somit die beiden bekanntesten gehen aufs Konto von Andy und David, von denen völlig unklar ist, wo sie abgeblieben sind und was sie heute treiben. Eine Besonderheit: Bootsy Collins zupft hier die Klampfe.
Zwei weitere Tracks folgen weiter hinten auf dem Album, und zwar "I Do As I Please" mit Bootsy und gleichzeitig einer so sehr prägnanten Funkrock-Gitarre, dass der Tune auch von den Fine Young Cannibals stammen könnte und genau deren Sound fortführt. Und schließlich sampelt "I'm Driving You Crazy" ganz einfach deren großen Hit "She Drives Me Crazy". Trotz der coolen Keys-Synkopen dient der Tune aber hauptsächlich als Cool-Down und als entspannter Prä-Rausschmeißer an der vorletzten Position des langen Albums - freilich würde man Monie hier auch acapella zuhören, aber es ist nur zu verständlich, dass man damals die Welle des Welthits aufgreifen wollte.
"Monie In The Middle" sampelt auch, allerdings auf der Latin-Spielwiese. Unter anderem kommt der kurzzeitige Santana-Trommler Coke Escovedo als Quelle zum Vorschein. Der Videoclip zu "Monie In The Middle" kann als Beweisstück gelten, wenn man die Spurensuche zum Ursprung von Baggy und Oversize in der Mode und grellen Anything goes-Farb- und Formen-Kombinationen antreten will. Im Song ist sie eine Schülerin, die den zentralen Platz im Klassenzimmer besetzt. Sie ist auf einen Typen scharf, der das allerdings nicht checkt. Ein anderer scharwenzelt um sie herum, aber den findet sie langweilig.
Da alle Jungs im Song auf den Namen 'Brother' hören, nimmt die Engländerin auch hier ein Stück Jugendkultur der 2020er vorweg. Um die Kerle auseinander zu halten, gibt die Ich-Erzählerin dem, auf den sie steht, dann den Namen "the other brother". Eine gewisse rhythmische Ähnlichkeit zu Everlasts "Jump Around" ist dem Song nicht abzusprechen, allerdings waren Monie, Steele & Cox mit ihrem Lied lange vor ihm dran.
"It's A Shame (My Sister)" setzt als Heartbreak-Tune das Thema 'unerfüllter Love Crash' fort. Musikalisch darf hier das Motown-Archiv als Inspiration herhalten. Monie tritt ausnahmsweise singend und im Video mit Lockenpracht auf, dort bewegen sich alle im wogenden Tanz, der zu diesem Lied gut passt. "R U Single" behandelt dann die Gesprächstechniken, um auf einer Party herauszufinden, wer eigentlich Single ist. "Just Don't Give A Damn" erteilt in Dialogform toxischen Beziehungen eine Absage, kommt dabei lustig und spielerisch daher und klingt mehr wie eine Art Spoken Word-Funk als nach purem Rap.
Bei Prince in die Lehre gegangen scheint das donnernde "Don't Funk Wid The Mo", in dem die Rapperin zugleich das Freche und Einheizende von Neneh Cherrys "Raw Like Sushi" ausrollt. Hier tritt Monie ihre eigene Geschichte breit: Wie sie in die Musik fand. "My mom said, 'Monie, you as a talented child! I'm a gonna see my friend, who has a job as a producer ..." - Die Mom überschätzt ihn und das Vitamin B allerdings. Er wünscht sich Schmiergeld, um Monies Talent zu fördern. Das Spiel geht nur kurze Zeit, man braucht das Equipment, die Studioräume. "But you ain't do nothing but sit on your butt and slack / I'm gonna take my rhyme sheets along with my master tapes / Then perform them to the industry, of which it is my fate", regt die Teen-Rapperin sich auf.
Er hocke sich nur den Popo platt, sie werde ihre Master-Tapes mitnehmen und draußen auf eigene Faust Plattenfirmen anbieten. Als er dann dreist wird und sich die Credits für ihre Zeilen unter den Nagel reißen will, reicht es ihr. "If you feel you can stop me, bro / I'm releasin' my cut! / Don't funk wid the Mo!" Die Mo ist sie, die zu dieser Zeit ja eben noch Si-Mo-Ne heißt. "Oh, wow, that was dope", lobt sie sich dafür, dass sie ihm die Meinung geigt.
