Ein promovierter Musikwissenschaftler erläutert die alle Lebensphasen und -bereiche durchdringende Kraft der Musik: etwas dadjokey, aber fundiert.

Berlin (dani) - In Zeiten, in denen die Wissenschaftsfeindlichkeit irre Blüten treibt, ist einfach immer eine Wohltat, Personen zuzuhören, die wirklich wissen, wovon sie reden. Die mit Fakten, Studien, sachkundig erhobenen Daten argumentieren statt mit ominösem Bauchgefühl. Gerade, wenn es um eine so emotionale Angelegenheit wie Musik geht. Insofern rennt Dr. Pop mit "Macht Musik!" (Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, gebunden, 23 Euro) bei mir offene Scheunentore ein.

Obwohl sich der Autor hinter seinem einigermaßen bescheuerten Alias versteckt, bekommen wir es hier mit einem echten Wissenschaftler zu tun: Hinter den Pseudonym steckt Markus Henrik, und der wiederum ist nicht nur Kabarettist, Komiker und eine (zumindest im Sendegebiet des Rundfunks Berlin-Brandenburg bekannte) Radiopersönlichkeit. Nö, der Mann ist außerdem Pianist, offenbar glühender Billy Joel-Fan (woran nichts Verwerfliches ist), und vor allem ist er promovierter Musikwissenschaftler. Der Doktortitel, den er so flapsig vor sich herträgt, basiert also auf ehrlich erworbenen akademischen Würden. Juhu.

Dieser Wissenschaftler schreibt nun ein Buch über die vielfältigen Effekte der Musik und beruft sich dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse: Das klingt eigentlich erhellend und so spannend, wie es tatsächlich ist. Wer hätte nicht gerne stichhaltige Argumente dafür, etwas so Vergnüglichem wie Musik noch mehr Zeit zu widmen? Wie ja sichtlich recht gut belegt ist, wirkt sie sich in jedem Alter auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens aus, und das unterschiedslos positiv und, von gelegentlichem Ohrwurmbefall abgesehen, nahezu nebenwirkungsfrei: Wie cool ist das?

Leider scheint die Furcht davor, allzu trocken zu wirken, den Verfasser unentwegt vor sich herzutreiben. Immer wieder glitscht er deswegen in eine gewisse Dad-Jokiness, die er als Radiomoderator oder Stand-Up-Comedian wahrscheinlich braucht. Sein Buch wäre ohne den hin und wieder arg gezwungen witzelnden Tonfall allerdings besser gelungen. Eventuell wäre der Autor als Dr. Markus Henrik auch minimal seriöser rübergekommen als "Dr. Pop". Von wem man sich letzten Endes aber lieber behandeln lassen will, bleibt wahrscheinlich einfach Geschmackssache.

Bitte den eigenen Acker pflügen. Danke.

An der Sachkunde des Autors bestehen keine Zweifel - so lange es nicht um Hip Hop geht. Mag sein, dass ich dahingehend vorbelastet bin und deswegen ein wenig dünnhäutiger reagiere als andere Kinder, aber Spässeken des Kalibers "Hilfe, mein Kind hört Gangsterrap, was soll ich tun?" mit der dazugehörigen Handlungsempfehlung "Einfach bei gemeinsamen Autofahrten ein bisschen Beatles in die Playlist packen. Das ist dann so, als würde man Gemüse unter die Pommes mischen." ... solches möchte ich von Menschen, die offensichtlich keinen Dunst von Hip Hop haben, echt nicht mehr lesen müssen.

Versteht mich nicht falsch: Es ist voll okay, keinen Dunst von Hip Hop zu haben. Sich gar nicht oder nur oberflächlich mit dem Genre befasst zu haben, oder Rap schlicht nicht zu mögen: ist alles legitim. Mir ist auch klar, dass ein Buch wie dieses nicht der Ort für tiefgehende Genre-Analysen ist, und der Autor wahrscheinlich auch der falsche Mann dafür. Aber dann soll er dazu doch bitte einfach den Rand halten, statt eh schon seit Jahren ausgenudelte Klischees zu replizieren und damit den falschen Eindruck zu verstärken, als bestehe Deutschrap ausschließlich aus provokant-aggressiver, sexistischer Gewaltverherrlichung und als pflegten alle "Hip Hop-Stars des 21. Jahrhunderts ... durch den erfolgsbedingten Reichtum einen aufbrausenden Lifestyle: mit Affären, Zockereien, dem Kauf von Villen, Motorbooten und Autos".

Jesses, ich kann die ungelenken Yo-Yo-Gesten, mit denen ältere Männer, gerne auch mit "ironisch getragener" umgedrehter Basecap auf dem schütteren Haar den Hip Hopper zu geben versuchen, vor dem geistigen Auge schier sehen. Lasst das doch endlich bleiben, bitte. Was man nicht kennt und nicht liebt, muss man nicht verspotten. Schon gar nicht, wenn man genügend andere Themenfelder hat, die man statt dessen auch kenntnisreich hätte beackern können. An des Autors Kompetenz zweifle ich ja gar nicht: Henrik/Dr. Pop weiß doch ganz offensichtlich jede Menge über Klassik, Rock oder Pop, und so, wie sich sein Fantum immer wieder Bahn bricht, hätte er wahrscheinlich auch jeden beliebigen Sachverhalt in seinem Buch mit irgendeinem Song von Billy Joel illustrieren können. Besser wärs gewesen.

