Großer Pop, der sich vor offenen Mündern aufbaut: Je länger die Schwedin ihr aktuelles Album live performt, umso mehr ergibt es Sinn.
Berlin (maxi) - "Iconoclasts" markiert nicht unbedingt Anna von Hausswolffs stärkstes Album. Die Schwedin plante, so schien es, allzu offensiv, jenes Bild zu stürmen, das von ihr als Künstlerin in der Öffentlichkeit kursiert: konzeptuell, minutiös, perfektionistisch, manchmal gar etwas zu verkopft.
Heraus kamen unter anderem ein viel zu rührseliges Duett mit Iggy Pop und etwas zu pompöser Fusion-Jazz. Nervenaufreibende Metal-Passagen und Momente wirklicher Anmut traten hinter dem völlig verständlichen Anspruch zurück, alles ein wenig anders machen zu wollen.
Gestern gastierte die Musikerin im Berliner Huxley's Neue Welt, das zweite Konzert der laufenden Tour. Das Set beginnt mit jenem Instrument, das ihr aktuelles Album prägt wie kein anderes: Die ersten Noten gehören dem Saxophonisten, dessen Instrument in "Facing Atlas" wie von Bendik Giske gespielt klingt, dem norwegischen Jazzer. Ebenfalls mit Zirkularatmung, glücklicherweise aber mit mehr Substanz und weniger Mummenschanz.
Obwohl "Iconoclasts" nicht vollends überzeugt: Nach von Hausswolffs ersten Versen weiß man, dass der Abend gut wird – wie eigentlich immer, wenn die Schwedin gemeinsam mit ihrer fünfköpfigen Band eine Bühne betritt. Die Konstellation bleibt dabei gleich: Schlagzeug, Bass, Gitarre, Saxophon und Synthesizer gruppieren sich um den Fixstern von Hausswolff, den ein Scheinwerfer von hinten anstrahlt und die Konturen des zierlichen Ausnahmetalents dabei scharf umreißt. Was besonders Eindruck schindet, wenn sie ihre blonde Mähne um den Kopf wehen lässt und bei härteren Stücken die Kulturtechnik des Headbangens einsetzt.
Geißelung im Dry January
Weiteres schmückendes Beiwerk auf der Bühne braucht es nicht, Gesang und Instrumente – insbesondere das Drumkit ist auf Anschlag – füllen die Halle und erzeugen Walls of Sound. Nach dem Konzert fühlen sich die Gehörgänge an wie sorgsam auswattiert, immerhin ein bisschen Geißelung für den Körper im Dry January.
Der ruhige Beginn des Konzerts ermöglicht einen verstohlenen Blick aufs Publikum. Bloß nicht zu viel gaffen, raunt der studierte Ethnologe in mir. Die Menge fällt erstaunlich gemischt aus, ein paar Metalheads mit langen Mähnen, ein paar Personen mit Tattoos, die aussehen, als fließe Teer durchs Aderngeflecht unter der Haut. Erstaunlich viele Leute sehen auch schlicht 'normal' aus, und in der ein oder anderen Ecke meint man, Unterhaltungen in skandinavischer Sprache zu hören. Während des zweiten langsamen Songs hält weiter vorne jemand eine einsame, ums Handgelenk gewickelte Lichterkette hoch – in ihrer Singularität eine schöne Geste.
Plötzlich macht die Platte Sinn
Spätestens "The Iconoclast" – von Hausswolff lässt sich betont theatralisch zu Boden sinken und singt im Liegen – mesmerisiert den Saal. Das Album macht tatsächlich immer mehr Sinn, je länger es live gespielt wird. Die Pop-Momente werden zu herausragenden Monolithen zwischen den Längen, den Zwischenspielen, die man bei von Hausswolff nicht erträgt, sondern gierig einatmet, auf die nächste Eruption wartend. Wo ihre Werke früher Autorenkino auf leisen Sohlen waren, halten nun die Mittel und Möglichkeiten Hollywoods Einzug – ohne Verlust der künstlerischen Integrität.