De Qualität der Beats garantierte die Kombination aus Afrika Baby Bam, Kevin Maxwell und Jerry Callendar. Kevin war in den Neunzigern ein gefragter Session- und Tour-Drummer in England. Dort etablierte er sich mit quirliger, scharfkantiger, aber auch melancholischer Musik auf Adrian Sherwoods Label. Wie Jerry trieb er sich in den Kreisen des New Yorker Tommy Boy-Labels herum. Er bekam Aufträge, zum Beispiel für RZA. Jerry Callendar findet sich außer bei Monie Love sonst das ein oder andere Mal in Credits von Interpretinnen, die es nie bis zu einem Album brachten und auch in der Tommy Boy-Bubble aktiv waren. Afrika Baby Bam war auf Monie im Zuge einer Jungle Brothers-Plattenproduktion aufmerksam geworden, wo sie mehrmals als Background- und einmal als Gaststimme aufkreuzt, und er ist mit ihr befreundet.
Somit schließt sich der Kreis zur These, dass die Londonerin eben auch waschechter Bestandteil der Native Tongues Posse war und in "Detrimentally Stable" und "Swiney Swiney" mit entsprechendem Jazz-Hop aufwartet. Und sie war auch Underground-Perlentaucherin. Lange bevor The Roots je etwas veröffentlichten, zitiert sie die Gruppe in "What I'm Supposed 2 B", auch hier geht es um ein Vorstellungsgespräch, aber nicht bei einem Produzenten.
Monie sucht Auftrittsgelegenheiten und vermarktet sich als Highlight auf Partys. Das Gespräch beginnt, indem man sich über Musiktipps austauscht und sie dem Booker ihre Lieblingsaufnahmen vorspielt: "Yo, I think I sound swell / You ain't rollin with the The Roots?! / Oh well, the stuff, you shuffle it, it's not to Monie's taste." Auch dieser Tune versetzt zurück in die Phase, als die Rapperin, mühsam und gegen Zweifel und Widerstände, versucht Fuß zu fassen. Autobiographische Anteile: Dass sie im fremden Land reüssieren würde, traute ihr in Londoner Szenekreisen nicht jeder zu, und mit Questlove war sie in ihrer Laufbahn öfter mal connected. "I had no album, I had no nothin' / Cause this was back in the days, and yet still they was discussin' the Mo. / What's your problem?!"
Sie lässt sich aber nicht aufhalten und tritt für ihre Unabhängigkeit ein. "Is it not my decision if I choose to be rebellious?", fragt sie aufreizend in "I Do As I Please". Auf andere Meinungen gibt sie herzlich wenig. "Otherwise, you know what you can do with your view: A dictator is the last thing I need / The reason is: I'll do exactly as I please!" - In Anspielung auf die damaligen Zeitläufte reimt sie "Nelson Mandela is free - So am I". Sie sei mindestens so frei wie Mandela und tue daher, was sie wolle. Die Gitarre erzittert unter ihr - ein früher Fall von Crossover-Rock-Rap. Und der Brückenschlag zum Psychedelic Soul im genial zusammengebauten "Give It 2 U Like This" setzt der sowieso schon erstklassigen LP die Krone auf.
"Ring My Bell vs. Adeva", das Duett der sportlich singenden Adeva mit der Stakkato rappenden Monie Love war ein Werbe-Gag des Labels, das die Aufnahme mit "a super super heavybass contest" untertitelte und damit die Aufmerksamkeit der britischen DJs gewann. Im April 1991 war dieser Mix laut einer Umfrage unter 500 Nacht-DJs der zweithäufigst rotierte Track in den Clubs des UK.
Was die Tanzfläche angeht, muss man "I Can Do This" loben. Hier findet sich bereits eine vortreffliche Verwurstung des Kunstgeigen-Disco-Knallers "And The Beat Goes On" der kalifornischen Indie-Soul-Gruppe The Whispers. Dasselbe Stück adaptierte später Will Smith für seinen Hit "Miami", der auf den Dancefloors der halben Welt einschlug.
"Down To Earth" ist eines der Referenzwerke für die Schnittstelle von Hip Hop-Sample-Culture und Wortakrobatik auf der einen und von elektronischer Musik, EDM, Dancefloor, House, Acid, New Jack Swing und Vorläufer für Jersey Club auf der anderen Seite. Es ist ein sehr geschichtenreiches und textlastiges Album, das den Hooklines ebenso viel Raum gibt wie den gerappten Strophen und einen leichten Zugang zum gespitteten Wort bietet, zumal Monie ihre Texte super strukturiert und keine Zeit mit Füllseln, Phrasen oder Floskeln vertut. Sie rappt ihre Stories herunter, als erzähle sie sie einer guten Freundin am Telefon.
Diese Fertigkeit, aus einfachen Worten und geradlinig durcherzählten Plots tatsächlich einen gereimten Flow hinzubekommen, trägt sicher viel zur Zeitlosigkeit dieses Werks bei. Es macht aufgrund der edlen Beats und der exquisiten Sample-Auswahl enormen Spaß zuzuhören, auch heute noch. Dass Hip House an vielen Stellen - denke man an die Verschmelzungen im alternativen Deutsch-Rap - ein Revival erfährt, macht dieses Album wieder aktuell.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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