Vom Mutterleib bis in die Grube

Desweiteren hätte geholfen, wenn jemand das Konzept im Blick be- und den Autor bei der Stange gehalten hätte. Eigentlich ist das Buch nämlich ausgesprochen sinnig gegliedert: Um zu zeigen, dass Musik wirklich alle Lebensbereiche durchzieht und in den verschiedensten Situationen hilft, durchschreitet der Autor nämlich ein ganzes Leben und nimmt nacheinander dessen Phasen unter die Lupe. Der Trip beginnt noch vor der Geburt, bei den Auswirkungen verschiedener Klänge auf Babys im Mutterleib, zieht über musikalische Kindheitserinnerungen, Abgrenzung im Teenie- und Nostalgieflashs im Erwachsenen-Alter bis ins Seniorenheim, wo Musik als Demenz-Prävention dient. Auch nach dem Tod wirkt sie noch fort, wenn die Auswahl der richtigen Songs für eine Trauerfeier Trost und Stütze für die Hinterbliebenen sein kann, oder eben ein letzter Witz des Verblichenen.

Diese chronologische Vorgehensweise ist super, zeigt sie doch, wie durchdrungen unsere gesamte Existenz von Musik ist. Abschweifungen ins Persönliche veranschaulichen einzelne Aspekte gut. Wenn der Autor seine eigenen Erfahrungen beschreibt, wie sich sein Klavierspiel auf sein Befinden auswirkt, passt das zum Thema. Wie allerdings jemanden jucken sollte, woher er sein Instrument hat, oder, noch langweiliger, dafür weit ausufernder beschrieben, in welchen Situationen er im Supermarkt erkannt wurde ... na, ja.

Harmlos?!

Ein Kapitel über "True Crime in der Musik" hätte ich nicht gebraucht, aber ein bisschen reißerisch muss es offenbar zugehen. Machste nix dran. Immerhin hat Dr. Pop mitgedacht und eine Triggerwarnung gesetzt, um entsprechend vorbelasteten Menschen vor unerwarteten Konfrontationen zu bewahren: an sich immer eine gute Idee. Angesichts der Platzierung der "Ent-Triggerwarnung" hätte man sich das Warndreieck aber auch sparen können: "Jetzt wird es harmlos", steht auf Seite 242 zu lesen, nur um auf den folgenden drei Seiten so plüschige Wohlfühl-Themen wie Gewalt gegen Frauen bis hin zum Femizid und Kindesmissbrauch abzuhandeln. Wir haben offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen von Harmlosigkeit. Betroffene bedanken sich vermutlich artig für die Retraumatisierung.

Achtet darauf niemand? Und überprüft niemand Song- und Albumtitel auf Fehler? Ein Track namens "Relay" (sic!) von Frankie Goes To Hollywood ist mir jedenfalls so wenig bekannt wie ein "Once Upon A Time In Shalin" (sic!) betiteltes Wu-Tang-Album (und ich habe derer einige gehört). Hallo, Kiepenheuer & Witsch, braucht ihr Lektor*innen? Ich wüsste da vielleicht jemanden ...

Mission erfüllt

Im Grunde ist all das aber Nörgelei auf vergleichsweise hohem Niveau. "Macht Musik!" erreicht nämlich durchaus, was es vermutlich erreichen wollte: Es zeigt die Allgegenwart von Musik, beschreibt ihre mannigfaltigen positiven Effekte und belegt das mit validen, nachprüfbaren Quellen. Optisch herausgehobene, kompakte Zusammenfassungen trümmern einem das Wesentliche noch einmal ins Hirn. Per mitgelieferter Playlist lassen sich angeführte Beispiele unmittelbar nachhören, und musikalisch ganz unbeleckten Zeitgenoss*innen helfen praktische, leicht anwendbare Tipps wohl wirklich dabei, Musik im eigenen Leben mehr Raum zu geben.

Das wichtigste aber: Dieses Buch macht verdammtnochmal Lust, auch im gehobenen Alter noch anzufangen, ein Instrument spielen zu lernen. Seinem doppeldeutigen Titel wird es also mehr als gerecht: Es beschreibt die gewaltige Macht der Musik und verbindet sie mit einer Aufforderung. Leute: Macht Musik!

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3 Kommentare

  • Vor 2 Stunden

    Naja, das bisschen Bauchgefühl, das er beim Thema Hip Hop hineinfühlt, macht ihn doch letztendlich sehr sympathisch. Wäre doch schlimm, wenn er als Doktor tatsächlich in allen Fakten fehlerfrei referieren könnte. Letztendlich ist doch genau das dann der Charme, Überlebenswille und auch die Überlegenheit des Genre Hip Hop: unterschätzt und immer wieder auf's Neue überlegen und verkannt, auch dank einer Rezensentin ohne Dr.-Titel im erwähnten Wissenschaftsbereich. Tja, Markus - der Trick mit den Beatles ist wohl gründlich in die Hose gegangen...

  • Vor 37 Minuten

    Tatsächlich ein sympathischer Typ mit großem Detailwissen zum Pop der 70er, 80er, 90er und dem Besten von heute.
    Dass Dani sich im HipHop besser auskennt als er: geschenkt.

  • Vor einer Sekunde

    Nun..Dani, dieses beschworene Bauchgefühl hat mich oft davor bewahrt gleichgeschaltet zu kreisen, doch vielmehr emotional kontra angeblich empirischer Beweislast zu agieren.

    Dazu gibt es nur einen Doc , namens Fumanschu