Wie es sich für eine fantastische Autorin gehört, vergisst sie auch nicht auf die Leitmotive ihres Schaffens: Vergänglichkeit, das Alter, die eigene Auslöschung als Chance und Grausamkeit, besonders perfide dargeboten in "The Mysterious Vanishing Of Electra" ("Dead Magic"), das seit acht Jahren fest zum Live-Repertoire gehört. Von Hausswolff dreht ihrem Publikum den Rücken zu und gibt mit der Rhythmusgitarre den Startschuss für die allumfassende Hoffnungslosigkeit, wiehert, schreit, fährt aus der Haut und zieht alle Blicke auf sich. Der Grund für die erstaunlich wenigen Smartphones, die sich über den Köpfen der Menge recken, liegt in genau dieser dominanten Bühnenpräsenz: Nicht, dass es nichts zu filmen gäbe, allein scheint kaum jemand daran zu denken.
Großer Pop baut sich vor offenen Mündern auf
Auch "Stardust" entpuppt sich live als Gewinn, weil mit dem Einsetzen jedes Instruments die Dynamik zunimmt: Das glasklare Drumming, das in den Saal hallt, die schweren Synths im unteren Frequenzbereich, die zeremoniellen Keys, die eine weitere Melodie aufmachen. Großer Pop, der sich da vor offenen Mündern aufbaut. Die markerschütternd vorgetragenen Entschuldigungen der Sängerin bei ihrem weinenden Ex-Partner erfüllen den Tatbestand des Anti-Liebeslieds: Selbst in den eingängigsten Momenten verweigert sich Anna Von Hausswolff dem Schmalz und wählt stattdessen die Überwältigung.
Als Letztes vor der Zugabe, es sind unbemerkt schon 75 Minuten vergangen, findet das Epos "Ugly And Vengeful" (ebenfalls von "Dead Magic") seinen Platz in der Setlist. Macht Sinn, kommen hier doch die Stärken der Künstlerin in Gänze zur Geltung: ein langes, dräuendes Intro, gleichsam ein ewig währender Sturz in die eigene Angst, eine rituell aufbereitete Beklemmung. Jeder Takt trieft vor Intensität, ehe die Schwedin die schier endlosen Register ihrer Stimme zieht. Man kommt nicht umhin, zu schreiben, was ohnehin evident ist: Dieser Gesang lässt keine Vergleichsgrößen zu. Als die Band daraufhin in voller archaischer Stärke einsetzt, vermittelt sich, weshalb von Hausswolffs Genre-Mix Black Metal inkorporiert.
Für die Zugabe kündigt die Schwedin an, ein Lied für ihre langjährigen Fans spielen zu wollen: Es handelt sich um ihr wohl bestes, "Funeral For My Future Children" vom Album "Ceremony" (2012). Dieses Stück Kammerpop-Perfektion bricht leider vor der Klimax – Pfeifenorgel-Fans wissen Bescheid – ab, um in die tragende "Iconoclasts"-Single "Struggle With The Beast" überzugehen. Es überrascht nach diesen anderthalb Stunden nicht, dass das etwas infantile Saxophon-Motiv, das die erzählerische Klammer ums aktuelle Album spannt, live eine ungleich größere Wirkmacht entfesselt. Diese überträgt sich direkt aufs Publikum, das sich seit einigen Songs ohnehin schon enthemmt bewegt.
Damit geht ein Konzert zu Ende, das Mehrwert zum Album geschaffen und dabei gelehrt hat, dass sich Livemusik noch lohnt, insbesondere bei Skepsis gegenüber dem Ursprungsmaterial – und das ganz ohne Iggy Pop.
Text: Maximilian Fritz. Fotos: Rainer Keuenhof.


























3 Kommentare mit einer Antwort
"Die Schwedin plante, so schien es, allzu offensiv, jenes Bild zu stürmen, das von ihr als Künstlerin in der Öffentlichkeit kursiert: konzeptuell, minutiös, perfektionistisch, manchmal gar etwas zu verkopft."
Jaja, das liegt am Bildungssystem der Schweden. Die lernen ja schon von klein an, zu kooperieren, Konzepte zu schreiben und auch viel Musik zu machen - zu interagieren und nicht gegeneinander zu arbeiten. Vielleicht hören einige im Berliner Regierungsbezirk an dem Abend mal genau hin, wenn das Fenster offen steht.
War einfach nur geil!
Schade dass der Text die Openerin Hinako Omori nicht erwähnt. Die war auch ganz großartig! ♥
War vorgestern in Hamburg. Ugly & Vengeful regelt sowas von. Ihr bester Song. Bester Song von Ceremony aber imho nicht Funeral, sondern Sova.