Rap-Pionier, Verbrecher, Geschäftsmann, Wohltäter, Kurde und Vater - die Doku "XATAR - Ein Leben ist nicht genug" arbeitet diese Facetten auf.
Bonn (mag) - Über eine Million Aufrufe verzeichnet der erste Teil der Dokumentation "XATAR - Ein Leben ist nicht genug" nach vier Tagen auf YouTube. In zwei Stunden erzählt die NDR-Trilogie die Geschichte von Giwar Hajabi, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen hieß. Alles beginnt am musikalischen Höhepunkt: dem Auftritt im Jahr 2024 in der Elbphilharmonie, ein hochkultureller Meilenstein, den Xatar mit Gangsta-Rap erreichte. Dann der Cut. Die Nachrichten bringten Xatars Todesnachricht, im Mai 2025, mitten in den Dreharbeiten der noch unfertigen Dokumentation.
Ehefrau und Weggefährten setzen Schwerpunkte
Von da an zeichnen Personen aus seinem engsten Umfeld das Bild eines Mannes, der, mehr Chamäleon als Mensch, seine 43 Jahre auf der Erde maximiert hat. Witwe Farvah Hijabi schwelgt in Erinnerungen an die Beziehung zu dem sieben Jahre älteren Musiker, Jugendfreunde Samy und Rapper Samy berichten von den musikalischen Anfängen am Brüser Berg in Bonn, und auch sein musikalisches Umfeld (inklusive Farid Bang, Labelmanager Dako, Haftbefehl, Schwesta Ewa) kommt zu Wort. Schon damals wusste Xatar, für seine Leidenschaft Musik ist das Motto "Alles oder Nix".
Kein Knast stoppte diesen Mann
"Alles ist so draußen - alles haben oder nix ist im Knast garnix haben" erklärte Xatar. Zahlreiche Vorstrafen wegen Körperverletzung und Drogenhandel gipfelten 2005 in Xatars erster internationaler Flucht vor einem Haftbefehl - er machte Fachabi, studiert in London und kehrte zwei Jahre später nach Deutschland zurück. Dann der Goldraub: Gemeinsam mit Freund Samy überfiel Giwar 2009 einen Goldtransporter und war mit der 1,8-Millionen-Euro schweren Beute zum zweiten Mal auf der Flucht in den Irak, das Land, in dem er als Kind mit seinen Eltern in Gefangenschaft war. Nach angeblicher Folter vom Geheimdienst wurde Xatar zurück nach Deutschland abgeschoben - und nimmt aus dem Knast das Album "Nr. 415" auf.
Familiäre Stimmen sind auch kritisch
Für frauenfeindliche Texte, Größenwahn, Kriminalität und Abwesenheit als Vater - der Musiker kassierte nicht nur von öffentlichen Stimmen Kritik. Auch seine Mutter, seine Ehefrau, Freunde, Kollegen und Geschäftspartner gehen mit seinem Verhalten ins Gericht. Dass Deutschrap und Musik in ihrer DNA sexistisch sind, betont Journalistin und Autorin Miriam Davoudvandi, eine gewisse Wendung ins Positive konnte sie bei Xatar dennoch erkennen. Seine Geschichte gleiche außerdem der vieler Migrant*innen in Deutschland: Kinder, die versuchen die Träume ihrer Eltern von einem guten Leben zu erfüllen – und sie im Fall von Giwar Hajabi sogar zu übertreffen.
Rap-Größe hatte Magenverkleinerung
Unternehmerisch dachte Hajabi groß. Er zog 17 Jahre lang sein erfolgreiches Plattenlabel AON auf, eröffnete mit dem Goldmanntower ein Hochhaus für Musik und Begegnung, machte selbst Musik und glaubte an andere, die ähnliche Träume hatten. Als A&R scoutete er Talente, unter ihnen Schwesta Ewa, die sich als erste Frau aus den Rotlichtmillieu in die Charts rappte. Auch später blieb er am Ball, macht aus Memes Business und holt eine junge Rap-Generation auf die Bühne. Es ist ein Lifestyle, der wenig Platz für Ruhe bietet; SSIO beschreibt den Musiker als iPhone: "Wenn der irgendwo ne Steckdose sieht, steckt er einfach mal kurz an und lädt bis 7% Akku auf". Das schnelle Leben und Übergewicht führen während der Dreharbeiten zu "Rheingold" zum Schlaganfall, danach lässt sich der Rapper den Magen verkleinern und krempelt sein Leben um.
Nie genug
Die Doku entwirft ein Bild voller Ecken und Kanten - der Versuch, ein vielfältiges Leben in zwei Filmstunden zu quetschen. Viele Informationen sind bekannt, puzzeln sich aber nach und nach zu einem schlüssigen Ganzen zusammen und werden mit einigen Insiderhappen ergänzt.
Anders als andere Filme über Musiker*innen definiert "XATAR - Ein Leben ist nicht genug" den Protagonisten nicht nur über seine Hoch- und Tiefpunkte, sondern primär durch Erinnerungen, die vor allem seine Ehefrau, seine Freunde, das Musikuniversum und die Medien an ihn haben. Genau dieses Umfeld arbeitet seit geraumer Zeit auch an der Veröffentlichung eines letzten, posthumen Albums, "das Persönlichste", sagt SSIO.
Xatars Todesnachricht wärend des Drehs der Dokumentation ist, neben ihrer Tragik auch eine der größten Herausforderungen, sagt Alex Barbian, einer der drei Drehbuchautoren. Das, was für ihn von Xatar bleibt, benennt ein Zitat von Schwesta Ewa: "Jedem, der ihm über den Weg gelaufen ist, wollte er eine helfende Hand geben. Leider hatte er nur zwei".

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